Gegen die alten Seilschaften

Die ARD zeigt im Mai die vierte Staffel der DDR‑Familiensaga „Weissensee“

Von Brigitte Knott-Wolf
08.05.2018 •

08.05.2018 •Die vor acht Jahren erstmals ausgestrahlte ARD-Serie „Weissensee“ gehört zweifellos zu den eher ungewöhnlichen Versuchen, Zeitgeschichte fiktional im Fernsehen zu erzählen. Sie spiegelt inhaltlich den Zustand der DDR-Gesellschaft in ihrer Endphase wider, vermittelt dabei aber – als Familienserie nach dem Vorbild der US-Serie „Dallas“ – zeitgeschichtlich Relevantes eher über Privates und Emotionales. Die Personen rund um den Ost-Berliner Familienclan der Kupfers agieren zwar durchaus politisch, verbleiben aber dennoch in der Sphäre des Privaten, indem es vor allem um ihr eigenes Leben geht. Die Ebene der großen politischen Prozesse aus dieser Zeit zwischen dem Zusammenbruch der DDR und der deutschen Wiedervereinigung einschließlich der dazu gehörenden Personen der Zeitgeschichte bleibt dagegen weitgehend ausgeblendet. Und doch ist diese Serie ganz und gar nicht unpolitisch, sondern führt in Verbindung mit einem hochkomplexen Intrigengeschehen auch eine deutliche politische Botschaft mit sich.

Die erste Staffel von „Weissensee“ war 2010 zu sehen, die zweite 2013, die dritte 2015, jedesmal gab es sechs Folgen und sie wurden stets im Herbst um den deutschen Nationalfeiertag 3. Oktober herum ausgestrahlt (vgl. dazu die Artikel in den FK-Heften Nr. 40/10, und 37/13 und diesen MK-Artikel). Die Handlung der Serie setzte in der ersten Staffel im Jahr 1980 ein, in der zweiten Staffel im Jahr 1987. Der Zeitraum der dritten Staffel umfasste die Zeit zwischen dem 9. November 1989 und dem 15. Januar 1990. Daran knüpft die vierte, wiederum sechs Folgen lange Staffel an. Sie wird nun im Mai 2018 und damit erstmals nicht mehr im Umfeld des Nationalfeiertags ausstrahlt, aber wie Staffel 3 ebenfalls in Form einer sogenannten Event-Programmierung mit drei Doppelfolgen an drei aufeinanderfolgenden Tagen (8., 9. und 10. Mai, jeweils die beiden Folgen von 20.15 bis 21.50 Uhr).

Regie führt bei der vierten Staffel der Serie erneut Friedemann Fromm, der zugleich auch das Drehbuch verfasst hat. Annette Hess, die Ideengeberin für diese Serie und Drehbuchautorin der ersten 15 Folgen, ist nicht mehr als Autorin dabei. Die vierte Staffel von „Weissensee“ (ARD/MDR/Degeto, Produktion: Ziegler Film) umfasst die Serienfolgen 19 bis 24. Am Dienstag, 8. Mai, gibt es im Ersten von 21.50 bis 22.20 Uhr zudem die Sendung „Weissensee – Die Dokumentation“ (ARD/MDR), die im Presseheft zur Serie noch mit dem Titel „1990 – Ende und Anfang“ angekündigt worden war (als „begleitende Dokumentation“).

Familienbande

In der am 1. Oktober 2015 gesendeten letzten Folge der dritten „Weissensee“-Staffel war der Ex-Stasi-Offizier Falk Kupfer von der Liedermacherin Dunja Hausmann (Katrin Sass) mit der Pistole bedroht worden. Es blieb offen, was danach geschah und somit war diese Szene der letzte Cliffhanger der dritten Staffel. Der wird nunmehr in Folge 19 aufgelöst, denn gleich zu Beginn der neuen Staffel sieht man Falk (Jörg Hartmann) als Querschnittsgelähmten, woraus zu schließen ist, dass Dunja Hausmann damals also tatsächlich geschossen und ihn dabei schwer verletzt hat. Falk trainiert verbissen im Reha-Studio, denn jemand wie er gibt niemals auf, weder hinsichtlich seiner körperlichen Versehrtheit noch hinsichtlich seiner ideologischen Überzeugungen. Er mischt weiter mit im politischen Intrigenspiel, in (seiner Meinung nach) bester ideologischer Absicht – jedoch mit fatalen Folgen: Wie in allen drei Staffeln zuvor bringen seine Aktionen auch in der vierten Staffel von „Weissensee“ wieder neues Unglück über die Familie Kupfer.

