„MeToo“-Affäre im WDR: Externe Prüfung und Kündigung für Gebhard Henke

10.08.2018 • Ende April hatte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) in Köln die frühere Gewerkschaftsvorsitzende Monika Wulf-Mathies als externe Gutachterin beauftragt, um unabhängig zu prüfen, wie der öffentlich-rechtliche Sender in der Vergangenheit mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist. Nach dem jetzigen Stand der Dinge sollen die Ergebnisse der Untersuchung im September veröffentlicht werden, erklärte eine Sprecherin von Wulf-Mathies auf MK-Nachfrage. Der WDR hatte Wulf-Mathies eingeschaltet, weil ab Anfang April verschiedene Medien darüber berichteten, dass mehrere Frauen männlichen Mitarbeitern des Senders sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch vorwerfen. Die Anschuldigungen beziehen sich zum Teil auf Vorfälle, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Die Affäre, die hohe Wellen schlug, löste im WDR Erschütterungen aus (vgl. diesen MK-Artikel und diesen MK-Artikel).

Infolge des Bekanntwerdens der Vorwürfe („MeToo im WDR“) und öffentlich gestellter Fragen, ob die Rundfunkanstalt die Vorfälle adäquat und konsequent untersucht habe oder ob es dabei im Sender Versäumnisse gebe, schaltete der WDR die 76-jährige Wulf-Mathies ein, einst Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und später EU-Kommissarin für Regionalpolitik. Der WDR sagte ihr „uneingeschränkten Zugang zu allen Informationen, Vorgängen sowie Gesprächspartnern“ zu. „Wir stellen uns auf den Prüfstand, denn wir haben nichts zu verbergen“, erklärte Ende April WDR-Intendant Tom Buhrow. Ihm sei wichtig, dass Wulf-Mathies „unabhängig und rückhaltlos prüft, wie der WDR mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist und umgeht“, so Buhrow.

Außergerichtliche Einigung im Fall Henke

Auf einer Pressekonferenz am 26. April, in deren Rahmen Wulf-Mathies als unabhängige Gutachterin vorgestellt wurde, räumte der WDR-Intendant ein, dass in der Vergangenheit „ganz sicher“ Fehler passiert seien, was den Umgang mit Hinweisen auf sexuelle Belästigungen angehe. Er glaube jedoch nicht, sagte Buhrow, dass es im WDR beim Umgang mit Belästigungsvorwürfen grundsätzliche Defizite gebe. Mitte April, rund zwei Wochen nach den ersten Medienberichten über die entsprechenden Anschuldigungen, hatte die Geschäftsleitung der Rundfunkanstalt ein „Paket von Sofortmaßnahmen zur besseren Prävention sexueller Belästigung im WDR“ verabschiedet – offenbar waren beim Sender in diesem Bereich Defizite ausgemacht worden.

Wegen Vorwürfen, Frauen sexuell belästigt zu haben, stellte der WDR bisher zwei Mitarbeiter – einen Auslandskorrespondenten und den Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, Gebhard Henke – im Mai bzw. Juni zunächst vom Dienst frei und kündigte ihnen dann später fristlos, nachdem der Sender die Anschuldigungen gegen beide als glaubhaft und schwerwiegend einstufte. Gegen ihre Kündigungen zogen die Entlassenen vor das Arbeitsgericht Köln. Die Rundfunkanstalt wollte gegenüber der MK nicht die Anzahl der Personen im WDR nennen, gegen die bisher Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung erhoben wurden: Zu den Verdachtsfällen wolle man „aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes und zum jetzigen Zeitpunkt auch im Sinne einer sorgfältigen Aufarbeitung keine weiteren Informationen geben“, teilte eine Sendersprecherin mit.

