Martin Ambrosch/Hans Steinbichler: Das Dorf des Schweigens (ZDF)

Monumental

19.02.2016 •

Die Geschichte, die in dem Fernsehfilm „Das Dorf des Schweigens“ erzählt wird, findet an einem genau zu lokalisierenden Ort statt. Es handelt sich um den österreichischen Kur- und Wintersportort Bad Gastein, in der Berglandschaft der Hohen Tauern gelegen, an einem imposanten Wasserfall – alles geografische Begebenheiten, die in der Handlung mitspielen. Dass es hier nicht um die Abbildung einer Postkartenidylle geht, machen schon die ersten Bilder deutlich, die ein Alpenpanorama zeigen, das neben der erhabenen Schönheit zugleich unheilvolle Düsternis vermittelt. Ebenso wirkt das Dorf nicht wie eine aus vergangenen Zeiten stammende bäuerliche Lebensgemeinschaft, sondern vermittelt eher ein Bild von gegenwartsbezogener, betuchter Mondänität.

In diese Welt eingebettet ist eine Familiengeschichte, die sowohl mit dieser Landschaft korrespondiert als auch im Gegensatz zu ihr steht, insofern diese Bergwelt zwar auf drohendes Unheil verweist, aber gleichzeitig auch das Bild einer vollkommenen Natur heraufbeschwört, der dann eine unvollkommene, in Unordnung geratene Menschenwelt gegenübergestellt wird. Hier kommt die besondere Filmhandschrift des Regisseurs Hans Steinbichler deutlich zum Ausdruck (Produktion: Network Movie Hamburg).

Doch am Anfang scheint auch das Familienleben der Perners noch perfekt zu sein: Der Zuschauer lernt ein junges Paar kennen, Christian und Eva, kurz vor der Hochzeit, im harmonischen Umfeld mit der Familie von Evas älterem Bruder Max und ihrer Eltern Hans und Karin, einem Würde ausstrahlenden, aber schon betagten Großelternpaar. Diese scheinbar so heile Welt zerbricht im Lauf der Handlung und Abgründe tun sich auf, die letztlich so tief erscheinen wie die gezeigten Berge hoch sind und der Fallhöhe des immer wieder ins Bild gerückten Wasserfalls entsprechen.

Die ersten Risse im Familienidyll zeigen sich mit dem Auftauchen eines einst aus dieser Welt verstoßenen Familienmitglieds: Lydia, die ältere Schwester der Braut, ist plötzlich wieder in ihrem Heimatdorf. Und sie macht einen verstörten Eindruck, ihr Verhalten ruft Irritationen hervor. Sie zeigt den Verlobten ihrer Schwester wegen Vergewaltigung an, worauf der aufgeschreckte Familienclan, insbesondere in Gestalt der Großmutter und Grande Dame Karin, mit Diffamierungen reagiert: Lydias Verhalten wird als Ausdruck einer schizophrenen Erkrankung erklärt, die bereits während der Pubertät ausgebrochen sei und zu langjährigen Klinikaufenthalten fern der Heimat geführt habe. Auch ihr unerwartetes Auftauchen in der Heimat wird als Folge eines erneuten Krankheitsschubs gedeutet, in dessen Folge sie ihren Arbeitsplatz in den USA verloren habe, weshalb sie aus materieller Not zurückgekehrt sei. Nach und nach werden dann vor allem auf Betreiben von Eva die wahren Gründe für Lydias Verhalten freigelegt.

Aus einer Person, die wie Lydia zunächst als unheilbar geisteskrank dargestellt wird, eine Person entstehen zu lassen, die mit 14 Jahren Opfer einer Vergewaltigung geworden ist und noch 30 Jahre später nicht zuletzt wegen eines mehr an Verdrängung als an Therapie interessierten familiären Umfelds unter den Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, eine solche Geschichte allein zu erzählen, wäre schon komplex und schwergewichtig genug für einen guten Fernsehfilm. Das Drehbuch (Martin Ambrosch) fügt dem aber noch zwei weitere Geschehnisse mit ähnlich abgründigem Charakter hinzu: zum einen eine Inzest-Geschichte, der zufolge Eva in Wirklichkeit Lydias Tochter ist und ihr Verlobter Christian ihr leiblicher Vater, der seinerzeit als Jugendlicher Lydia vergewaltigt hat. Des Weiteren stellt sich heraus, dass Max die Vergewaltigung gedeckt hat, weil er seine Halbschwester Lydia hasste. Denn sein Vater hatte sie ihm immer vorgezogen und als Vorbild vor Augen geführt.

Lydia war als Tochter der zweiten Frau des Vaters in die Familie gekommen, so dass hier neben der eigentlich schon überreichen Anzahl an dramatischen Konfliktlagen noch zusätzlich um die Person von Max ein klassischer Vater-Sohn-Konflikt und Stiefmutter-Komplex auftaucht. Mehr an tragischen Verknüpfungen im Leben dieser Familie wäre kaum denkbar gewesen. So erhält das Filmgeschehen zusammen mit der sehr massiv eingesetzten melodramatischen Hintergrundmusik monumental monströse Züge. Hier wird dick aufgetragen und nur durch den Bezug zur Bergwelt kann man diesen Handlungsverlauf noch akzeptieren. Denn in deren wuchtiger Imposanz spiegelt sich die Geschichte, einschließlich des erwähnten gigantischen Wasserfalls, der pausenlos aus großer Höhe reißend ins Tal donnert und an dem dann auch Christian durch Suizid endet.

Neben der auf Spannung setzenden Dramaturgie tragen auch die herausragenden schauspielerischen Leistungen der Darsteller zum Gelingen des Films bei, allen voran Petra Schmidt-Schaller in der Rolle der Eva und Ina Weisse als Lydia. Ebenso beeindruckend agiert das Großelternpaar: Hildegard Schmahl als die Matriarchin Karin, die die Intrigen um die Vertuschung der Vergewaltigung herum einst eingefädelt hatte und bis zuletzt das Lügengespinst aufrechtzuerhalten versucht, und Helmuth Lohner als der Patriarch Hans, kränklich und hilflos wirkend und dennoch von der Idee beseelt, alles irgendwie wiedergutmachen zu können.

Für Helmuth Lohner war dies seine letzte Filmrolle. Der österreichische Schauspieler starb 82-jährig im Juni 2015, kurz vor dem Münchner Filmfest, auf dem die Premiere dieses Films stattfand. Lohner, der in jungen Jahren oft in populären Unterhaltungsfilmen vor der Kulisse einer heilen Bergwelt gespielt hatte und mit diesen Rollen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war, hat sich hier in dieser Gegenwelt des Monumental-Abgründigen noch einmal als großartiger Schauspieler zeigen können.

19.02.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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