Tradition und Zukunft eines Preises

Der Hörspielpreis der Kriegsblinden 2016 geht an das MDR-Stück „Und jetzt: Die Welt!“

Von Hans-Ulrich Wagner

Die Finalisten beim Hörspielpreis der Kriegsblinden 2016 kristallisierten sich recht schnell aus den insgesamt 20 eingereichten Produktionen der ARD-Sender, des Österreichischen Rundfunks (ORF) und des Schweizer Rundfunks SRF heraus. Die drei Stücke zu finden, die es für die Preisvergabe zu nominieren galt, war für die sieben blinden Juroren, die sieben Fachkritiker und die Vorsitzende der Jury auf ihrer Sitzung am 1. März beim Bayerischen Rundfunk (BR) in München einfacher als in so manch einem Jahr zuvor.

Da war zum einen „The King is Gone“, der wunderbare bayerische Blues der Musiker-Brüder Micha und Markus Acher, den Andreas Ammer mit einem 1919 erschienenen Text über „Des Bayernkönigs Revolutionstage“, so der Untertitel dieses Hörspiels, zu einem Heimatstück und zu einem Welttheater macht, zu einem skurrilen Roadmovie des frühen Automobilismus und einer schönen schrägen Komödie. „The King is Gone“, eine Produktion der BR-Abteilung ‘Hörspiel und Medienkunst’, schlug viele Jurorinnen und Juroren in den Bann. Für Andreas Ammer hätte die Wahl dieses Stücks die dritte Auszeichnung mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden bedeutet.

Doch um den Preis wetteiferte – die zweite Nominierung – auch eine prallvolle welthaltige Hörspielproduktion des Südwestrundfunks (SWR). Ihr Titel: „Die lächerliche Finsternis“, ihr Autor: Wolfram Lotz, ihr Regisseur: Leonhard Koppelmann. Wolfram Lotz’ Text nach Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas Kinofilm „Apocalypse Now“ entstand in seiner Ursprungsform als Hörspiel, feierte aber zunächst auf den Bühnen Triumphe. Das Stück, das „nicht in Afrika, nicht in Vietnam, sondern in Schlund und Anus der Globalisierung spielt“, wie das Hamburger Thalia-Theater schrieb, wurde von der Zeitschrift „Theater heute“ zum besten deutschsprachigen Stück des Jahres 2015 gewählt. Leonhard Koppelmann produzierte beim SWR in Baden-Baden das irritierende Spiel um weltweite Kampfeinsätze, Flüchtlinge und Piraten als Hörspiel. Eine grandiose Einspielung zusammen mit dem Sprecher-Ensemble um Christoph Luser und Alexander Scheer als Hauptfeldwebel Pellner und Unteroffizier Dorsch und mit der Musik des Komponisten Zeitblom (erstausgestrahlt am 22. Februar 2015 bei SWR 2).

Sibylle Berg und Marina Frenk

Siegreich aus der nominierten Dreiergruppe hervor ging schließlich das MDR-Stück „Und jetzt: Die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“. Verfasserin des polyperspektivischen Monologs von vier Frauen Anfang 20 ist die Erfolgsautorin Sibylle Berg. Zu einer überzeugenden stimmlichen Hörspielleistung machte es die junge in Berlin engagierte Schauspielerin Marina Frenk. Sie gibt allen vier Personen des Stücks ihre Stimme, ist spritzig, spielerisch und durchgedreht, arrangiert die Musik, singt Lieder von Udo Jürgens bis Rio Reiser und mischt eigene Kompositionen dazu. Ein „wildes, furioses, atemloses Stück, voll ätzender Komik und tiefer Verzweiflung, zum Lachen, wenn man denn nicht heulen muss“, so die Jury in der Begründung ihrer Entscheidung, diese Produktion, bei dem Stefan Kanis Regie führte, mit dem Preis auszuzeichnen. Die Bekanntgabe des Preisträgerstücks erfolgte am 4. Mai durch die Film- und Medienstiftung NRW.