In dieser neuen Staffel hat Falk also wiederum eine dominante Rolle inne und Jörg Hartmann meistert sie erneut mit großer schauspielerischer Bravour. Falk ist zwar immer noch der Fiesling vom Dienst, aber als Kämpfernatur und als Familienmensch zeigt er auch positive Seiten. Die Rolle des gefühlskalten und unbelehrbaren Erzschurken kommt in dieser Staffel mehr noch als in den vorherigen dem früheren Stasi-Generalleutnant Gaucke (Hansjürgen Hürrig) zu. Er wird letztendlich zu den Verlieren zählen, allerdings nur in moralischer, nicht aber in ökonomischer Hinsicht. Die Heldenfigur, die Falk immer wieder auf Augenhöhe gegenübertritt, ist sein Vater Hans Kupfer (Uwe Kockisch). Dessen Züge verklären sich in dieser neuen Staffel nahezu: Hans Kupfer ist Täter und Opfer zugleich, mit tragischen Zügen, die schlussendlich dennoch zu einem versöhnlichen Ende führen.

Die Schicksale mehrerer Familienmitglieder werden parallel erzählt, überschneiden sich jedoch auch immer wieder. Etwa die Geschichte von Falks jüngerem Bruder Martin (Florian Lukas), des ehemaligen DDR-Volkspolizisten, der zum Möbeltischler wurde und jetzt – letztendlich vergeblich – versucht, seinen Betrieb vor der Abwicklung zu bewahren. Seine West-Berliner Freundin Katja (Lisa Wagner), die als Journalistin ins Geschehen eingreift, ist eine der ‘Lichtgestalten‘ dieser Staffel. Den betrügerischen Investor hingegen, der der Möbeltischlerei den Rest gibt, lässt Regisseur und Drehbuchautor Friedemann Fromm, der selbst gebürtiger Stuttgarter ist, als schwäbelnden Unsympathen auftreten. Ebenso wichtig sind die Geschichten von Hans Kupfers linientreuer Frau Marlene (Ruth Reinecke) und von Falks Ex-Frau Vera Kupfer (Anna Loos).

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Veras Privatleben geht immer mit der Zeit. Sie hat zunächst Falk zugunsten eines systemkritischen Pfarrers verlassen, nach dessen Tod sie sich dann in der Bürgerbewegung engagiert. Die vierte Staffel zeigt ihren Weg von der Teilnahme ihrer Gruppe an den ersten freien Wahlen in der DDR, mit einem für sie entmutigenden Wahlergebnis, bis zur Übernahme einer Tätigkeit bei der (im Juli 1990) neu gegründeten Treuhandanstalt. Letztere spielt in der vierten Staffel eine wichtige Rolle, wobei es jedoch vor allem um die Grenzen der Handlungsspielräume dieser Institution geht, um ihr Unvermögen, mit der gigantischen Aufgabe der Privatisierung der DDR-Wirtschaft fertig zu werden.

Neu hinzu kommt in der ersten Folge der vierten Staffel die Physiotherapeutin und Stasi-Geschädigte Petra Zeiler (Jördis Triebel), die sich in ihren Patienten Falk verliebt, ohne zu wissen, wer er eigentlich ist. Neu ist außerdem der mit einer zweifelhaften Vergangenheit belastete Treuhand-Mitarbeiter Bernd Krohnak (Florian Stetter), mit dem Vera Kupfer eine Beziehung eingeht. Auch die dritte Kupfer-Generation spielt mit, nämlich in Person von Anna Kupfer (Ziva-Marie Faske), der Tochter von Martin und der während der ersten Staffel ums Leben gekommenen Julia, und in Person von Falk und Vera Kupfers Sohn Roman (Ferdinand Lehmann), der an eine Gang Jugendlicher gerät, die sich als Neonazis entpuppen.

