Saarländischer Rundfunk legt Abschlussbericht zum Fall Wedel vor

26.04.2018 • Thomas Kleist, der Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR), zeigte sich erschüttert. Es sei „hart“ gewesen, erfahren zu müssen, „wie wenig nachhaltig den Betroffenen geholfen und Beistand geleistet wurde“. Dies sagte Kleist am 12. April, als die ARD-Landesrundfunkanstalt in Saarbrücken ihren vorläufigen Abschlussbericht zu den Untersuchungen der Vorfälle präsentierte, die sich Ende 1980 und Anfang 1981 rund um die Produktion der Fernsehserie „Bretter, die die Welt bedeuten“ abgespielt haben sollen. Schauspielerinnen hatten Dieter Wedel, den Regisseur der Serie, der sexuellen Nötigung und anderer Übergriffe bezichtigt. Die Vorwürfe waren im Januar dieses Jahres publik geworden (vgl. MK-Artikel).

Produziert wurde „Bretter, die die Welt bedeuten“ von der Firma Telefilm Saar (TFS), einem laut Untersuchungsbericht „gesellschaftsrechtlich als Enkeltochter“ des SR agierenden Unternehmen. Die Telefilm Saar GmbH wiederum beauftragte die Firma Active Films, die Produktionsfirma Wedels, mit der Realisation der Serie.

Erstellt hat die nun unter dem Titel „Vorläufiger Abschlussbericht – Vorgänge im Zusammenhang mit der Serienproduktion ‘Bretter, die die Welt bedeuten’ (TFS 1980-1982)“ vorgelegte Dokumentation eine Task Force, geleitet von SR-Justiziar Bernd Radeck. Sie befragte für ihre Untersuchung Zeitzeugen und sichtete „elf Aktenordner der Produktion im ehemaligen Archiv der TFS“ und weitere elf aus anderen Archiven. Die Task Force schließt nach eigenen Angaben nicht aus, „dass es weitere aussagekräftige Unterlagen gibt, die aber derzeit nicht bekannt sind“. Dieter Wedel äußerte sich gegenüber der Task Force nicht – auf Anraten seiner Ärzte, wie ein Anwalt des Regisseurs dem SR mitteilte.

Der Verantwortung nicht gerecht geworden

„Insgesamt sind die damaligen Funktionsträger bei Telefilm Saar und SR an heutigen Maßstäben gemessen der besonderen Verantwortung, die nach der Erhebung der Vorwürfe angebracht gewesen wären, nicht gerecht geworden“, sagte Task-Force-Leiter Radeck bei der Vorstellung des Berichts. Der vorläufige Abschlussbericht wirft in mehrerer Hinsicht ein schlechtes Licht auf die einstigen Verantwortlichen. Demnach waren der Geschäftsleitung der Telefilm Saar und damit mindestens dem SR-Programmdirektor im Dezember 1980 die Vorwürfe einer Darstellerin bekannt. Spätestens im Herbst 1981 habe auch der Intendant davon erfahren. Die Verantwortlichen hätten sich für die Situation der mutmaßlichen Wedel-Opfer aber nicht sonderlich interessiert. Den Hierarchen sei es damals nicht zuletzt darum gegangen, einen „Presseskandal“ zu vermeiden, so die Task Force.

Im vorläufigen Abschlussbericht ist ein Gespräch vom 26. Mai 1981 dokumentiert, in dem der Geschäftsführer TFS dem Geschäftsführer von Active Films deutlich macht, dass „Schadenersatzansprüche geltend gemacht werden“, sollte sich Dieter Wedel erneut „grob produktionsgefährdend“ verhalten. Dies bezog sich auf die enorm kostspieligen mehrmaligen Unterbrechungen der Dreharbeiten, die unter anderem notwendig geworden waren, weil die Schauspielerin Ute Christensen nicht mehr arbeitsfähig war. Sie wirft Wedel in einem am 25. Januar 2018 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienenen Text vor, der Regisseur habe sie nach einem von ihr abgewehrten sexuellen Übergriff derart terrorisiert, dass sie einen Nervenzusammenbruch erlitten habe.

