Horror Tattoos – Deutschland, wir retten deine Haut. Showreihe, 2. Staffel (Sixx)

„Pimp my Arschgeweih“

23.03.2016 •

Es gibt Erfolgsformate im deutschen Fernsehen, die an einem Großteil der Zuschauer komplett vorbeigehen. Entweder weil sie den ausstrahlenden Sender auf der Fernbedienung irgendwo auf den hinteren Plätzen abgespeichert haben oder weil sie das Thema der Sendung nicht interessiert. In diesem Fall, im Fall also von „Horror Tattoos – Deutschland, wir retten deine Haut“, dürfte beides zusammenkommen. Schließlich geht es in dieser Show ums Tätowieren und sie ist bei Sixx zu sehen, dem kleinen zur Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe gehörenden TV-Kanal, der sich laut Eigenwerbung noch immer als „Frauensender“ versteht.

Dennoch erreichte Sixx mit der ersten Staffel der Tattoo-Show im Sommer vorigen Jahres in der jüngeren Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen bis zu 370.000 Zuschauer (Marktanteil: 3,8 Prozent) – womit Sixx seinen durchschnittlichen Marktanteil in diesem Segment (1,4 Prozent in 2015) in etwa verdreifachte. Und wer denkt, bei den potenziellen Zuschauern für eine Tattoo-Show könne es sich hierzulande nur um eine marginale Randgruppe handeln, liegt auch nicht ganz richtig. Schließlich sollen rund 12 Millionen Deutsche solch dauerhaften Körperschmuck am Leibe tragen.

Jedenfalls waren die Erfolge des Vorjahres für Sixx allemal Grund genug, nun eine acht Folgen umfassende zweite Staffel der Show zu starten. Das Format kommt – ähnlich wie die Vorausscheidungen zu Casting-Shows – als eine Art Wanderzirkus daher, der durch deutsche Städte tourt. Diesmal startete man in Hannover, wo sich in einer „total angesagten Location“ (Off-Kommentar) ein paar hundert Leute eingefunden hatten, um sich missratene Tätowierungen – denn nicht alle sind wirklich der erwünschte Schmuck geworden – verschönern zu lassen. Denn es geht bei dieser ‘Hautrettung’ keineswegs um die Entfernung verhunzter oder einfach unliebsam gewordener „Arschgeweihe“, sondern um deren Optimierung. Weshalb das Ganze auch „Pimp my Tattoo!“ oder gleich „Pimp my Arschgeweih!“ heißen könnte.

Zu Beginn jeder Sendung werden erst einmal marktschreierisch die vier Dienstleister, die gleichzeitig als Juroren fungieren, ausgiebig vorgestellt. Das klingt dann so: „Die Tattoo-Retter. Drei der besten Tätowierer Deutschlands und ein leidenschaftlicher Tattoo-Experte. Der Star-Tätowierer Randy Engelhard, die Comic-Tattoo-Prinzessin Nancy Mietzi, Black-and-Grey-Tattoo-Artist Mick Mark und der Modedesigner und gnadenlos faire Tattoo-Richter Bertram ‘Berti’ Krause.“ Selbstredend kommen die vier Akteure als Vertreter ihrer Zunft und also als wandelnde Bilderbücher daher, die schließlich vor der Kamera eine entschlossene Pose versuchen und martialisch brüllen: „Deutschland, wir retten deine Haut!“

Nun könnte man darüber sinnieren, seit wann Deutschland eine Haut hat, aber auf sprachliche Feinheiten kommt es hier ebenso wenig an wie aufs Tätowieren. Denn bevor die Profis zur Nadel greifen, dauert es in jeder der rund einstündigen Folgen (inklusive Werbung) bis zehn Minuten vor Schluss. Der große Rest der Shows besteht in vielen Ausscheidungsritualen, bis aus den Bewerbern schließlich drei zur Behandlung übrigbleiben. Es beginnt schon draußen vor dem Eingang, wo Berti zusammen mit seiner blonden Assistentin Ivi (in der zweiten Folge aus Leipzig ist sie brünett und heißt Sabrina) in Türstehermanier Kandidaten aussortiert, weil deren Tattoos entweder zu gut oder zu groß für die Show sind. Denn eine Tätowiersitzung, so erklärt Berti, dauere maximal acht Stunden und da sei nun mal nicht alles machbar. Wer durchkommt, stößt Jubelschreie aus und herzt die Einlasser, während bei Abgewiesenen die ersten Tränen kullern.

Und es wird noch viel geweint und umarmt im Verlauf der Sendungen. Schließlich geht es hier in erster Linie um zur Schau getragene Emotionen. Wozu die Bewerber nicht nur dilettantische Tattoos vorweisen müssen, sondern auch zudem noch mit ergreifenden oder lustigen Geschichten zum Zustandekommen der Tätowierungen aufwarten sollen. Ist es bei den einen die missratene Erinnerung an einen alkoholschwangeren Partyabend, verbinden andere ihre Tattoos mit veritablen Schicksalsschlägen. So erklärt der ehemalige Soldat Uwe in Hannover, dass ihm die Tätowierung bei der Bewältigung seines Afghanistan-Traumas helfen sollte. Was nicht nur optisch nicht funktioniert hat. Und Sascha, mit dem Versuch eines Konterfeis seiner Tochter auf dem Arm, berichtet, dass diese als Dreijährige von einem Verwandten sexuell missbraucht worden sei und der Täter dafür nur drei Jahre Knast bekommen habe.

Daraufhin macht sich unter den Juroren Betroffenheit breit und Tätowierer Randy flucht: „Die deutsche Gesetzgebung ist scheiße!“ Inwiefern und in welchem Punkt jetzt genau, das wird nicht weiter erörtert. Schließlich handelt sich bei dieser Produktion der Firma Güldenpfennig TV um ein Unterhaltungsformat, das sich allerdings, selbst wenn man als Zuschauer ein gewisses Faible für Trash mitbringt, enervierend langatmig dahinzieht, bis die drei jubelnden Gewinner endlich alte Tattoos runderneuert bekommen. Da es sich bei der Show um eine Adaption amerikanischer Originale wie „Tattoo Shockers“ und „Tattoo Nightmares“ handelt, zeigt Sixx mittwochs im Anschluss an sein eigenes Format auch noch mehrere Folgen dieser Vorbilder. Tattoo-Themenabende sozusagen.

23.03.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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