Es geht in die Annalen ein

„Joko und Klaas gegen Pro Sieben“: Jenseits von Quatsch und Quote einmal Relevanz

Von Senta Krasser
11.07.2019 •

Mal angenommen, man hätte Pro Sieben vor einer halben Dekade aus seinem Fernsehsenderpool komplett gestrichen und wäre damit auf einem Wissensstand stehen geblieben, der außen den in der Comedy-Dauerschleife laufenden „Simpsons“, dem anspruchslosen Boulevardzeugs von „taff“ und dem fälschlicherweise als Krankenhausserie betitelten Ärzteschmonz „Grey’s Anatomy“ vielleicht noch Heidi Klums Suche nach dem nächsten ranken Topmodel und die wilden „Halligalli“-Spiele von Joko und Klaas umfasst, aber die Post-Stefan-Raab-Epoche ohne „Bundesvision-Song-Contest“-Töne und Wok-Wettrennen schon ausspart – absolut kein Malheur! Denn um diese ‘Bildungslücke’s für den fernsehkulturellen Smalltalk im Jahr 2019 aufzufüllen, hätte man bloß an vier Dienstagabenden zwischen dem 28. Mai und 25. Juni bei Pro Sieben um 20.15 Uhr einschalten müssen und wäre trotzdem quasi im Schnelldurchlauf top informiert worden über das, was der Sender mit der roten Sieben seither so an Programm und Personal produziert hat.

Mit „Joko und Klaas gegen Pro Sieben“, so der Name dieser einen Sendung, die in der unbescheidenen Lesart von Senderchef Daniel Rosemann nichts weniger als „talk of the nation“ gewesen sein soll, ist den Fernsehmachern aus München-Unterföhring ein genialer PR-Wurf in eigener Sache gelungen. Nicht nur, dass sie ihren Stars Joachim „Joko“ Winter­scheidt und Klaas Heufer-Umlauf abermals die Bühne boten, ihrem Ruhm als Heilsbringer der jungen, anarchisch angehauchten Unterhaltung alle Ehre zu machen – übrigens auch in der Rolle als unternehmerisch gewiefte Produzenten der Show (mit der eigenen Firma Florida TV). Sie schafften es auch, so gut wie jedes sendereigene Programm und Sendergesicht, sei es noch so halbbekannt, in diese eine Showreihe einzubauen.

Crosspromotion de luxe

Von A wie Aiman Abdallah („Galileo“) über E wie Patrick Esume („Superhero Germany“) und G wie Lena Gercke (Ex-„Topmodel“) bis Y wie Fahri Yardim aus der Serie „Jerks“: Sie alle treten entweder in der MAZ als Spiele-Erklärer auf oder im Studio als Spielgegner der beiden titelgebenden Spaßvögel. Selbst Spielführer Steven Gätjen, obwohl seit 2016 beim ZDF unter Vertrag (und dort offensichtlich unterfordert), hat eine Vergangenheit als Moderator von Stefan Raabs „TV-total“-Events. Fies-freundlich führte Gätjen (am 28. Mai und 4., 18. und 25. Juni; am Dienstag nach Pfingsten wurde pausiert) durch die vier zweieinhalb bis drei Stunden langen Ausgaben „Joko und Klaas gegen Pro Sieben“, wobei es zu seinen Hauptaufgaben gehörte, die Qualitäten der Sender-Promis herauszustellen, so wie die von Stefan Gödde: Über den Moderator von „taff“ und „Galileo“ ließ Gätjen en passant einfließen, dass „du schon mal für Pro Sieben nach Nordkorea gefahren bist“. Potzblitz! Gätjens Message: Wir bei Pro Sieben können auch anders.

Die Crosspromotion de luxe setzte sich in den Spielen fort. So mussten Joko und Klaas mal zum „Germany’s-Next-Topmodel“-Quiz antreten (gegen „red“-Moderatorin Vivane Geppert und „GNTM“-Juror Thomas Hayo). Mal kämpften sie dagegen an, von American-Football-Spielern und Coach Esume aus einem Haus herausgetragen zu werden, das dem der „Simpsons“ ähnelte; das Spiel nannte sich „Stay The Fuck In My House“ und war nicht zufällig an ein ähnlich genanntes Wohlfühlprogramm des Senders angelehnt, das Thore Schölermann moderiert, der wiederum mit Lena Gercke im Spiel „Dumm und Trümmer“ eine Ukulele zerstören durfte, also ein Instrument, das einst Stefan Raab gerne spielte, weshalb man jetzt in diesen Zerstörungsakt alles Mögliche hineininterpretieren könnte…

Ein Spektakel von politischer Dimension

Fakt ist, dass all diese verrückten Spiele in „Joko und Klaas gegen Pro Sieben“ auf dem bewährten Prinzip der Showreihe „Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt“ (vgl. FK-Heft Nr. 30/12) aufbauten, nur mit bescheideneren Bordmitteln: Statt wie bisher getrennt um den Erdball zu jetten und in Blockbuster-Qualität fotografiert persönliche Schmerzgrenzen auszutesten, wie etwa beim Lippen-Zunähen im kanadischen Vancouver, bleibt das odd couple diesmal klimaneutral auf deutschem Boden und übt traute Zweisamkeit und Harmonie, statt gegeneinander Krieg. Der gemeinsame „Feind“ ist der eigene Arbeitgeber; er schweißt Joko und Klaas zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen und meldet sich hin und wieder als „Herr Pro Sieben“ per Telefon, um Aufgaben durchzugeben.

