Im Western was Neues

Ein ganz besonderes Hörspiel: Die WDR‑Produktion „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“

Von Andreas Matzdorf

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Der WDR hat etwas so Seltenes wie Hinreißendes produziert: ein Western-Hörspiel. Es heißt „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“ und wurde am 8. November 2016 in einer rund 55‑minütigen Version in den Programmen WDR 3 und WDR 1Live ausgestrahlt. Am Silvesterabend 2016 gibt es bei WDR 3 ab 20.05 Uhr die knapp anderhalbstündige Langversion dieses Hörvergnügens. • MK

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31.12.2016 • Unerschöpfliche Welten, weites Land… Nein, diesmal geht es nicht um den Weltraum, sondern um den Wilden Westen. Der wurde filmisch in allen Variationen in Szene gesetzt, mal mit simplen, oft aber auch mit differenzierteren Charakterzeichnungen. Man kennt Gute, die Böses in Kauf nehmen, um Gutes zu erreichen, aber auch Böse, die nebenbei Gutes tun, da gibt’s Halunken mit Ehre oder Killer mit und ohne Schliff und Moral. Manche Helden schießen sich erfolgreich mit ganzen Armeen, andere langen leider auch mal daneben und müssen das dann ausbaden. 

Schuld und Rache, Ehre und Ehrlosigkeit gehören zu den bevorzugten Themen: sich wehren gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden – vielleicht aber auch beim Versuch, etwas zu retten, draufgehen oder die Unschuldigen in Mitleidenschaft ziehen? Subgenres mit reichlich Material finden sich in der Behandlung archetypischer Konflikte wie Geschwisterrivalitäten (Kain und Abel lassen grüßen) und vertrackte Vater-Sohn-Beziehungen, um nur zwei zu nennen. Und dann gibt es natürlich nach den amerikanischen und italienischen noch die postmodernen und mittlerweile die Meta-Western unserer Tage, die sich auf bestimmte Facetten des Genres fokussieren, sie verarbeiten und – wie von Tarantino oder den Coen-Brüdern exerziert – extrem stilisiert wieder ausspucken. Es ist schon bemerkenswert, wie das nach Ciminos „Heaven’s Gate“ (1980) totgesagte Genre durch Kevin Costners vielfach ausgezeichnetes Filmepos „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) wiederbelebt wurde und mittlerweile nicht mehr durch Masse, dafür aber durch cineastische Klasse besticht. Die Kino-Fans sind zu beneiden. 

Ins qualitativ hochwertige Hörspiel, wie es in der Masse nur die öffentlich-rechtlichen Sender beherrschen, ist von der Western-Flut leider fast gar nichts herübergeschwappt. In der Datenbank hoerdat.de sind zwar über 40.000 Hörspiele gelistet, doch bei der Genre-Abfrage sucht man „Western“ vergeblich. Die ARD-Hörspieldatenbank mit mehr als 50.000 Einträgen kennt das Genre zwar ebenfalls nicht, spuckt jedoch über die Volltextsuche einige Nennungen aus. Das Ergebnis allerdings ist niederschmetternd: Man darf getrost davon ausgehen, dass sich sämtliche, dass sich also die von allen ARD-Anstalten insgesamt produzierten Western in etwa an zwei Händen abzählen lassen, wenn man die wenigen Mehrteiler nur einfach berücksichtigt.

