Die Erlebnisse des Gereon Rath

Avancierte Produktion: Zur bei Sky erstausgestrahlten Fernsehserie „Babylon Berlin“

Von Dietrich Leder

29.12.2017 • Am Ende der letzten Folge der zweiten Staffel von „Babylon Berlin“ kehrt die Serie an den Anfang zurück, an den sich in dem Moment vielleicht nur noch wenige Zuschauer erinnern werden. Der Anfang der ersten Folge von Staffel 1 hatte deutlich markiert, dass all das, was danach in insgesamt 720 Minuten folgen wird, ein Rückblick ist, genauer gesagt: die Erinnerungsanstrengung der Hauptfigur Gereon Rath, die dazu unter Hypnose von einem Arzt aufgefordert worden war. Die kurzen Filmbilder, die auf die Szene mit dem Hypnotiseur folgten und also Erinnerungsfragmente wiedergaben, waren Bruchstücke dessen, was die Serie in den folgenden zwei Staffeln noch erzählen würde. Stellenweise liefen diese Erinnerungsbilder zudem rückwärts, als wäre die Erinnerung ein Film, den man einfach zurückspulte.

Unter den erzählerischen Tricks, derer sich die Serie „Babylon Berlin“ bedient, ist diese Rückblendenstruktur einer der besseren. Denn sie erlaubt die Subjektivierung der Erzählung, lässt das, was die Serie aus dem Berlin des Jahres 1929 erzählen will, immer mal wieder wie einen privaten Alptraum erscheinen, dem dann auch mühelos visuelle und akustische Elemente aus anderen Genres als dem des Krimis eingefügt werden können. In der Hauptsache bleibt die Serie allerdings eine Polizeigeschichte. Ihr Protagonist ist der von Volker Bruch gespielte Kriminalbeamte Gereon Rath, der gerade von Köln in die Reichshauptstadt versetzt worden ist. Er arbeitet in Berlin beim Sittendezernat mit dem Kollegen Bruno Wolter zusammen, den man in seiner Jovialität fast freundlich nennen könnte, hätte man diese Figur nicht mit Peter Kurth besetzt. So erscheint sie mit der bei Kurth stets angedeuteten Aggressivität von Anfang als der Antagonist, der sich dann in der letzten Folge der zweiten Staffel mit dem Protagonisten einen Showdown liefern wird, wie man es in einer deutschen Serienproduktion so noch nicht sah.

ARD-Ausstrahlung erst im Herbst 2018

Gereon Rath ist durch Erlebnisse im Ersten Weltkrieg traumatisiert. Um sein unwillkürliches Zittern zu bekämpfen, nimmt er regelmäßig ein Medikament, das relativ früh vom Apotheker mit einem Opiat verschnitten wird. Spätestens nach der ersten Staffel ist Rath nach diesem Medikament süchtig und damit leicht unter Druck zu setzen. Sein zweites Geheimnis besteht in dem Auftrag, mit dem ihn sein Vater – ein leitender Polizeibeamter in Köln – nach Berlin geschickt hat; der Sohn soll dort das Original eines Films auftreiben, das mutmaßlich den Kölner Oberbürgermeister in einem Bordell und zudem bei einer masochistischen Praktik zeigen soll.