So widerfährt jedem der in der Serie Mitwirkenden ein zeittypisches Schicksal. Dabei sind die in „Weissensee“ benutzten Handlungsverläufe – genrebedingt – oft sehr trivial. Allein die vielen zufälligen Begegnungen und zeitlichen Parallelen, die die Handlung in entscheidenden Momenten vorantreiben, sind an Klischeehaftigkeit kaum zu überbieten. So treffen etwa in Folge 23 Nicole Henning (Claudia Mehnert) und Peter Görlitz (Stephan Grossmann) ausgerechnet auf Mallorca in Gestalt des Wirtes jenes Lokals, in dem ein Kellner Nicole versehentlich Wein übers Kleid geschüttet hat, den Mörder von Nicoles Bruders Rolf, der Pfarrer war und sich als Bürgerrechtler engagiert hatte. Was „Weissensee“ als Familienserie dagegen qualitativ aufwertet, sind die gewählten Charaktere der Figuren, die sehr differenziert gezeichnet und mit markanten Schauspielerprofilen besetzt sind. Sie alle vertreten ihre jeweils eigene, durchaus glaubwürdige Moral und zeigen sich gleichermaßen verletzbar und mutig.

Doch obgleich vorbildliches und kritikwürdiges Verhalten, gute und böse Taten in dieser vierten Staffel sehr gleichberechtigt unter „Wessis“ und „Ossis“ aufgeteilt sind, bleibt eine politische Grundaussage unüberhörbar: Das Seriengeschehen ist ein einziges Plädoyer gegen die Machenschaften der alten DDR-Seilschaften von SED und Stasi. Denn die erweisen sich hier als immer noch im Verborgenen aktiv; sie nutzen die neu erworbenen politischen Freiheiten nicht zuletzt dazu, um die nunmehr staatsfernen Medien für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Als eine der wenigen konkreten politischen Botschaften ist daher in dieser Staffel die Forderung nach der Öffnung der Stasi-Akten zu vernehmen, um das vergangene Unrecht aufarbeiten zu können und Erpressungen aller Art unmöglich zu machen. (Da diese Forderung inzwischen längst politisch umgesetzt worden ist, könnte man das gesamte Seriengeschehen auch als eine Rechtfertigung dieser Entscheidung verstehen.)

Leiche im Keller

Dabei knüpft die neue Staffel nicht nur inhaltlich, sondern auch was den dargestellten Zeitraum betrifft, unmittelbar an die vorherige an. Die dritte Staffel endete mit der Stürmung der Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg im Januar 1990; gleich in der ersten Folge der vierten Staffel finden dann – im März 1990 – die ersten (und letzten) freien Wahlen in der noch existierenden DDR statt. So wird zwar an politische Großereignisse erinnert, nicht aber an bestimmte Personen, mit deren Namen sie im öffentlichen Bewusstsein verbunden sind. An ihre Stelle tritt dieser fiktive Familienclan, dessen Mitglieder sich zwar durch große Vielfalt in den Charakteren auszeichnen, sich aber dennoch treu bleiben. Das Entwicklungspotenzial der Protagonisten ist gering, denn sie verhalten sich auch in der neuen Staffel weitgehend nach alten Mustern. Das einzige, was sich über die vielen Folgen zunehmend rasant verändert hat, sind die äußeren Lebensumstände.

Aber auch die Vergangenheit – in Gestalt der alten DDR – lässt die Figuren nicht los und es sind noch immer auch Personen handlungsrelevant, die längst nicht mehr auftreten: weil sie inzwischen tot sind oder untergetaucht und verschwunden wie jetzt die Liedermacherin Dunja Hausmann. Die Serie erzählt die Familiensaga nicht nur mit Blick auf zukünftiges Geschehen weiter, sondern es werden auch immer wieder neue, in der Vergangenheit liegende, bisher verborgene geheimnisvolle Ereignisse erzählt – dabei geht es um die sprichwörtliche Leiche im Keller. Denn wie bei jeder klassischen Familienserie hütet auch die Familie Kupfer ein dunkles Geheimnis und entsprechend den Gesetzen des Genres liegt es in ungeahnten familiären Verwicklungen begründet. So bleiben die Serienfiguren in einem Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft gefangen.