Die Autoren des Verbrechens haben’s gut

Betrachtet man hingegen den Kosmos der Kriminalhörspiele, lässt sich vermuten, dass mit den vorhandenen Produktionen eine eigenständige Radiowelle betrieben werden könnte. Die Autoren des Verbrechens haben’s aber auch gut. Seit vor einigen Jahrzehnten stilbildende Genre-Größen wie Chandler, Hammett oder Sjöwall/Wahlöö gnädig in den Literatenhimmel aufgenommen wurden, ist zumindest prinzipiell nicht mehr auszuschließen, dass es sich bei einem Krimi um „Literatur“ (Gütesiegel) handeln könnte. Aber Western? Wer liest schon Western? Und wer würde es zugeben? Die sind doch bestenfalls Jugendliteratur, ansonsten zählen sie zur „Pulp Fiction“. Und beim Groschen- oder Schundroman wird das öffentlich-rechtliche Hörspiel, das sich – wenn auch als eigenständige Kunstform – der Literatur zugehörig fühlt, keine Inspirationen suchen. Was ja durchaus nachvollziehbar ist. Es bestehen aus gutem Grund keine Ambitionen, Arztromane oder Landserheftchen radiophon zu veredeln. Wobei sicher­lich auch hier eine genussvolle Verwurstung à la Buttgereit durchaus vielversprechend sein könnte.

Zu den Pioniertaten des Westerns der radiophonen Neuzeit zählt die Produktion „Ja uff erstmal... Winnetou unter Comedy-Geiern“. Eine Truppe namhafter Comedians, darunter Jürgen von der Lippe, Rüdiger Hoffmann, Mike Krüger, Herbert Knebel und Bastian Pastewka, unterstützt von dem nicht minder renommierten Geräuschemacher Mel Kutbay, interpretierte hier den „Winnetou“ mal ganz anders. Die sechsstündige WDR-Produktion aus dem Jahr 2000 bereitete Darstellern und Publikum großes Vergnügen und hat auch beim Wiederhören nach mehreren Jahren ihren Charme bewahrt. Sie wurde auf Basis eines Hörspielskripts von 1955 realisiert.

Der WDR hat es uns dankenswerterweise beschert

Es steht zu vermuten, dass das Hörspiel deshalb keinen Zugang zum Western besitzt, weil der Weg über die üblichen Inspirationsquellen – Literatur und Schauspiel – nicht dorthin führt. Man könnte sich aber anderswo umtun: beim Film. Da existiert Stoff in Hülle und Fülle, sei es in Form fertiger Werke oder erhaltener Dreh- und Synchronbücher. Im Filmbereich findet sich auch stilprägende Musik von nicht selten anerkannt hoher Qualität für alle Fälle der (Western-)Welt. Außerdem besteht mit Blick auf Western und Hörspiel die Chance, den versierten Geräuschemacher mal richtig wirbeln zu lassen, wenn Pferde wiehern, Hufe trappeln, das Lagerfeuer knistert, herumgeballert wird, Fäuste fliegen und dabei das Mobiliar zu Bruch geht. Die Beilagen sind also schon mal in Hülle und Fülle greifbar. Jetzt müsste man sie nur noch nutzen. Und hätte dabei – anders als beim Krimi – kaum Konkurrenz. Denn der Western als Hörspiel ist Pionierarbeit, da darf experimentiert werden und es gibt einen Willkommensbonus für die Mutigen, die sich zu einem Hörspieltreck zusammenschließen und sich aufmachen ins unerforschte Land.

Und jetzt gibt es tatsächlich im Western-Hörspiel was Neues! Die Produktion heißt „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“ und der WDR hat sie uns dankenswerterweise beschert. Erstausgestrahlt wurde das Stück in einer rund 55-minütigen Version am 8. November, um 19.05 Uhr im Kulturprogramm WDR 3. Und dann wurde es am selben Tag um 23.05 Uhr bei der Jugendwelle 1Live auf dem Sendeplatz „Soundstories“ gleich noch einmal gesendet. Dem Hörspiel liegt ein Film zugrunde, und dabei handelt es sich um einen B-Western, genauer: um den vierten (!) Auftritt des Pistoleros Sartana in dem Spaghetti-Western „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“, dessen Titel das Hörspiel denn auch übernommen hat.

