ARD, ZDF und die Fußball‑WM 2018 in Russland

27.04.2018 • Dass die Vorab-Diskussion über sportliche Großereignisse von politischen Themen mitbestimmt wird, ist mittlerweile normal. Als ARD und ZDF am 23. April im „Hotel Empire Riverside“ in Hamburg-St. Pauli ihr Programm zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland vorstellten, stieg ZDF-Redakteur Jochen Breyer, einer der beiden Moderatoren der Pressekonferenz, gleich mit einer politischen Frage ein. Bezugnehmend auf die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi 2014 fragte er seinen Chefredakteur Peter Frey: „Erwarten Sie eine ähnliche Putinsche Propaganda-Show?“ Ganz so hoch wollte Frey das Thema aber dann doch nicht hängen: „Die Möglichkeiten der Selbstinszenierung“ seien bei einer Fußball-WM „vielleicht ein bisschen kleiner“ als bei Olympischen Winterspielen, sagte er.

„Im Prinzip“, so Frey weiter, sei es ja in Ordnung, dass sich das Ausrichterland einer Fußball-WM „ins Schaufenster stellt“, das habe Deutschland 2006 schließlich auch getan. Der ZDF-Chefredakteur merkte zudem an, dass die hiesigen Medien sich in der Berichterstattung über Russland zuletzt aufs Politische fokussiert und dabei das Land und dessen Bürger „aus dem Blick verloren“ hätten. Dem wolle das ZDF im Zuge der WM-Rahmenberichterstattung entgegenwirken.

Diesen Gedanken griff im Lauf der Pressekonferenz Andreas Kynast aus dem ZDF-Hauptstadtstudio auf, der zum WM-Team seines Senders gehört und dort für „Russland-Themen“ zuständig ist. Seine Aufgabe werde es sein, die russische Gesellschaft zu erklären. „Obwohl Russland geografisch relativ nah ist, ist es gefühlt weiter weg als die USA“, sagte er. Über die Kultur und den Alltag in Russland, so Kynast, wisse man hierzulande kaum Bescheid – und auch nicht darüber, was „Igor Normalbürger über Deutschland denkt“.

National Broadcast Center in Baden-Baden

Sendetechnisch wird sich die Berichterstattung von dem Turnier in Russland (14. Juni bis 15. Juli) von der von anderen Sportgroßveranstaltungen unterscheiden, weil ARD und ZDF ihr gemeinsames WM-Studio dieses Mal nicht in einer zentralen Stadt des Gastgeberlandes eingerichtet haben. Als Sendezentrale dient vielmehr das Funkhaus des Südwestrundfunks (SWR) in Baden-Baden. Dort gibt es dann ein National Broadcast Center (NBC) und diese Konstruktion bedeute „einen Quantensprung“ für die „Übertragung von TV-Großereignissen“, sagte SWR-Sportchef Harald Dietz auf der Pressekonferenz in Hamburg. Das NBC sei „mit den WM-Spielorten und dem Quartier des DFB allein durch 45 Bildleitungen verbunden“, heißt es im WM-Programmheft von ARD und ZDF. Beide Systeme würden dank der Entscheidung, ihr Sendezentrum in Deutschland einzurichten, „einen siebenstelligen Betrag einsparen“, erläuterte Dietz. Das müsse man „in dieser Zeit würdigen“, sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres mit Bezug auf die Sparforderungen, mit denen sich ARD und ZDF derzeit von vielen Seiten konfrontiert sehen.

Nicht gespart hat indes zumindest Herres’ ARD beim berichterstattenden Personal vor der Kamera. Für die an ARD-Übertragungstagen zu sehende Sendung „Sportschau – WM live aus Baden-Baden“ hat man sich für eine Doppelmoderation entschieden. Alexander Bommes und Matthias Opdenhövel bestreiten die Sendung gemeinsam. Das sei „wirklich etwas Neues“, meinte Opdenhövel in Hamburg.