Die Zuspitzung auf die drei genannten Hörspiele war insofern sehr leicht, als mehrere der Produktionen, die von den Hörspielabteilungen der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland, in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz diesmal eingereicht worden waren, eindeutig nicht in Betracht kamen für eine Auszeichnung. So stieß beispielsweise Ulrich Hubs Stück „Ein Känguru wie Du“ (MDR), ein „Hörspiel für Kinder und Erwachsene“, auf Kritik. Für Erwachsene ist die Unsicherheit des Panthers und des Tigers, ob ihr Dompteur schwul ist, sicherlich arg naiv. Aber auch die Frage, für welche Altersgruppe von Kindern dieses Tierstimmenspiel um Homosexualität angemessen sei, musste offenbleiben: Für die Jüngeren kristallisiert sich das vermeintliche Problem nicht heraus, für die Älteren dürfte es mit den Worten von Panther und Tiger „zu wenig cool“ sein.

Den richtigen Ton treffen

Zum Teil Kopfschütteln ernteten gleich beide Produktionen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Stella Lunckes und Josef Maria Schäfers Stück „Smalltalk 1 – Schreien, rennen, feiern“ befremdete als Collage von Kindersprache-Imitaten. Der Übergang vom „Teletubbies“-Sound zum Smalltalk der Mittzwanziger überzeugte als „Querschnittsstudie über moderne Großstädter“, die sie sein wollte, nicht. Ähnlich fiel das Urteil über Barbara Kennewegs Stück „Der Krieg der Söhne“ aus. Was angelegt war, „spielend und dokumentierend die virtuellen Kriegszonen der Kinderzimmer“ zu erforschen, entpuppte sich als oberflächlich und näherte sich oft unfreiwillig der Grenze zum Kitsch. Das Problem, den richtigen Ton zu treffen, wurde hier deutlich.

Auch große Hörspielabteilungen sind vor dieser Gefahr nicht gefeit, wie „Levins Abschied“ von Tim Staffel, eine Produktion des WDR, zeigte. Das Thema – das Abgleiten eines Jugendlichen in die Dschihadisten-Szene – ist spannend und gerade für bestimmte WDR-Hörspielplätze, die an ein jüngeres Publikum adressiert sind, auch sehr gut gewählt. Doch in dieser Produktion wurde eine falsche Authentizität vorgeführt; das mit der Sprache der Jugendlichen, nachgestellt im Studio, stimmte einfach nicht.

Inhaltliche Kritik erntete in diesem Jahr die französische Autorin Cécile Wajsbrot. Ihr vom Saarländischen Rundfunk (SR) produziertes Stück „Sirenengesang“ wurde als politisch unangemessen erachtet, weil das Pendeln einer französischen Künstlerin zwischen Paris und Berlin einfach nicht mit den Fluchtursachen und den Flüchtlingserfahrungen unserer Tage in Bezug gesetzt werden könne. Zu verschieden sind die Ausgangspunkte und die Folgen. Man sollte hier nichts vermischen und verwischen.

Auf eine andere Art verwirrend stellte sich das Hörspiel der österreichischen Performerin Michaela Falkner dar. „Draußen unter freiem Himmel“ ist ein düsteres Stück um Krieg, Bürgerkrieg, Folter und Bedrohung. Die WDR-Produktion ließ die Jury-Mitglieder jedoch insofern ratlos zurück, als viele geheimnisvolle Spuren gelegt werden, aber über die Verstörung nicht hinausgegangen wird.

Hörenswerte Stücke

Es gab eine Gruppe von drei weiteren Stücken, die intensiver diskutiert wurden. Der Autor Jens Nielsen und der Komponist Giovanni di Stefano überraschten mit ihrem Stück „Frau Higgins – Anstelle von Erinnerung“, einer Produktion des SRF-Studios Basel. Es geht hier um Demenz und um ein Spiel um das Vergessen, das Sich-Täuschen, das Träumen. Dabei kommt das Arrangement um die ältere Dame namens Higgins und ihren Butler Lugano Seiler streckenweise einem sehr schön skurril verdichteten „Dinner-for-One“-Szenario gleich. Dass Irm Hermann dieser Frau Higgins ihre Stimme verleiht und sie zu einer sympathischen, aber hoffnungslos überkandidelten Person werden lässt, gehört zu den Glücksgriffen der Schweizer Hörspielregie von Claude Pierre Salmony.