Da es sich hier, also beim Kölner Oberbürgermeister, wie bei manch anderer Figur der Serie um reale Personen der Geschichte des Jahres 1929 handelt, empörte sich die „Bild“-Zeitung kurz nach Start der Serie unter der Überschrift: „ARD macht Adenauer zum Sado-Maso-Freier“. Und leistete sich gleich zwei Fehler in einem kleinen Satz. Erster Fehler: „Babylon Berlin“ startete nicht in der ARD. Dort wird die Serie erst im Herbst nächsten Jahres gezeigt. Sie begann am 13. Oktober im Pay-TV-Programm Sky 1, wo sie ab dann jeden Freitag mit zwei Folgen hintereinander bis zum 1. Dezember lief, als die zweite Staffel endete. „Babylon Berlin“ ist bekanntlich eine Koproduktion von ARD und Sky (vgl. FK-Heft Nr. 5/14), wobei der Pay-TV-Sender die Erstausstrahlungsrechte hat. Doch an Sky wollte „Bild“ anscheinend keine Kritik üben, denn private Sender sind, anders als öffentlich-rechtliche, im Springer-Konzern sakrosankt. Zweiter Fehler: Auf dem gesuchten Filmstück war Konrad Adenauer gar nicht zu sehen. Dieses Gerücht hatte der Mann in die Welt gesetzt, der Gereon Rath den Suchauftrag erteilte, vermutlich um die Wichtigkeit, dass es gefunden werden müsse, zu steigern und – bedeutsamer noch – um von sich selbst abzulenken. Denn bei dem Mann auf dem Filmstück handelte es sich um den Vater von Gereon Rath.

Verschwindende Geschichten, verschwindende Figuren

Diese Erkenntnis führte dann dazu, dass Gereon Rath in Berlin bleibt, nachdem er das verräterische Filmstück vernichtet hat. Dort wird er in mehrere Kriminalfälle verwickelt und tötet in höchster Not einen Verbrecher, der ihn verfolgte. Er begegnet einem veritablen Gangsterboss (Mišel Matičević), der ein Luxuslokal betreibt, in dessen Keller praktischerweise ein Bordell für alle Spielarten des Sexuellen eingerichtet ist. Er wird mit einer trotzkistischen Untergrundorganisation konfrontiert, die Gold aus der UdSSR in den Westen schmuggelt. Er deckt eine Verschwörung auf, an der sich Eliteoffiziere der Reichswehr und Industrielle beteiligen, um mit einem Attentat und einem Putsch die Rückkehr des nach Holland emigrierten Kaisers zu erzwingen. Er spricht mit kommunistischen Kadern, die sich wacker gegen die Repression von reaktionären Teilen der Berliner Polizei wehren. Und er erlebt schließlich in der Gestalt des Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel – auch das eine historische Figur – einen Sozialdemokraten, der hilflos auf den wachsenden Einfluss der Reichsfeinde von links und von rechts reagiert. Hinzu kommen kritische Reporter, abgebrühte Prostituierte, eine androgyne Sängerin, brutale Schläger des Gangsterbosses, kleinkriminelle Informanten der Polizisten, eine liebesbedürftige Wirtin, eine sozial engagierte Ärztin und viele andere mehr.

Manche der Geschichten dieser Serie lösen sich schnell auf. Andere währen länger: Die Suche nach dem Sadomaso-Dokument endet nach der ersten Staffel. Das Rätsel um das Gold aus der UdSSR wird erst am Ende der zweiten Staffel gelöst (die Staffeln haben je acht Folgen). Andere Geschichten rücken kurz in den Vordergrund, um dann wieder im Hintergrund zu verschwinden. Die Verknüpfungen der Geschichten sind denn auch ein großer Mangel der Serie, denn um sie herzustellen, muss oft der Zufall walten. Besonders arm dran ist die Figur des Neffen von Gereon Rath. Der Junge muss nicht nur für eine gewisse Faszination alles Militärischen stehen – gleichsam als Repräsentant der kommenden Hitler-Jugend –, er muss auch noch zufällig das Waffenversteck der Verschwörer entdecken und dann ebenfalls zufällig zudem noch über die Leiche eines Polizisten stolpern. Dass er dann einfach aus der Gesamterzählung verschwindet, nachdem er seine dramaturgischen Zwecke erfüllt hat, weist auf einen zweiten Mangel der Serie hin.

