Probebetrieb von DVB-T2 mit sechs Fernsehprogrammen gestartet

17.06.2016 •

Seit dem 31. Mai 2016 werden insgesamt sechs Fernsehprogramme über den neuen digital-terrestrischen Übertragungsstandard DVB-T2 verbreitet. Dabei handelt es sich um die beiden öffentlich-rechtlichen Programme ARD (Das Erste) und ZDF sowie um die vier kommerziellen Programme RTL, Sat 1, Pro Sieben und Vox. Im Rahmen des nun gestarteten DVB-T2-Probebetriebs können diese sechs Programme in insgesamt 18 Städten und Ballungsräumen in hochauflösender Qualität digital-terrestrisch empfangen werden. Bei den entsprechenden Regionen handelt es sich um Berlin/Potsdam, Hamburg/Lübeck, Köln/Bonn/Aachen, Düsseldorf/Rhein/Ruhr, Bremen/Unterweser, Hannover/Braunschweig, Leipzig/Halle, Rhein/Main und Bayern/Südbayern. Hinzu kommen die Städte Kiel, Rostock, Schwerin, Magdeburg, Jena, Saarbrücken, Baden-Baden, Stuttgart und Nürnberg.

Die Testphase von DVB-T2 soll im Frühjahr 2017 in einen Regelbetrieb überführt werden. Mitte 2019 soll die Einführung der neuen Übertragungstechnik deutschlandweit abgeschlossen sein. Im Jahr 2014 hatten sich die öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender, die Landesmedienanstalten und der Sendenetzbetreiber Media Broadcast darauf verständigt, auf DVB-T2 umzusteigen (vgl. FK-Hefte Nr. 23/14 und 26/14). Media Broadcast betreibt das bisherige DVB-T-Sendenetz und baut seit 2014 das Übertragungsnetz für DVB-T2 auf. Die neue Technik ermöglicht es, die Übertragungskapazitäten effizienter zu nutzen, so dass künftig deutlich mehr Programme digital-terrestrisch verbreitet werden können als heute über DVB-T. Außerdem können über DVB-T2 im Gegensatz zum Vorgängerstandard Programme in hochauflösender Bildqualität ausgestrahlt werden.

Umstieg bringt Elektroschrott mit sich

Für die Übertragung der DVB-T2-Sendesignale werden Frequenzen unterhalb von 690 MHz eingesetzt. Die bisherigen DVB-T-Frequenzen im 700-MHz-Band werden im Rahmen des Umstiegs ab 2017 schrittweise frei. Die Übertragungskapazitäten in diesem Spektrum hat Deutschland im Frühjahr 2015 dem Mobilfunk zur ausschließlichen Nutzung zugewiesen und damit die Vorreiterrolle in der Europäischen Union (EU) übernommen. Die Bundesnetzagentur versteigerte die Frequenzen aus dem 700-MHz-Bereich im Juni 2015 an die drei hiesigen Mobilfunkkonzerne Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica. Über diese Frequenzen müssen die Konzerne, wie ihnen auferlegt wurde, schnelle Internet-Breitbandzugänge vor allem in ländlichen Gebieten bereitstellen. Innerhalb der EU werden derzeit Pläne beraten, dass die Mitgliedstaaten dem Mobilfunk das 700-MHz-Spektrum bis Juni 2020 zur Nutzung zuzuweisen haben.

Im Rahmen des nun gestarteten DVB-T2-Probebetriebs werden die sechs Fernsehprogramme unverschlüsselt in HD-Qualität übertragen. Für deren Empfang ist ein spezieller Dekoder nötig. Die entsprechenden Boxen sind im Fachhandel mit einem grünen DVB-T2-Logo gekennzeichnet. Nur diese Dekoder ermöglichen den Empfang der DVB-T2-Sendesignale, die mit der Kodierung HEVC/H.265 verbreitet werden. In Großbritannien, Frankreich oder Österreich gibt es ebenfalls DVB-T2; dort werden die Sendesignale aber in einem anderen Kompressionsverfahren übertragen, das nicht mit dem in Deutschland kompatibel ist.