„Weissensee“ ist nicht nur eine Familienserie, weil sie politisches Geschehen auf Familienkonflikte projiziert, sondern auch weil sie zeigt, wie in einer zusammenbrechenden Gesellschaft vor allem die Familienbande das Überleben sichern, und das auch nur, wenn der Einzelne dafür bereit ist, ideologische Grenzen zu überwinden. Symbolort für die Familie ist in der Serie der ihr den Namen gebende See, an dessen Ufer der Familienstammsitz liegt, keine Luxusvilla zwar, aber ein Gebäude, das durchaus gediegene Bürgerlichkeit ausstrahlt. Für das oft hektische Seriengeschehen stellt das Haus ein retardierendes Moment dar, das die Figuren und die Zuschauer zur Ruhe und zum Nachdenken kommen lässt. Es nimmt manchmal auch sehr düstere Züge an, es ist nicht nur friedlich, sondern auch gefährlich, aber letztlich kommt niemand darin um.

Die deutsche Einheit

Hatte sich die Serie zunächst allein in Ost-Berlin abgespielt, kam nach dem Mauerfall auch der Westen der Stadt hinzu. Jetzt in der vierten Staffel finden sogar Ausflüge nach Mailand und Mallorca statt, jedoch mit eher unangenehmen Folgen für die Noch-DDR-Bürger. Doch auch diese vierte Staffel schafft es nicht bis zum Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober. Zu Beginn der letzten Folge (Nr. 24) wird der August 1990 als Datum eingeblendet. Und am Ende dieser letzten Folge der vierten Staffel steht ebenfalls – wie am Ende der dritten Staffel (Folge 18) – eine Szene, in der auf Falk Kupfer geschossen wird.

Er hatte damals seinerseits zuvor geschossen, um Vera Kupfer und ihrer Freundin Nicole das Leben zu retten. Diesmal aber sieht man ihn nicht nur schwer verletzt zu Boden sinken, sondern man sieht auch seine Augen brechen. Dies ist also nicht einer der in dieser Serie so beliebten Cliffhanger, der bei einer möglichen Fortführung aufgelöst werden könnte, sondern hier deutet sich mit dem Tod des Hauptakteurs ein tatsächliches Serienende an. Falk stirbt als ein geläuterter Schurke, den nicht zuletzt seine neue Liebe zu Petra, dem Stasi-Opfer, bekehrt hat. Gleichzeitig kommt es zu einer Aussöhnung zwischen Hans und Marlene, den Stammeltern des Familienclans der Kupfers, die prototypisch für die eine Seite (Hans) stehen, die sich den neuen Zeiten öffnet und sich verändert, und die andere Seite (Marlene), die gegen diese neuen kämpft.

Und was ist mit der deutschen Einheit? Darauf findet die Serie „Weissensee“ auch eine ihr gemäße Antwort: Katja, die Journalistin und Freundin von Martin Kupfer, ist nämlich schwanger, wie man in Staffel 4 in einer der letzten Szenen erfährt, sie macht Martin so zum Vater, was ihm mithin zum dritten Mal innerhalb seines Serienlebens widerfährt – und jedes Mal mit einer anderen Partnerin. Indem die Westdeutsche Katja auf diese Weise zu einem festen Mitglied des ostdeutschen Familienclans geworden ist, ist dann auch – jedenfalls nach dem Maßstab einer Familienserie – die deutsch-deutsche Einheit vollzogen.

08.05.2018/MK
Vorbildliches und kritikwürdiges Verhalten, gute und böse Taten: Jedem der in der Serie Mitwirkenden widerfährt ein zeittypisches Schicksal
WARUM EIGENTLICH „Weissensee“ mit Doppel-s? Wie dieser Ausweis zeigt (zu sehen in Staffel 1), schreibt sich der Ortsteil von Berlin-Pankow eigentlich mit ß. Der Grund fürs Doppel-s ist vermutlich ein grafischer: Bei der Titeleinblendung in Großbuchstaben (siehe oben) sehen zwei S in der Mitte wohl einafch besser aus. Fotos: Screenshots