Schwerwiegende Anschuldigungen

Missbrauchsvorwürfe gegen den Fernsehregisseur Dieter Wedel

Von René Martens

10.02.2018 • Seit dem 4. Januar dieses Jahres hat sich das öffentliche Bild über Dieter Wedel, einen der bekanntesten deutschen Fernsehregisseure, komplett verändert. An jenem Tag erschien im Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter der Überschrift „Im Zwielicht“ ein neunseitiger Artikel, in den drei ehemalige Schauspielerinnen dem heute 75-jährigen Wedel der sexuellen Nötigung und anderer Übergriffe bezichtigen. Bei diesen Missbrauchsvorwürfen geht es um Vorfälle aus den 1990er Jahren.

Für weiter zunehmende Aufmerksamkeit sorgte ein drei Wochen später in der „Zeit“ erschienener Text (Ausgabe vom 25. Januar 2018). Hier berichten vier Schauspielerinnen, zwei davon unter Pseudonym, über sexuelle Attacken Wedels unterschiedlicher Art. Die Headline des Textes lautet „Der Schattenmann“ – eine Anspielung auf einen bekannten Mehrteiler Dieter Wedels. In einem Kasten, der mit „Hinter der Geschichte“ überschrieben ist, beziffert die „Zeit“ die Zahl der Frauen, die gegenüber der Zeitung geäußert haben, im Rahmen der gemeinsamen Arbeit mit Wedel sexuell belästigt und sogar vergewaltigt worden zu sein, auf mittlerweile 18. Das kann man als Hinweis darauf deuten, dass die „Zeit“ noch weitere Beiträge plant.

Belege aus dem Archiv

Dieter Wedel bestreitet sämtliche Anschuldigungen, wenige Tage nach der zweiten Veröffentlichung kündigte er an, er werde sich in der Öffentlichkeit fortan nicht mehr zur Sache äußern. Sein Hamburger Anwalt Michael Philippi sprach am 24. Januar gegenüber dem NDR von „einer grob unzulässigen Verdachtsberichterstattung, für die jedes Maß verlorengegangen ist“.

Ein maßgeblicher Teil des zweiten Artikels – in der Rubrik „Dossier“ erschienen und drei Seiten lang – befasst sich mit Vorfällen, die sich Ende 1980 und Anfang 1981 rund um die Produktion der achtteilige Fernsehserie „Bretter, die die Welt bedeuten“ abgespielt haben. Produziert wurde die Serie von der Firma Telefilm Saar, einer damaligen Tochtergesellschaft des Saarländischen Rundfunks (SR). Die neue Qualität der zweiten „Zeit“-Veröffentlichung bestand darin, dass nun auch über die Rolle der Auftraggeber Wedels diskutiert wurde. Das lag nahe, weil das Autorenteam der „Zeit“ schriftliche Unterlagen aus dem Archiv des SR und der Telefilm Saar zutage gefördert hatte, die die Vorwürfe zumindest zweier mutmaßlicher Wedel-Opfer belegen. Darunter sind Dokumente, die Auskunft geben über eine Halswirbelverletzung, die Wedel der als Hauptdarstellerin der Serie vorgesehenen Schauspielerin Esther Gemsch zugefügt haben soll. Gemsch war nach dieser Verletzung arbeitsunfähig.

Die heute 61-jährige Schweizerin Gemsch (die damals noch Christinat mit Nachnamen hieß) wirft Wedel vor, ihr diese Körperverletzung im Zusammenhang mit einer versuchten Vergewaltigung zugefügt zu haben. Ähnlich schwerwiegend sind die Anschuldigungen der nach Gemschs Verletzung als Nachfolgerin in der Serie eingesprungenen Ute Christensen. Nach einem von ihr abgewehrten sexuellen Übergriff Wedels habe dieser sie terrorisiert. Christensen, die während der Dreharbeiten zu „Bretter, die die Welt bedeuten“ schwanger war, erlitt einen Nervenzusammenbruch und eine Fehlgeburt. Eine weitere Schauspielerin, die in der „Zeit“ Lena Hein genannt wird, berichtet, sie sei von Wedel 1975 nach einer Probe für die NDR-Produktion „Pariser Geschichten“ vergewaltigt worden.

SR setzt „Task Force“ ein

Kritiker warfen in der Debatte, die den Veröffentlichungen folgte, die Frage auf, warum die Frauen, die sich jetzt gegenüber „Zeit“ und „Zeit-Magazin“ zu Wort meldeten, sich erst jetzt, Jahrzehnte nach den Vorfällen, äußern. Elisa Hoven, Junior-Professorin für Strafrecht an der Universität Köln und selbst gelegentliche Autorin der „Zeit“, schrieb zu diesem Aspekt in einem am 30. Januar beim Online-Portal Meedia.de erschienenen Beitrag: „Die betroffenen Frauen haben sich ja, glaubt man ihren Angaben und den von der ‘Zeit’ recherchierten Dokumenten, unmittelbar nach den Taten an verschiedene Personen gewandt und immer wieder den Rat erhalten, das Erlebte besser für sich zu behalten.“ Hoven betont außerdem: „Die naheliegende Vermutung, ein ‘Sternchen‘ wolle sich auf Kosten des Regisseurs wichtigmachen“, hätte für die Schauspielerinnen „das berufliche Aus bedeuten können“.