Die hierzulande nun über den DVB-T2-Standard ausgestrahlten Programme können mit den bisherigen DVB-T-Receivern nicht empfangen werden. In der 2002 eingeführten DVB-T-Technik werden die Programme zunächst weiter digital-terrestrisch verbreitet, die Programme werden dabei aber nur in der Standardauflösung ausgestrahlt. Über die zertifizierten neuen DVB-T2-Receiver sind auch die bisher noch über DVB-T verbreiteten Programme zu empfangen.

Ab 2017: Gebühr für Privatsenderempfang

Die bisherige DVB-T-Technik wird im Zuge des Umstiegs auf den Nachfolgestandard ab Frühjahr 2017 sukzessive abgeschaltet. In Deutschland empfangen derzeit rund 2 Mio Haushalte Fernsehen ausschließlich digital-terrestrisch, weitere 1,8 Mio Haushalte nutzen für den TV-Empfang auch DVB-T (insgesamt gibt es rund 39 Mio Fernsehhaushalte in Deutschland). Es wird geschätzt, dass bis zu 10 Mio DVB-T-Boxen in deutschen Haushalten existieren. Mit dem Technikumstieg werden diese Receiver wertlos und damit zu Elektroschrott.

Beginnend mit der Einführung des Regelbetriebs von DVB-T2 im Frühjahr 2017 – Media Broadcast plant als Startdatum den 29. März – werden insgesamt rund 40 Programme digital-terrestrisch verfügbar sein. Der Großteil dieser Programme wird dann in HD-Qualität ausgestrahlt. Mit dem Start des Regelbetriebs werden die meisten privaten TV-Programme nur noch verschlüsselt übertragen. Eingesetzt wird dafür das „Irdeto“-Verschlüsselungssystem. Alle öffentlich-rechtlichen Angebote bleiben unverschlüsselt nutzbar.

Insgesamt rund 20 kommerzielle Programme – darunter Sender der RTL-Gruppe und des Pro-Sieben-Sat-1-Konzerns – werden mit dem Beginn des Regelbetriebs verschlüsselt via DVB-T2 verbreitet. Der Empfang dieser in HD-Qualität übertragenen Programme ist dann nur noch gegen Zahlung einer monatlichen Gebühr möglich. Das Entgelt wird nach einer dreimonatigen Gratisphase fällig. Die Höhe der Monatsgebühr, die der DVB-T2-Plattformbetreiber Media Broadcast in Form eines Prepaid-Models erhebt, steht noch nicht fest. Sie wird im mittleren einstelligen Euro-Bereich liegen. Dass der Empfang kommerzieller HD-Programme über DVB-T2 ab 2017 extra kostet, entspricht der Situation im Bereich Kabel und Satellit, wo eine Extrazahlung für den HD-Empfang kommerzieller Programme bereits seit längerem üblich ist. Nur unter der Voraussetzung, dass ein solches Bezahlmodell eingeführt, erklärte sich die RTL-Gruppe bereit, DVB-T2 zu unterstützen. Von den Gebühreneinnahmen des Plattformbetreibers werden die Privatsender bestimmte Anteile erhalten.

Die ab Frühjahr 2017 verschlüsselt über DVB-T2 ausgestrahlten kommerziellen Programme werden in dem Bouquet „Freenet TV“ vermarktet. Hintergrund für diesen Namen ist, dass der Mobilfunkkonzern Freenet im März dieses Jahres den Sendenetzbetreiber Media Broadcast vollständig übernommen hat. Das in Köln ansässige Unternehmen war zuvor im Besitz von mehreren Finanzinvestoren. Für die Übernahme von Media Broadcast zahlte die Freenet AG, die ihren Sitz in Büdelsdorf in Schleswig-Holstein hat, insgesamt rund 295 Mio. Euro (vgl. MK-Meldung).

17.06.2016 – vn/MK

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