Irritationen über ARD-Expertenteam

Und als Experten hat die ARD gleich vier Personen aus dem Fußballgewerbe verpflichtet: die früheren A-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, Stefan Kuntz und Philipp Lahm (der bei Deutschlands WM-Titelgewinn 2014 in Brasilien noch als Aktiver dabei war) und den in dieser Saison beim Bundesligisten VfB Stuttgart beurlaubten Trainer Hannes Wolf. Unter Journalisten sorgte die Zusammensetzung des Expertenteams für Irritationen, weil drei der vier von der ARD Verpflichteten derzeit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) verbunden sind. Kuntz ist dort seit dem 23. August 2016 als Trainer der U21-Auswahl beschäftigt (also als Ausbilder für potenzielle A-Nationalspieler), Lahm ist als „Bewerbungsbotschafter“ für die Europameisterschaft 2024 im Einsatz, die der DFB nach Deutschland holen will, und Hitzlsperger firmiert beim Verband seit 2017 als „Botschafter für Vielfalt“.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Personalie Stefan Kuntz. Auf der Website des DFB wird er folgendermaßen zitiert: „Ich freue mich sehr auf die Aufgaben während der WM. Einerseits als Spielbeobachter für den DFB und andererseits in der neuen Rolle als TV-Experte für die ARD.“ Dieses Statement wirft einige Fragen auf: Inwiefern wird es bei der Erstellung des Arbeitsplans von Kuntz Absprachen geben zwischen dem DFB und der ARD, die den Verband eigentlich als Objekt der Berichterstattung betrachten sollte und nicht als Partner in Mitarbeiterbeauftragungsangelegenheiten? Teilen sich der DFB und die Rundfunkbeitragszahler die Reisekosten? Schließlich muss Kuntz viel hin- und herjetten zwischen Russland und dem WM-Studio in Baden-Baden.

Befangenheit und Entspanntheit

Kuntz selbst sagte auf der gemeinsamen Pressekonferenz von ARD und ZDF, er werde nicht bei den Spielen der deutschen Mannschaft als Experte zum Einsatz kommen. Erfahrungsgemäß ist es bei Welt- und Europameisterschaften aber so, dass bei den ausführlichen Diskussionen rund um Spiele ohne deutsche Beteiligung nicht selten auf Spiele der DFB-Elf Bezug genommen wird, sei es auf vergangene oder kommende. ARD-Programmchef Thomas Wehrle (SWR) sagte auf der Pressekonferenz, das Kriterium für die Verpflichtung von Experten sei, dass sie „das Programm bereichern“. Dies treffe auf Kuntz zu.

Der frisch rekrutierte ARD-Experte Philipp Lahm wird während der WM Protagonist einer neuen Rubrik sein: „Weltmeister im Gespräch“ heißt sie. Die Interviews mit Lahm führt „Sportschau“-Moderatorin Jessy Wellmer jeweils am Tegernsee, wo der frühere Profi des deutschen Rekordmeisters Bayern München lebt. Wellmer sagt, sie sei sich sicher, dass Philipp Lahm „eine Haltung, eine Meinung loswerden will“. Sie gehe davon aus, dass „er sich von seiner Rolle als Super-Diplomat emanzipiert“.

Bei der Pressekonferenz in Hamburg konnte Lahm nicht anwesend sein – wegen eines Termins im schweizerischen Nyon, bei dem der DFB seine Bewerbungsunterlagen für die Fußball-EM 2024 an die UEFA übergab, die dort ihren Sitz hat. In Hamburg war Lahm in Form einer Art Videobotschaft präsent: Zu sehen war ein am Vortag aufgezeichnetes Gespräch mit Wellmer. Darin fragt ihn die ARD-Moderatorin: „Wie ist es mit der eigenen Befangenheit?“ Lahms Antwort: „Ach, das kann man ganz entspannt sehen.“ Die diesbezügliche Entspanntheit der ARD ist jedenfalls schwer zu überbieten.

27.04.2018 – René Martens/MK
Hauptausgabe der „Tagesschau“ vom 23. April: Mit Meldung zum Fußball-WM-Programm bei ARD und ZDF
Mitglieder des ARD-Teams für die Fußball-WM-in Russland (v.li.): Experte Hitzlsperger, Moderator Opdenhövel, Experte Kuntz
„Heute-Journal“ des ZDF vom 23. April: Mit Meldung zum Fußball-WM-Programm bei ARD und ZDF
Mitglieder des ZDF-Teams für die Fußball-WM-in Russland (v.li.): Experte Stanislawski, Moderator Welke, Experte Kahn, Moderator Breyer, Schiedsrichterexperte Meier Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 16/2018

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