Nach dem zweiten „Zeit“-Artikel reichten die Reaktionen bis in die Politik hinein: Die geschäftsführende Familienministerin Katarina Barley (SPD) sagte am 29. Januar gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, angesichts dessen, dass viele von den Medien angefragte Vertreter aus der Film- und Fernsehbranche sich nicht zum Fall Wedel äußern wollten, habe sie den „Eindruck eines Schweigekartells“. Sie „erwarte hier gerade von den beteiligten öffentlich-rechtlichen Institutionen rückhaltlose Aufklärung“, so Barley.

Beim Saarländischen Rundfunk ist nunmehr eine „Task Force“ in Sachen Wedel im Einsatz. Die aus dem Justitiar, dem Kommunikationschef und der Leiterin der Intendanz bestehende Arbeitsgruppe habe unter anderem den Auftrag, „Zeitzeugen zu suchen, also die noch leben, die nicht mehr in den Diensten der Telefilm oder des Saarländischen Rundfunks sind, aber die uns vielleicht helfen können, den Sachverhalt aufzuklären“, sagte SR-Intendant Thomas Kleist am 25. Januar in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Interne Untersuchungen haben, was Wedels frühere Auftraggeber angeht, auch bereits die Produktionsfirma Bavaria Film, der Sender Sat 1 und der Norddeutsche Rundfunk (NDR) eingeleitet. Ein NDR-Sprecher betonte allerdings am 2. Februar gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa), die Aufbewahrungsfristen seien „längst alle verstrichen“. Aber: „Was überhaupt noch da ist, wird gecheckt.“ Am 5. Februar zählten Thomas Kleist, Katarina Barley und Elisa Hoven auch zu den Gästen von Frank Plasbergs ARD-Talkshow „Hart aber fair“ (WDR), in der am Abend über das Thema Wedel diskutiert wurde. „Macht, Mann, Missbrauch – was lehrt uns der Fall Wedel?“, so lautete die Überschrift zur Sendung.

Eine nachträgliche Qualitätsdebatte

Am Rande der Berichterstattung über die Vorwürfe gegen den Regisseur kamen auch Debatten über die Qualität von Wedels Produktionen auf. Der Regisseur wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Susan Vahabzadeh schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“ (Ausgabe vom 27./28. Januar 2018): „Seine Fernseh-Mehrteiler waren Straßenfeger, aber sie waren es zu einer Zeit, als die Konkurrenz nicht sehr groß war.“ „Der große Bellheim“ (ZDF 1993) oder „Der Schattenmann“ (ZDF 1996) seien zwar „erfolgreich“ gewesen, „aber dass sie das Fernsehen neu erfanden, darf man bezweifeln. Sie waren gute Unterhaltung, mehr nicht.“ Claudius Seidl kritisierte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 28. Januar, Wedels Drehbücher verdankten „ihre besten Momente besseren Filmen, bei denen er sich ziemlich dreist bedient hat“. Wedels Inszenierungen würden „heute die Frage aufwerfen, was das Publikum damals an diesen vulgären, breitbeinigen und absolut unsubtilen Szenen fand“.

Solche – nachträglichen – Qualitätsdebatten kann man gewiss führen, doch als Anhängsel der Diskussion über die Vorwürfe gegen Dieter Wedel wirken sie etwas deplatziert. Wenn man die Argumentation, es habe zu Wedels großen Zeiten keine nennenswerte Konkurrenz gegeben, verallgemeinern würde, könnte man vielen Filmen und Serien, die bisher als Großtaten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gelten, nachträglich Rang und Wert absprechen.

Anders als Susan Vahabzadeh und Claudius Seidl, betonte Joachim Huber, Medienredakteur beim „Tagesspiegel“ in Berlin, am 31. Januar in einem Kommentar in seiner Zeitung, Wedels Werk seien „seine Versionen und Variationen der realen Bundesrepublik“. „Der große Bellheim“, „Der Schattenmann“ oder die Geschichten mit den „Semmelings“ seien „mehr als nur eine Fernsehchronik“. Huber betonte dies anlässlich der vom Regisseur Simon Verhoeven aufgebrachten Forderung, Wedels Filme nicht mehr zu zeigen. Hubers Fazit: „Wer dieses Werk wegschließen will, der will dieses Erinnerungsvolumen auslöschen.“

10.02.2018/MK
Der Fall Dieter Wedel (Foto): Auch das NDR-Medienmagazin „Zapp“ berichtete in seiner Ausgabe vom 7. Februar 2018 darüber und sprach in diesem Zusammenhang...
...mit dem Regisseur Simon Verhoeven (Foto), der sagte: „Ich glaube, dass in dem Fall dieses Erfolgsquotensystem eben auch eine ganz schlimme Seite offenbart hat: dass man eben bereit war, für den Erfolg über gewisse Dinge hinwegzusehen oder es nicht kritisch zu hinterfragen. Ich glaube, wenn Dieter Wedel nicht Erfolg gehabt hätte, wäre es viel früher aufgeflogen, was er macht.“ Fotos: Screenshots