Aus 7TV wird Joyn: Neustart der Streaming-Plattform von Pro Sieben Sat 1 und Discovery

07.06.2019 •

Seit Sommer 2018 kooperieren die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe und der Discovery-Konzern im Streaming-Geschäft. Ziel der Zusammenarbeit ist es, die bisherige 7TV-Plattform der beiden Partner in einer deutlichen ausgebauten Form neu an den Start zu bringen. Seit Monaten arbeiten rund 200 Mitarbeiter aus beiden Konzernen am Aufbau der erweiterten Plattform. Pro Sieben Sat 1 und Discovery haben jüngst weitere Informationen zu ihrem Großprojekt bekannt gegeben: Unter dem Namen Joyn wird die Streaming-Plattform in diesem Monat ihren Betrieb neu aufnehmen. Die Beteiligten wollen den genauen Starttermin noch nicht nennen; es dürfte innerhalb der zweiten Juni-Hälfte losgehen. Eine Testphase (Beta-Test) gibt es bereits: Seit dem 15. Mai können sich Nutzer der bisherigen 7TV-App bei Joyn online registrieren, um Beta-Tester zu werden. Allerdings kann nicht jeder, der sich registriert, dann auch tatsächlich schon vorab das neue Angebot testen („Mit ein bisschen Glück bist du dabei“, heißt es bei der Anmeldung).

Pro Sieben Sat 1 und Discovery wollen mit Joyn eine „Streaming-Plattform mit dem größten kostenlosen Free-TV- und Video-on-Demand-Angebot für Deutschland“ starten. Die angebotenen Inhalte sind werbefinanziert; dabei will Joyn, wie Pro Sieben Sat 1 gegenüber der MK erklärte, auch auf zielgruppenorientierte bzw. personalisierte Werbung setzen. Genutzt werden kann Joyn auch ohne Registrierung, und zwar auf iOS- und Android-fähigen mobilen Geräten, auf Computern und Smart-Fernsehern. Bestimmte Sendungen werden sieben Tage vor und 30 Tage nach der TV-Ausstrahlung online abrufbar sein. On-Demand-Inhalte wird es in der Startphase nur von den Programmen der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe und des Discovery-Konzerns geben. Vorgesehen sind auch „kuratierte Themenkanäle“, zum Start gibt hier die Kanäle „Motor Trend“ und „Food Network“. Über Joyn wird beispielsweise ab dem Start die dritte Staffel der Serie „Jerks“ mit Christian Ulmen und Fahri Yardim exklusiv zu sehen sein.

Fokus auf Free-TV-Inhalte

Zum anderen sollen über Joyn „Livestreams von über 50 Programmen“ angeboten werden. Dazu gehören neben den Free-TV-Kanälen der beiden beteiligten Konzerne – darunter Pro Sieben, Sat 1, Sat 1 Gold, Kabel 1, Sixx (jeweils Pro Sieben Sat 1) sowie DMAX und Eurosport (jeweils Discovery) – weitere kommerzielle Sender wie Sport 1 (Constantin Medien), Welt und N24 Doku (jeweils Springer) und auch ausländische Programme, darunter BBC World, TV 5 Monde (Frankreich) und der internationale Wirtschaftssender Bloomberg TV.

Über Joyn werden außerdem die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme im Livestream angeboten. Dazu gehören etwa das ZDF-Hauptprogramm, ZDFneo und ZDFinfo – diese drei Sender sind bereits seit Ende 2018 über die bisherige 7TV-Plattform nutzbar (vgl. MK-Meldung) – und der deutsch-französische Kulturkanal Arte. Das komplette Programmbouquet der ARD wird nach Angaben von Pro Sieben Sat 1 ebenso bei Joyn im Livestream abrufbar sein. Die Livestreams der privaten Fernsehveranstalter werden bei Joyn zunächst nur in der digitalen Standardauflösung (SD/Standard Definition) verfügbar sein. Ob über die neue Plattform die Livestreams der öffentlich-rechtlichen Programme in SD oder in hochauflösender Qualität (HD/High Definition) angeboten werden, dazu äußerte sich Pro Sieben Sat 1 gegenüber der MK nicht. Klar ist, dass Joyn-Nutzer künftig die kommerziellen Programme auch in HD sehen können – allerdings nur dann, wenn sie dafür bezahlen. Die HD-Livestreams der Privatsender werden Teil des kostenpflichtigen Premium-Bereichs sein, um den Joyn bis zum Winter erweitert werden soll.