Die Autoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, die auch – abwechselnd – alle Folgen inszenierten, haben viel in die Ausgestaltung der Hauptfiguren investiert. Neben den bereits erwähnten Charakteren Gereon Rath und Bruno Wolter ist da vor allem die Figur der Charlotte Ritter zu nennen, die Liv Lisa Fries durch ihr Spiel zum heimlichen emotionalen Zentrum des Films macht, und die Figur des Polizeirats, den Matthias Brandt wie einen Intellektuellen der Gegenwart anlegt. Andere hingegen blieben blass und stereotyp, so etwa einige nicht gerade unwichtige Nebenfiguren. Ihnen nimmt man die Motive ihres Handelns selbst dann nicht ab, wenn sie durch die Bank hochrangig besetzt sind. Höhepunkt in dieser Hinsicht ist der Auftritt von Günter Lamprecht, der den greisen Reichspräsidenten Hindenburg spielt. Wobei genau dieser Fall auch eine schöne Ironie der Fernsehgeschichte ist, hatte der Schauspieler doch in der 1980 im Ersten Programm der ARD ausgestrahlten Fassbinder-Serie „Berlin Alexanderplatz“ (nach Döblins Roman), die ebenfalls Ende der 1920er Jahre spielte, einen kleinen Ganoven dargestellt.

Den Schwächen von „Babylon Berlin“ stehen dann aber auch manche Stärken etwa bei der Ausstattung, der Maske, der Kamera, der Tricktechnik und der Musik gegenüber, wo es sehr oft gelingt, ein ganz eigenes Bild von der Stadt Berlin im Jahr 1929 zu entwickeln, das nicht nur die großen Plätze, die S-Bahnhöfe, die Boulevards, sondern auch die Hinterhöfe, die industriellen Randbezirke, die Rangierbahnhöfe und die Katakomben enthält. Es ist selbstverständlich ein Bild, das von heute aus entworfen ist. Vieles verweist somit auf das, was in den nachfolgenden Jahren noch kommen wird, und manches erscheint so – wie beispielsweise die suggestive Musik –, als nehme sie die Gegenwart vorweg.

Die Handlungslogik und die Romanvorlage

Die fiktive Krimihandlung ist über die erwähnten historischen Figuren, aber auch durch einzelne Ereignisse wie den „Blutmai“ im Wedding, als die Polizei auf Demonstranten schoss, in einen geschichtlich verbürgten Kontext eingebettet. Allerdings interpretiert die Serie Zeitgeschichte des Jahres 1929 auf eine mitunter absurd wirkende Weise. So behauptet sie beispielsweise, dass die Demokratie der Weimarer Republik eher durch die Kaisertreuen bedroht worden sei als durch die Nationalsozialisten oder dass die Anhänger Trotzkis – ein Jahr nach dessen Ausweisung aus der UdSSR – schon eine schlagkräftige Untergrundorganisation in Berlin aufgebaut hätten. Diese zeitgeschichtlichen Fehldarstellungen entspringen dabei weniger einer politischen Willkür, sondern folgen eher einfach nur der Handlungslogik. Die Nazis und ihre maßgebenden Figuren sollen noch keine Rolle spielen, um nicht von der Krimihandlung abzulenken. Und die Trotzkisten haben eine retardierende Funktion, indem sie das Rätsel um den Goldtransport noch einmal verkomplizieren.

Dieser Handlungslogik opfert die Serie auch zwei historische Personen, die in der „Babylon Berlin“ zugrunde liegenden Romanvorlage „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher noch eine gewichtige Rolle spielten. Bei der ersten handelt es sich um den Leiter der Berliner Mordinspektion, Ernst Gennat, der bei Kutscher so etwas wie ein väterlicher Freund und vor allem Lehrmeister in Sachen Ermittlung für Gereon Rath wird. In der Serie taucht er – gespielt von Udo Samel – nur ganz kurz auf. (Hier wie beim Verzicht auf die kaum angedeutete Präsenz der Nationalsozialisten zeigt sich am deutlichsten, dass die Produzenten von Beginn an auf eine Fortsetzung der Serie spekulieren; es liegen ja bereits fünf weitere Kutscher-Romane um Gereon Rath vor, die der Verfilmung harren. Dann dürften Ernst Gennat und die Nazis eine größere Rolle spielen.)