Eigentlich geht es dem ebenso smarten wie schusssicheren Helden ja nur ums Geld. Aber Sartana nimmt es von Gaunern und Wohlstandsbürgern, die als korrupt, hinterlistig und schmierig entlarvt werden. Nebenbei nutzt er die eine oder andere Gelegenheit, um ein bisschen Gutes zu tun. Den Film aus dem Jahr 1979 hat Giuliano Carnimeo alias Anthony Ascott inszeniert, ein solider B-Film-Regisseur, der überwiegend bei Produktionen dieser Art zum Einsatz kam. Die Musik stammt von dem Filmkomponisten Bruno Nicolai, einem unterschätzten Kollegen des weitaus bekannteren Ennio Morricone, dessen Werke er jahrelang dirigierte. Die Kompositionen der beiden sind stilistisch oft zum Verwechseln ähnlich: „Wie Morricone verband Nicolai Elemente des klassischen Film-Scores mit neuartigen Elementen (wie Pfeifen, dem unerwarteten Einsatz von Chören oder schrillen Tönen) und schuf somit den typischen Sound, der vor allem in Italo-Western zu hören war“, heißt es im Internetlexikon „Wikipedia“. Die vorliegende Komposition braucht den Vergleich mit bekannten Morricone-Motiven jedenfalls kaum zu scheuen. Der prägende Sound ist hervorragend für die atmosphärische Einbettung geeignet.

Rollenbesetzung nach Spaß- und Kultfaktor

Für den Text bediente man sich bei der deutschen Fassung des Films aus der Feder der Synchronbuch-Ikone Rainer Brandt. Die lockeren Sprüche, die der mittlerweile 80-jährige Brandt bekannten Filmhelden wie Terence Hill und Bud Spencer seit den Endsechzigerjahren verpasst hat, erreichten Kultstatus („Wir blasen Dir jetzt das Licht aus!“ – „Wer bläst hier wem einen?“). Auch bei legen­dären Fernsehserien wie „Die Zwei“ (mit Tony Curtis und Roger Moore) oder „M*A*S*H“ (man erinnert sich gerne an Brandts „Lautsprecherstimme“) wurde das unverwechselbare Schnodder-Deutsch der Dialoge stilprägend. Die Bearbeitung und Ergänzung für dieses ganz besondere Hörspiel besorgten Roland Slawik, Christian Keßler und Regisseur Leonhard Koppelmann (Dramaturgie: Martina Müller-Wallraf/WDR).

Die Besetzung für die Funkversion wurde offenbar vor allem nach Spaß- und Kultfaktor entschieden. Rainer Brandt interpretiert seine Rolle als Erzähler so markant, dass das Zusammenspiel mit den Dialogen nur noch bedingt funktioniert – ein Tribut an die Hommage. Bela B, bekannt geworden als Schlagzeuger und Punkrock-Sänger der Band „Die Ärzte“, wirkt dagegen als Sartana ein bisschen dünn. Weiterhin sind Peta Devlin, Hamburger Musikerin und seit mehreren Jahren mit Bela B auf der Bühne, und Hörspielprofis wie Oliver Rohrbeck („Die drei ???“) und Stefan Kaminski zu hören. Die musikalischen Beiträge der Gruppe Smokestack Lightnin’ um Bela B passen zu dem wuchtigen Originalsound von Bruno Nicolai wie die Faust aufs Auge. Das Vergnügen an parodierenden Elementen, Witz und Persiflage stehen auch hier deutlich im Vordergrund. Das Ensemble bringt das Hörspielspektakel in Kürze live auf die Bühne und hat zu diesem Zweck eine bundesweite Tournee mit Schwerpunkt Nordrhein-Westfalen angesetzt.

Am Silvesterabend 2016 wird im Programm WDR 3 eine „Extended Version“ von „Sartana“ mit noch mehr Western-Songs von Bela B & Co. ausgestrahlt (20.05 bis 21.30 Uhr). Als Hörbuch ist das ganze auch bereits erschienen (2 CDs, Der Hörverlag, München). Und die englische Fassung des Films lässt sich beim Videoportal YouTube anschauen: „Have a Good Funeral, My Friend, Sartana Will Pay“.

31.12.2016/MK