Insgesamt sollen über Joyn Sendeinhalte von 15 externen „Content-Partnern“ angeboten werden. Der Fokus liegt dabei auf Free-TV-Inhalten. Im Juni 2018 hatte Max Conze, Vorstandschef der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe, den privaten Konkurrenten RTL wie auch die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF eingeladen, sich am Aufbau einer Streaming-Plattform zu beteiligen, um „gemeinsam einen deutschen Champion zu schaffen“ und so den US-amerikanischen Konzernen Netflix, Amazon (Prime Video) und Google (YouTube) Paroli zu bieten (vgl. MK-Meldung).

Die RTL-Gruppe hat Conzes Offerte nicht angenommen, sondern im vorigen Jahr in den Ausbau ihres eigenen zentralen Videoportals TV Now investiert. Seit Dezember 2018 ist TV Now in erweitertem Umfang verfügbar. Ermöglicht wird zum einen der kostenfreie (werbefinanzierte) Abruf von einzelnen Sendungen der Programme, die zur RTL-Gruppe gehören. Zum anderen gibt es kostenpflichtige Angebote. Dazu gehört die Nutzung der Livestreams der RTL-Programme, die monatlich 2,99 Euro kostet. Außerdem gibt es ein Premium-Paket (4,99 Euro pro Monat), das neben den Livestreams unter anderem auch den Zugriff auf exklusive Inhalte beinhaltet, wie etwa die Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (vgl. MK-Kritik).

Kontinuierliche Angebotserweiterung

Pro Sieben Sat 1 und Discovery wollen ihre neue Streaming-Plattform Joyn kontinuierlich um neue Features und Inhalte erweitern. Als Teil des Premium-Bereichs sollen bis zum Winter neben den HD-Livestreams der Privatsender auch die kostenpflichtigen Angebote Maxdome (Pro Sieben Sat 1) und Eurosport-Player (Discovery) in die Plattform integriert werden. Über das On-Demand-Angebot Eurosport-Player, das aktuell 4,99 Euro pro Monat kostet, sind beispielsweise seit August 2017 pro Saison 40 der 306 Spiele der ersten Fußball-Bundesliga live zu sehen. Der Streaming-Anbieter Maxdome bietet nach eigenen Angaben aktuell „über 50.000 Spielfilme und Serienepisoden“ zum Abruf an. Das Abonnement kostet derzeit 7,99 Euro pro Monat. Wie viel bei Joyn die Nutzung des Premium-Bereichs kosten wird, ist noch nicht bekannt.

Die Streaming-Plattform Joyn wird nun von der in München ansässigen Joyn GmbH betrieben, an der zu jeweils 50 Prozent die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe und der Discovery-Konzern beteiligt sind. Die 7TV Joint Venture GmbH wurde entsprechend umbenannt. Geschäftsführer der Joyn GmbH sind, wie zuletzt bei der 7TV Joint Venture GmbH, weiterhin Alexandar Vassilev, Katja Hofem und Jochen Cassel. Mit dem Namen Joyn, der sich aus den englischen Wörtern joy (Freude) und join (mitmachen, sich verbinden) zusammensetzt, ist im Übrigen ein gescheitertes Projekt verbunden. Vor knapp sieben Jahren war unter diesem Namen vom Telekommunikationsunternehmen Vodafone ein Messenger-Dienst initiiert worden, später machte dabei auch die Deutsche Telekom mit. Doch mangels Erfolg wurde der Dienst, der als eine Alternative zu WhatsApp vermarktet wurde, 2014 und damit bereits zwei Jahre nach dem Start wieder eingestellt. Ein solches Schicksal dürfte die Streaming-Plattform Joyn wohl nicht ereilen.

07.06.2019 – Volker Nünning/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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