Bei der zweiten Person handelt es sich um den stellvertretenden Berliner Polizeipräsidenten Bernhard Weiß, den der Nationalsozialist und spätere Propagandaminister Joseph Goebbels zu seinem obersten Feind auserkor und den er in seinen Schmähschriften mit einem jüdischen Vornamen versah, um ihn offen als Juden zu identifizieren und seine Angriffe antisemitisch zu grundieren. Er ist in der Serie durch die von Matthias Brandt gespielte Figur ersetzt worden, die mit Bernhard Weiß manches gemein hat (Herkunft, Kriegsvergangenheit, Vorliebe für die Künste). Der Grund für diese Verschiebung ist simpel: Die Serienfigur fällt am Ende der zweiten Staffel einem Bombenattentat zum Opfer, während Bernhard Weiß zwar beim sogenannten Preußenschlag 1932 abgesetzt wird, aber nach der „Machtergreifung“ der Nazis noch rechtzeitig nach England fliehen kann.

Western-Stil und Hitchcock-Thriller

Die Schilderung des Bombenattentats, das sich von der Vorbereitung bis zur Explosion über anderthalb Folgen hinzieht, ist im Stile eines Hitchcock-Thrillers gedreht. Andere Passagen gerade der abschließenden 16. Folge enthalten Elemente eines Horrorfilms. Der erwähnte Showdown zwischen Gereon Rath und Bruno Wolter beginnt als eine Art Westernszene, in der ein Zug gekapert wird, und endet als Paraphrase von „Mission: Impossible“. In der ersten Staffel bilden die Szenen im Nachtclub die inszenatorischen Höhepunkte, ihre Choreografie verweist überdeutlich auf den US-Kinofilm „Cabaret“ (1972), der ebenfalls im Berlin am Ende der Weimarer Republik angesiedelt war. Dieses Spiel mit den Genre-Versatzstücken und mit den Verweisen auf weitere Filme der Weimarer Republik (von „Menschen am Sonntag“ bis zu den abstrakten Filmen von Ruttmann und Richter) hat durchaus einen gewissen Reiz. Mitunter wirkt es aber nur kokett, als wollten die Regisseure von „Babylon Berlin“ beweisen, wie mühelos sie sich alles anverwandeln können.

Das Fazit bleibt zwiespältig. So sensationell, wie manche die Serie bezeichneten, auch wegen der ungewöhnlichen Senderkooperation, ist sie nicht. Einige Lobeshymnen basierten denn auch auf Fehleinschätzungen. So handelt es sich bei „Babylon Berlin“ zum Beispiel nicht um die erste Zusammenarbeit zwischen einem deutschen Pay-TV-Sender und einem öffentlich-rechtlichen Programm. So etwas gab es bereits – etwa beim Grimme-gekrönten Fernsehfilm „Das Urteil“ (vgl. diese FK-Kritik) in den 1990er Jahren, als Sky noch Premiere hieß. Auch dürften die Kosten der Serie (40 Mio Euro) mit denen anderer aus den 1970er und 1980er Jahren durchaus vergleichbar sein, rechnete man aus den Minutenpreisen die Inflation und die gestiegenen Personalkosten heraus. Doch diese Kritik an einer Fernsehkritik, die längst zur Reklameagentur für alles, was „High-Class-Serie“ heißt, verkommen ist, soll die Leistungen der Produzenten, Autoren/Regisseure, Schauspieler und des technischen Stabs nicht schmälern. „Babylon Berlin“ ist avanciertes deutsches Serienfernsehen mit vielen Stärken und einigen doch gravierenden Schwächen. Das Fernsehereignis des Jahres ist es also nicht.

29.12.2017/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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