„MeToo im WDR“

Der eine findet den Laden rebellisch, die andere findet ihn angstbesetzt

Von Dieter Anschlag

17.05.2018 • Beim WDR hat Intendant Tom Buhrow am 8. Mai erstmals seit Aufkommen der jüngsten Vorwürfe gegen Mitarbeiter des Senders wegen sexueller Belästigung in einer Sitzung des Rundfunkrats über die Entwicklung und den Stand in der Sache berichtet, die senderintern unter dem Schlagwort „MeToo im WDR“ behandelt wird. Buhrow teilte bei der öffentlichen Sitzung im Wallraf-Richartz-Museum in Köln mit, dass der WDR seit Bekanntwerden der Vorwürfe und aufgrund der öffentlichen Diskussion darüber immer mehr Hinweise auf Fälle sexueller Belästigung erhalte. Eine Vielzahl von Mitarbeitern kümmere sich derzeit darum, den Vorwürfen, die größtenteils anonym seien, nachzugehen.

Es hätten sich inzwischen 16 Frauen bei den vom WDR geschaffenen internen und externen Anlaufstellen gemeldet, sagte Buhrow und forderte Betroffene, die sich noch nicht gemeldet hätten, auf, sich an eine der Anlaufstellen zu wenden, darunter auch drei Anwaltskanzleien. Der WDR steht aufgrund der Affäre, die den Sender seit einigen Wochen erschüttert (vgl. MK-Artikel), derzeit unter kritischer Beobachtung und sieht sich Fragen ausgesetzt, ob die Aufklärung der Vorfälle adäquat und konsequent bezüglich des Schutzes der Mitarbeiter betrieben werde oder ob es hier beim Sender Versäumnisse gebe. Bislang gibt es sieben Beschuldigte.

Lob vom Rundfunkrat

Intendant Tom Buhrow erhielt nach seinem Sachstandsbericht von den Rundfunkratsmitgliedern, die sich daraufhin zu Wort meldeten, fast durchweg Lob dafür, wie der WDR mit der Angelegenheit umgehe und um Aufklärung bemüht sei. Beispielhaft dafür waren die Äußerungen von Patricia Aden, die im Rundfunkrat den Frauenrat NRW und die Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände vertritt. Sie sagte, sie finde es „außerordentlich erfreulich, dass wir so zügig informiert worden sind“ und dass Buhrow so zügig reagiert habe. Der WDR-Intendant hatte den Rundfunkrat im April bereits auch schriftlich zur Sache informiert. Aden in der Rundfunkratssitzung weiter: „Nach dem Vorgehen, das wir jetzt gesehen haben, habe ich persönlich großes Vertrauen, dass diese Kompetenz und Transparenz erhalten bleibt. Und insofern kann ich dem Ganzen noch eine positive Seite abgewinnen.“

Ähnliche Zustimmung zu Buhrows Vorgehen äußerten weitere Rundfunkratsmitglieder. Kritische Anmerkungen kamen von Karin Knöbelspies, die auf Vorschlag der Grünen-Fraktion des NRW-Landtags Mitglied im WDR-Rundfunkrat ist. Sie wunderte sich zum einen, dass den zum Teil schon seit längerem bekannten Vorwürfen sexueller Belästigung im WDR nicht schon früher intensiver nachgegangen worden sei, und sie vermutet, dass es in diesem Zusammenhang ein grundsätzliches Problem im Sender gebe, das über „MeToo im WDR“ hinausgehe und mit einer angstbesetzten Unternehmenskultur zu tun habe.

Frust, der sich Bahn bricht

Knöbelspies sagte: „Der Schaden für das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des WDR ist groß, nach außen. Aber nachdem ich in den letzten Wochen wirklich vieles gründlich gelesen habe, glaube ich, dass der Schaden eigentlich intern, so scheint es mir zumindestens, wesentlich größer ist.“ Sie sei schon sehr überrascht darüber, wenn sie mit Leuten spreche, „wie praktisch unisono alle Aussagen immer ganz schnell auf die starke Hierarchie und die Unternehmenskultur im WDR“ kämen. Knöbelspies: „Wenn ich das alles jedesmal höre und lese, dann denke ich: Da muss irgendwas falsch sein in diesem Haus.“ Dieser Punkt sei noch „wesentlich gravierender“. Wenn sie mit WDR-Mitarbeitern rede, stelle sie immer wieder fest, dass diese zu Problemen nichts sagen wollten mit einer Begründung wie: „Um Gottes willen, da hab’ ich Angst.“ Und so fragte Knöbelspies in die Rundfunkratssitzung hinein: „Was ist das für ein Laden, der so angstbesetzt ist?“ Sie wolle mit ihren Ausführungen, so schloss sie ab, „mal die Stimmung wiedergeben, die an mich herangetragen wird, aber sicher nicht nur an mich“.

Buhrow sagte dazu, er habe gelernt, dass die ganze Angelegenheit auch dazu geführt habe, dass „aufgestaute Wut oder Frust deutlich wird bei manchem, was man hört und was so durchgestochen wird“ und „dass ich dem nachgehen muss im Sinne von ‘Da ist mehr als MeToo’“. So Buhrow weiter: „Es gibt dieses Thema ‘sexuelle Belästigung’ und das ist das Kernthema, dem wir uns aufklärend und schützend widmen müssen. Es gibt aber – glaube ich zu spüren – darüber hinaus Verunsicherung, Unbehagen, Frust, das sich hier auch Bahn bricht. Und ich will dem nachgehen und möchte, dass wir uns dem stellen.“ Das werde aber ein längerer Weg sein und da wird „sicher einiges zutage kommen“. Man müsse abwarten, was die Nachforschungen hierzu ergäben.