Der von Gebhard Henke angestrengte Rechtsstreit vor dem Arbeitsgericht ist inzwischen beendet. Am 16. Juli hätten sich der WDR und der 63-Jährige, wie die Rundfunkanstalt mitteilte, „auf eine gütliche Beilegung des Arbeitsrechtsstreits geeinigt“. Beide Seiten stellten fest: „Nachdem das Vertrauensverhältnis zwischen dem WDR und Prof. Henke nicht mehr herzustellen ist, haben die Parteien entschieden, die Zusammenarbeit zu beenden.“ Weitere Angaben zu der in diesem Fall getroffenen Vereinbarung wurden nicht gemacht.

Gebhard Henke – das Bauernopfer?

WDR-Intendant Buhrow erklärte in einem Interview, das am 23. Juli in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe veröffentlicht wurde, dass sich im Fall Henke durch die außergerichtliche Einigung ein langwieriger Prozess habe vermeiden lassen und es damit „einigen Zeuginnen“ erspart werde, vor Gericht aufzutreten. „Aber wir hätten keine Angst vor der gerichtlichen Auseinandersetzung gehabt“, sagte Buhrow. Die Kündigung von Henke hatte der WDR damit begründet, dass „mehr als zehn Frauen“ dem Sender „über sexuelle Belästigung und unangemessenes Verhalten durch den bisherigen Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie berichtet“ hätten, „teils in Zusammenhang mit Machtmissbrauch“. Die Vorwürfe der Frauen bewertete der WDR als glaubhaft.

Im Rahmen eines Berichts des „Spiegels“ (Ausgabe vom 5. Mai) zu der WDR-Affäre hatten mehrere Frauen Anschuldigungen gegen Gebhard Henke erhoben, davon mehrheitlich in anonymer Form. Namentlich äußerten sich zwei Frauen: Die Autorin Charlotte Roche sagte, Henke habe sie an den Po gefasst; die Schauspielerin Nina Petri erklärte, dass sie von Henke über lange Zeit mit anzüglichen Sprüchen begrüßt worden sei, was sie als herabwürdigend empfunden habe. Henke wies die Anschuldigungen, nachdem sie öffentlich geworden waren, entschieden zurück.

„Bei derart dünner Faktenlage“

Nach der außergerichtlichen Einigung mit dem WDR bestritt Gebhard Henke in einem Interview mit der „Zeit“ (Ausgabe vom 19. Juli), „jemals sexuell übergriffig geworden zu sein“. Er betonte: „Es gab keine Übergriffe, keine sexuellen Annäherungen, gar noch verbunden mit dem Versprechen, das Eingehen auf meine angeblichen Avancen mit Jobs zu belohnen.“ Er sei „keiner“, so Henke in dem Interview weiter, „der etwas gegen den Willen einer Frau tut, das passt nicht in mein Welt- und Frauenbild.“ Nachdem die Vorwürfe gegen Henke öffentlich geworden waren, war es auch so, dass sich in der Folge 35 Frauen aus der Film- und Fernsehbranche mit Gebhard Henke solidarisiert hatten, darunter die Schauspielerinnen Iris Berben und Caroline Peters sowie die Regisseurin Feo Aladag.

Henkes Anwalt Peter Raue, der in dem „Zeit“-Interview ebenfalls zu Wort kommt, kritisierte, dass die Anschuldigungen der Frauen gegen seinen Mandanten größtenteils anonym erfolgt seien. Nina Petri habe „weder Übergriff noch Machtmissbrauch behauptet“ und bei Charlotte Roche sei es so, dass sie „sich widersprüchlich einlässt“, sagte Raue. Bei den anonymen Anschuldigungen werde „in keinem einzigen Fall […] der Tatzeitpunkt des angeblichen Übergriffes genannt“. Vor diesem Hintergrund hinterfragt Raue in dem „Zeit“-Interview, warum der WDR seinem Mandanten „bei derart dünner Faktenlage“ fristlos gekündigt habe. Der Anwalt äußert die Vermutung, der WDR habe bei Henke zeigen wollen, wie rigoros man durchgreife, nachdem der Sender öffentlich dafür angegriffen worden sei, Verdachtsmomente des sexuellen Übergriffs gegen andere Personen nicht hinreichend nachgegangen zu sein. „Henke ist das Bauernopfer“, meinte Raue.

10.08.2018 – vn/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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