Ein Altmeister seines Fachs machte auch in diesem Jahr wieder von sich reden: Der in Frankreich lebende Autor David Zane Mairowitz hatte mit „Hornissengedächtnis“ ein überaus interessantes Stück zum Hörspieljahrgang 2015 beigesteuert. Erzählt wird zunächst die Geschichte der Liebe von Reveka und Zacharias – sie eine ungarische Jüdin, die 1940 von einem französischen Dorf aus in die Schweiz fliehen will, er ein Jude mit Schweizer Pass, der als Fluchthelfer arbeitet. Es geht aber auch um Zacharias’ Arbeit als Dolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen und die Trennung des Paares in der Nachkriegszeit. Die Enkelin Suzanna versucht, mit Reveka und Zacharias ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, warum die beiden 50 Jahre nicht mehr miteinander redeten. „Hornissengedächtnis“ ist ein akustisches Erzählhörspiel vom Feinsten, produziert vom SRF-Studio Zürich.

Obwohl in der Branche schon vielfach diskutiert, wurde Jan Georg Schüttes Stück „Mutter und Sohn“ (NDR) auch auf der Jury-Sitzung in München noch einmal eingehend besprochen. Die Routine, mit der Schütte als Meister des Stegreifspiels aufwartet, ist erneut beeindruckend und hatte auch schon das Publikum der Live-Performance des Stücks bei den ARD-Hörspieltagen 2014 in Karlsruhe überzeugt. Geboten wird ein gekonntes, innerhalb weniger Rahmenabsprachen improvisiertes Spiel um einen erfolgreichen Werbemusiker, den Sohn, Anfang 40, und seiner Mutter, Anfang 70, einer ehemals engagierten, linken Kulturjournalistin. Der NDR reichte nun eine bearbeitete, etwas gekürzte Aufnahme der Karlsruher Aufführung ein, ergänzt aber durch Passagen des hintergründigen Spielens mit dem Material in einer Postproduktion. Wäre das Stück von Schütte, der den Sohn selbst spielte, in die Nominierungsauswahl gekommen, hätte man sicherlich auch Hildegard Schmahl mitnominieren müssen, denn dieser souveränen Schauspielerin ist das Gelingen des Improvisationsspiels entscheidend mitzuverdanken.

Was ist ein Hörspiel?

Auf der Sitzung der 15-köpfigen Jury in München standen so die drei eingangs genannten Stücke sehr bald als herausragend fest. Über diese Finalistengruppe mit Ammer und den Acher-Brüdern, mit Berg und Frenk und mit Wolfram Lotz als Einzelnem in diesem Bunde wurde denn auch nicht gar gestritten – die Qualitäten jedes der drei nominierten Stücke standen für sich außer Frage. Die Vorlieben der Jurorinnen und Juroren gaben letztendlich für die Preisentscheidung den Ausschlag. Was bei vielen der insgesamt 20 eingereichten Hörspielproduktionen jedoch auffiel, soll an den drei nominierten Stücken beispielhaft verdeutlicht werden. Es geht dabei um zwei Fragen. Zum einen: Was ist ein Hörspiel? Und zum anderen: Inwiefern ist der traditionsreiche, diesmal zum 65. Mal veranstaltete Hörspielpreis der Kriegsblinden ein Autorenpreis?

Sibylle Bergs Text war von „Theater heute“ schon 2014 zum Stück des Jahres gewählt worden und erlebte viele Bühnenaufführungen, um jetzt als Hörspiel zu reüssieren. Folgerichtig ist deshalb die nach einer intensiven Diskussion gefallene Entscheidung, nicht nur die Autorin des Textes auszuzeichnen, sondern auch die „Darstellerin“, die dieses Stück zu dem akustischen Ereignis macht, das so zu überzeugen wusste. Der diesjährige Preis geht an Sibylle Berg und Marina Frenk als „Urheberinnen“ von „Und jetzt: Die Welt!“. Die Probleme um den Begriff des Hörspiels und um die Autorenschaft hätten gleichermaßen für die anderen beiden Produktionen gegolten: Andreas Ammer sowie Micha und Markus Acher hatten ihr bajuwarisches Spiel um die Endzeit der Monarchie selbstverständlich auch bereits live auf der Theaterbühne vorgetragen. Hatten sie es vorher schon oder nachher als Hörspiel konzipiert, damit es als „Originalhörspiel“ im traditionellen Sinn verstanden werden konnte?