Macht- und Funktionsmissbrauch

In dem Gespräch vom 26. Mai 1981 habe der Geschäftsführer von Active Films „die faktische Trennung von Wedel als Regisseur der noch abzudrehenden Folgen und der noch in der Endfertigung befindlichen Folgen“ gebilligt, heißt es in dem Bericht weiter. Der SR konnte sich zu dieser Sanktion indes nicht durchringen, wie eine auf dieses Gespräch beziehende maßgebliche Passage des Task-Force-Berichts zeigt: „Darüber wird der Redaktionsleiter der Fernsehunterhaltung am 28. Mai 1981 telefonisch informiert. Unter Berufung auf seinen Chef, den Fernsehprogrammdirektor, stellte der Redaktionsleiter in einem das Telefonat bestätigenden Vermerk wörtlich ‘noch einmal, schriftlich, und in der gebotenen Deutlichkeit [fest]: Der Streit ist zunächst eine persönliche Angelegenheit zwischen Herrn Wedel und Frau Christensen und für die Redaktion erst wichtig, wenn die Arbeit oder deren Qualität ernsthaft gefährdet ist.’“

Generell sei aus heutiger Sicht zu konstatieren, dass Betroffenen wie Beobachtern damals suggeriert worden sei, „dass es sich bei den Vorgängen entweder um Bagatellen gehandelt habe oder aber – sofern es sich hierbei doch um moralisch oder rechtlich zu abweichendes Verhalten gehandelt haben sollte – bestimmte Personen auch bei regelwidrigem Verhalten keine Sanktionen zu vergegenwärtigen müssen oder davor geschützt sind“. Im Untersuchungsbericht verkündet der SR nun das Ziel, dieser möglicherweise noch im kollektiven Bewusstsein vorhandenen Wahrnehmung“ künftig eine „deutliche Distanzierung bzw. Verurteilung von Macht- und Funktionsmissbrauch entgegenzusetzen“.

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk-Medienmagazin „@mediasres“ sagte SR-Intendant Thomas Kleist am 12. April unter anderem: „Es war eine andere Zeit. Man hatte ein anderes Frauenbild.“ Das ist gewiss nicht völlig falsch; das Ende des vorläufigen Abschlussberichts lässt sich aber auch anders interpretieren. Wichtig sei „die Einrichtung einer unabhängigen Anlaufstelle für alle Beschäftigten der Filmbranche“, heißt es dort, „denn die nur auf die kurze Produktionsdauer tätigen Filmschaffenden haben oft keinen Zugang zu den in den Landesrundfunkanstalten vorhandenen Anlaufstellen. Zudem ist für diesen Personenkreis oft nicht klar erkennbar, ob die Personen, von denen möglicherweise Repressionen ausgehen, Angestellte der Produktionsfirma oder des beauftragenden Senders sind.“ Lebten wir heute wirklich, wie Thomas Kleist meinte, in anderen Zeiten, dann bräuchte es solche unabhängigen Institutionen nicht.

ZDF, NDR, Sat 1 und Bavaria Film

Ergebnisse zu Untersuchungen bezüglich möglicher sexueller Übergriffe im Rahmen von TV-Produktionen Dieter Wedels hatten vorher bereits das ZDF, der Norddeutsche Rundfunk (NDR), Sat 1 und die Produktionsfirma Bavaria Film vorgelegt. Sie fanden in ihren jeweils noch vorhandenen Unterlagen keine entsprechenden Hinweise. Das „Zeit-Magazin“ wies in seiner Ausgabe vom 22. März 2018 aber darauf hin, der Redaktion lägen „Aussagen von insgesamt acht Frauen vor, denen Wedel anlässlich von ZDF-Produktionen entweder Rollen angeboten oder die er zu Castings eingeladen haben soll, beides verbunden mit der Drohung, wenn sie auf Avancen nicht eingingen, werde er ihre Karriere zerstören“. Zwei dieser mutmaßlichen Opfer „berichten von sexuellen Übergriffen, denen sie gerade noch entkommen konnten“, heißt es weiter.

Zu den Ergebnissen des Norddeutschen Rundfunks schreibt das „Zeit-Magazin“ in derselben Ausgabe, dem Blatt seien „Vorwürfe von insgesamt vier Frauen bekannt, die sich auf die Jahre 1971 bis 1980 beziehen, als Wedel für den NDR tätig war“. Zumindest in einem Fall sei inzwischen ein Kontakt zwischen mutmaßlichem Opfer und NDR zustande gekommen.

26.04.2018 – rm/MK