„Wir waren viel zu lange zu leise“

Der Deutsche Fernsehpreis, Platzmangel und die Drehbuchautoren

Von Reinhard Lüke

09.02.2018 • Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises am 26. Januar in Köln (vgl. MK-Meldung) gab es kaum einen Ausgezeichneten in den fiktionalen Kategorien wie „Bester Fernsehfilm“ oder „Beste Serie“, der sich im Rahmen seiner Dankesrede nicht ausdrücklich bei den Drehbuchautoren bedankte. Das Recht, diesen Lobeshymnen im Saal lauschen zu dürfen, hatten sich einige der Angesprochenen allerdings erst erstreiten müssen. (Die Frage, ob es diese Danksagungen ohne ihren Protest überhaupt gegeben hätte, sei einmal dahingestellt.)

Die Vorgeschichte: Nachdem die Einladungen zur Preisverleihungsgala des Deutschen Fernsehpreises 2018 versandt worden waren, stellte Kristin Derfler fest, dass der ARD-Zweiteiler „Brüder“ (SWR) zwar nominiert worden war, sie als Drehbuchautorin des Films jedoch nicht für die mögliche Entgegennahme einer Trophäe vorgesehen war. Sie hatte noch nicht einmal eine Einladung zu der Veranstaltung erhalten, die nach einem zweijährigen Intermezzo in Düsseldorf nun wieder in Köln stattfinden sollte. Bei der Verleihung in den Kategorien „Bester Fernsehfilm“, „Bester Mehrteiler“, Beste Serie“ (Comedy), in denen jeweils die Leistungen eines Teams ausgezeichnet werden, sollten lediglich Regisseure, Darsteller, Produzenten und Redakteure auf der Bühne stehen. Angesichts dieser Planung der verantwortlichen Sender machte Kristin Derfler über Facebook ihrem Ärger über die Missachtung ihrer Zunft Luft (vgl. MK-Dokumentation).

Protestnote löst Debatte aus

Kurz nachdem Derfler am 10. Januar ihren Text veröffentlicht hatte, übernahm der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) die Protestnote, sprach in einem Offenen Brief an die Stifter des Preises – die Sender WDR (für die ARD), ZDF, RTL und Sat 1 – von einem „Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche“ und verwies auf die „massiv zunehmende Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit“ von Drehbuchautoren im Ausland. Die Angesprochenen zeigten sich zunächst irritiert und verwiesen auf die Tradition des Procederes beim Deutschen Fernsehpreis sowie auf – Platzmangel im Saal. Dass dies keine überzeugende Argumentation war, merkten dann wohl auch die Verantwortlichen und lenkten schließlich ein, indem sie in den entsprechenden Kategorien die Autoren quasi ins Team nachnominierten.

Ungeachtet dieses späten Entgegenkommens hatte der Verband Deutscher Drehbuchautoren wenige Stunden vor der Preisverleihung zu einem Pressegespräch in Köln geladen, an dem neben Kristin Derfler drei weitere Autoren nominierter Produktionen teilnahmen: Niklas Hoffman („Hindafing“, BR Fernsehen), Christian Lex („Eine unerhörte Frau“, ZDF/Arte) und Sebastian Andrae („Magda macht das schon“, RTL); Andrae ist auch geschäftsführendes Vorstandsmitglied des VDD. Dabei machten alle Beteiligten deutlich, dass es ihnen nicht um die Präsenz bei einer Gala, sondern um Grundsätzliches geht. So etwa um die Hindernisse des öffentlich-rechtlichen „Redaktionsfernsehens“, bei dem zu viele Beteiligte ein Mitsprachrecht am Drehbuch hätten. Was dazu führe, dass von jedem Buch bis zu zehn Fassungen geschrieben würden, bis am Ende so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner einer Geschichte herauskäme, die dann eben oft nur noch Mittelmaß sei. Auch viele Regisseure seien wenig gesprächsbereit, wenn es um die Einbindung der Autoren gehe. Da komme es durchaus vor, dass der Charakter einer Figur kurz vor dem Dreh ohne Rücksprache verändert werde.

Gegenteilige Erfahrungen, wie sie bei dem Gespräch in Köln von Niklas Hoffman und Sebastian Andrae geschildert wurden, sind da offenbar die Ausnahme. Bei den Machern von „Hindafing“, so der Autor, habe es sich um ein eingeschworenes Team von Filmhochschulabsolventen gehandelt, dem der Bayerische Rundfunk als auftraggebender Sender zwar nur ein kleines Budget zugestanden, aber ihm sonst kaum Steine in den Weg gelegt habe. Ähnlich löblich äußerte sich Sebastian Andrae, Hauptautor der nach seiner Idee entstandenen Comedy-Serie „Magda macht das schon“, über die Produktionsbedingungen bei RTL, wo er den Herstellungsprozess vom Casting bis zur Endabnahme habe begleiten dürfen.

Größere Mitspracherechte

Hoffnungen für die Zukunft schöpfen die Drehbuchautoren nun vor allem aus der Produktionspraxis international agierender Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon, die den genuinen Erfindern ihrer Serien weit größere Mitspracherechte einräumen als etwa das traditionelle deutsche Fernsehen. Das inzwischen international gängige Rubrum „Created by“ umfasse nun einmal weit mehr Rechte der Mitwirkung am Produktionsprozess, als sie Autoren im deutschen Fernsehen zugestanden würden. Zwar würden, so der Tenor des Pressegesprächs, zunehmend auch die Verantwortlichen deutscher Sender nach Kopien amerikanischer, britischer oder skandinavischer Erfolgsserien verlangen, sie seien sich dabei aber nicht bewusst, das solche Produktionen innerhalb der eingefahrenen hiesigen Strukturen kaum realisierbar seien. Und wenn man die Redakteure darauf hinweise, dass solche Produktionen auch eine andere Einbindung der Autoren erforderten, bekomme man als pauschales Gegenargument in der Regel nur den Satz zu hören: „Das haben wir noch nie so gemacht.“

Unter dem Strich zeigte sich Kristin Derfler mit den Reaktionen auf ihren Facebook-Eintrag, mit dem sie eine Debatte über die Situation der deutschen Drehbuchautoren angestoßen hatte, überaus zufrieden. Und sie verband damit die Hoffnung, dass die Diskussion nach der Verleihung des diesjährigen Deutschen Fernsehpreises nicht gleich wieder versande. Oder wie es Sebastian Andrae ausdrückte: „Wir waren viel zu lange zu leise.“

09.02.2018/MK