Braucht es noch einen Hörspielpreis?

Über das mediale Wechselspiel des Textes von Wolfram Lotz wurde einleitend gesprochen. Auch hier stellt sich heraus, dass kreative Ansätze für thematisch starke Texte und die sprachlich überzeugende Bändigung des Materials immer öfter im Literaturbetrieb in verschiedenen medialen Formen erscheinen. Das mag sicherlich viel mit ökonomischen Zwängen zu tun haben – welcher Autor, welche Autorin kann schon allein vom Hörspielschreiben und den daraus resultierenden Honoraren leben? Das hat aber sicherlich auch mit neuen multimedialen Möglichkeiten zu tun und den immer leichter werdenden Grenzüberschreitungen – wer würde nicht die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten nutzen wollen, die performative Medien und ihre technischen Möglichkeiten bieten?

Die Frage, ob es angesichts solcher Entwicklungen dann überhaupt noch eines „Hörspiel“-Preises bedarf, mag sich mancher in München bei der Jury-Sitzung gestellt haben. In den Gesprächen wurde freilich auch deutlich, dass ein solcher von einer unabhängigen Jury vergebener Preis eben gerade deshalb besonders wichtig ist. Er kann und soll Aufmerksamkeit auf diese Kunstform lenken, die früher aufs engste mit dem Produktionsmedium Radio und seinen Studios, heute auf jeden Fall noch mit dem Distributionsmedium Radio und dessen verschiedenen ‘Kanälen’ verbunden ist. Und dass es um die Aufmerksamkeit für das Hörspiel nach wie vor eher schlecht bestellt ist, steht außer Frage. Ja, mehr denn je sollte deshalb der Hörspielpreis der Kriegsblinden in seinem 65. Lebensjahr der Sache des Hörspiels dienen. Ein Plädoyer gegen Sparzwänge im Kulturradio und ein Anmahnen, sich auf die künstlerische und ökonomische Bedeutung für den Literaturmarkt und für die künstlerische Kreativität zu besinnen, muss mit jeder Preisverleihung verknüpft werden.

Wechsel im Jury-Vorsitz

Solch grundsätzliche Fragen hatten auch noch einen anderen, düsteren Hintergrund. Der Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) ist im 100. Jahr seines Bestehens vor große Herausforderungen gestellt. Die Zukunft des im Kriegsjahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, gegründeten BKD ist offen. Sein Radio-Kulturpreis, mit dem er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, war 1951 ins Leben gerufen worden. Seit 1994 trägt diesen Preis die in Düsseldorf ansässige Film- und Medienstiftung NRW mit. Sehr wahrscheinlich wird daher auch bald über die Weiterführung und Neuausrichtung dieses renommierten Ehrenpreises zu diskutieren sein.

Offiziell bekannt gegeben wurde jetzt auch, dass die Schriftstellerin Anna Dünnebier nach zehn Jahren als Vorsitzende der Kriegsblinden-Jury ihr Amt niederlegt. Dünnebier hat diese ihre Tätigkeit in der zurückliegenden Dekade mit großem Engagement, äußerst leidenschaftlich und mitunter auch kämpferisch in der Sache ausgeübt. Auf eine Nachfolgerin haben sich die beiden Träger des Preises bereits verständigt. Dieser Nachfolgerin, der Schrift­stellerin, Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Gaby Hartel, bleibt mithin eine ebenso glückliche Hand zu wünschen. Und für das Hörspielschaffen gilt insgesamt, das es sich glücklich schätzen kann, wenn ihm in Zukunft ein Preis erhalten bleibt, der die Qualitäten der Produktionen kritisch wägt und für all deren Urheber einen gehörigen Beitrag zur ‘Aufmerksamkeitsökonomie’ leistet, wie das im zeitgenössischen Sprachgebrauch mittlerweile so treffend heißt.

Hans-Ulrich Wagner war Mitglied der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2016

21.05.2016/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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