Eines müsse er aber auch anmerken in diesem Zusammenhang, fügte Buhrow noch an, nämlich dieses: „Ich kann nur sagen, am Anfang habe ich gedacht, immer wenn ich das hörte oder las: Was ist denn das? Klima der Angst? Was soll denn das? Es braucht keiner Angst zu haben. Also, ich meine, der WDR ist eigentlich der rebellischste Laden, da kriegt man ja ’n Orden, wenn man sagt: Ich hab meinem Chef mal gesagt, was mir alles nicht passt.“ Für ihn persönlich und den ganzen WDR und die Führungsmannschaft gelte, man stelle sich dem Weg der Klärung, auch was die Unternehmenskultur angehe. Er sei „bereit zu jeder Art von Verbesserung, zu jeder Art von Aufbereitung“. Aber so, wie vieles dargestellt werde, da müsse er auch sagen, „das ist ein Zerrbild, das kann ich nicht anziehen“.

Der wahre, gute, edle WDR

Zugleich aber sagte Buhrow in der Rundfunkratssitzung auch, er begrüße die öffentliche Debatte zum Thema „MeToo im WDR“, und er „begrüße auch die kritische Berichterstattung“. Er machte dabei, was manche Forderung nach rascher Aufklärung angeht, auf eine Schwierigkeit aufmerksam, die in solchen Fällen bestehe: „Als Arbeitgeber sind wir verpflichtet, beiden Seiten gegenüber gerecht zu werden und gerecht zu bleiben, also den Beschuldigern beziehungsweise Beschuldigerinnen und den Beschuldigten.“ Wenn Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung nicht belegbar seien, könne man ihnen nicht bis auf Letzte nachgehen. Inzwischen würden sich aber immer mehr Betroffene „verwertbar melden“. „Ich bin froh, dass es ein Klima des Vertrauens gibt“, so Buhrow. Der WDR-Intendant wies außerdem darauf hin, dass „wir schon 2015 noch lange vor der amerikanischen ‘MeToo’-Debatte einen Interventionsausschuss geschaffen hatten, gerade weil es mir wichtig war, dass man nicht nur auf den Vorgesetzten angewiesen sein soll in solchen Fällen“.

Buhrow betonte in seinem Bericht vor dem Rundfunkrat mehrfach ausdrücklich, dass sexuelle Belästigung im WDR selbstverständlich nicht geduldet und Fehlverhalten konsequent verfolgt werde: „Wir müssen eine wirkliche Aufarbeitung betreiben.“ Dann richtete er an den Rundfunkrat folgende Sätze: „Aber jetzt möchte ich auch eines noch hinzufügen zum Ende. Das ist keine Einbahnstraße. Und ich habe es erlebt, als Valerie Weber von mir als Direktorin Ihnen vorgeschlagen wurde, und ich habe es nicht erlebt, aber viele von Ihnen haben es erlebt, als die sogenannten ‘Radioretter’ sich gegen kleine Reförmchen bei WDR 3 stemmten, mit Unterschriftenlisten von Pensionären und anonymen Listen, von aktiven Mitarbeitern et cetera. Den Weg, den ich nicht gehen werde, das muss ich auch ganz klar sagen, das ist, dass jeder egoistisch seinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, seinen WDR definiert und sagt: Nur, was ich will mit meiner Sendung, also den Sendeplatz, und nur wenn es so läuft, wie es meine Nase ist, dann ist es der wahre, gute, edle WDR, und alles andere, wenn Chefs was entscheiden, was mir nicht passt, ist ein Angriff und ist Angstkultur. Den Weg gehe ich nicht mit, das muss ich auch ganz deutlich sagen.“

Resolution des WDR-Rundfunkrats

Der WDR-Rundfunkrat verabschiedete in der Sitzung am 8. Mai mit großer Mehrheit eine „Stellungnahme zu Belästigungsvorwürfen im WDR“. Das Gremium forderte in dieser Resolution unter anderem Maßnahmen vom Sender, „die dazu beitragen, strukturelle Defizite und Risiken zu erkennen, um Fehlverhalten effektiv zu vermeiden“ (vgl. MK-Dokumentation).

Ursprünglich hatte auf der Tagesordnung der WDR-Rundfunkratssitzung am 8. Mai auch die Wiederwahl von Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und Hörfunkdirektorin Valerie Weber gestanden. Diesen Punkt habe er jedoch von der Tagesordnung wieder abgesetzt, da Intendant Buhrow noch nicht, wie es üblich wäre, einen Antrag gestellt habe, die Verträge der Direktoren zu verlängern, erläuterte der Rundfunkratsvorsitzende Andreas Meyer-Lauber in der Sitzung. Buhrow erklärte, er wolle bezüglich der Wiederwahl der beiden Direktoren nun so lange warten, bis die vom Sender zur Belästigungsaffäre eingesetzte Sonderbeauftrage Monika Wulf-Mathies ihren Abschlussbericht dazu vorgelegt habe. Der WDR-Intendant ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass er mit der Arbeit von Jörg Schönenborn und Valerie Weber sehr zufrieden sei und die Vertragsverlängerungen deshalb fest eingeplant seien. Buhrow: „Ich bin froh, dass wir diese beiden Programmdirektoren haben.“

17.05.2018/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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