So weit, so unspektakulär das alles – hätte dieser ominöse „Herr Pro Sieben“ nicht tatsächlich Wort gehalten. Denn Spielregel ist, dass Joko und Klaas 15 Minuten Sendezeit geschenkt bekommen, sofern sie in sechs Runden plus Finale den Sender in der jeweiligen Show bezwingen. Schon am Tag nach der Premiere wurde es damit ernst, denn Joko und Klaas gewannen gleich zum Auftakt: Somit wurde am darauffolgenden Mittwoch (29. Mai) in das Pro-Sieben-Regelprogramm zwischen „Galileo“ und „Grey’s Anatomy“ um 20.15 Uhr der Live-Block geschaltet. Man erwartete Klamauk und unreifen erwachsenen Blödsinn. Man bekam, nein, keine „Weltsensation“, wie manch Twitterer heißlief – es war aber doch ein sehr ungewöhnliches wie wohlkalkuliertes Spektakel von politischer Dimension, das sich des Applauses der „nation“ sicher sein konnte und in die Annalen herausragender Fernsehmomente eingehen wird, was ja im YouTube-Zeitalter schon was heißen will.

Seenotretterin Pia Klemp

Und das ging so: Nach einer beherzten „Buona-sera-Ihr-Pissnelken“-Begrüßung überließ das Duo die im totalen Dunkel liegende kreisrunde Bühne „ein paar Leuten, die vielleicht mehr zu sagen haben als wir“. Abgang Joko und Klaas. Fortan kreiselte die Kamera in Michael-Ballhaus-Ruhe um einen Stuhl, auf dem unter anderem die Kapitänin Pia Klemp Platz nahm. Sie erzählte davon, wie es ist, Menschen aus dem Mittelmeer vor dem Tod zu retten. Die sehr reduzierte Inszenierung verlieh Klemps beklemmender Erzählung natürlich noch mehr Wucht (und sollte wenige Wochen später, als die Seenotretterin Carola Rackete in Italien kurzzeitig unter Hausarrest gestellt wurde, an Brisanz gewinnen).

Wie, auf ganz andere Art, 15 Minuten Live-Fernsehen quälen können, war am Mittwoch (18. Juni) nach Dienstagsshow Nummer 3 zu erleben. Ein zweites Mal waren Joko und Klaas als Gewinner aus der Kabbelei mit dem Sender herausgegangen. Ein zweites Mal stand Sendezeit zur freien Verfügung. Erwartungen waren geschürt: Sollten die gesellschaftspolitisch sensiblen Sieger abermals zu Relevanz jenseits von Quatsch mit Quote abheben? Es hätte wohl die Kraft des ersten Aufschlags mit der Seenotretterin entwertet. Also gab es wieder das, wofür Joko und Klaas von der zum Donut aufgespritzten Botox-Stirn bis zur Sneakersohle eigentlich stehen: Klamauk und unreifen erwachsenen Blödsinn. In Berlin, Hamburg, Köln und München hatten sie ergraute Zylinderträger mit einem Geldkoffer auf eine Parkbank platziert. Wer diese Herren als erste lokalisierte, sich neben sie setzte und „Ich liebe Fernsehen“ grölte, durfte 10.000 Euro mitnehmen. Es dauerte keine zwei Minuten, da war Berlin besetzt. Die anderen Städte folgten stante pede. Was tun mit der Restzeit? Das Rennen ums schnöde Geld ging für Joko und Klaas schneller als gedacht zu Ende. Ihre Improvisationskunst erschöpfte sich in einer Break-Dance-Einlage. Einen kreativeren Plan B schienen die Topunterhalter nicht zu haben. Erstaunlich. Aber Plan A war ja insgesamt schon sehr okay.

Zweimal gewann „Herr Pro Sieben“

Der Vollständigkeit halber noch das: Zwei Spielrunden gingen an „Herrn Pro Sieben“. Zur Strafe mussten Joko und Klaas dafür eine „taff“-Ausgabe moderieren, was sie mit dem größten anzunehmenden Missvergnügen taten. Und ein andermal mussten sie sich in Anzug und Pro-Sieben-roter Krawatte als Programmansager betätigen. Zum Äußersten, zum irreversiblen Tattoo, das bei einer Niederlage in Show Nr. 1 gedroht hätte, kam es nicht. Wundersamerweise war das Glück genau da bei Joko und Klaas.

Ob Sieg oder Niederlage – für die Quote war das letztlich egal: Zur „frühsten Samstagabendshow“ (Gätjen) schalteten jedes Mal deutlich mehr 14- bis 49-Jährige ein, also Zuschauer aus der werberelevanten Zielgruppe, als Pro Sieben sonst im Schnitt hat: Die vier Shows hatten 15,8, 15,3, 15,9 und 15,4 Prozent Marktanteil; der Senderschnitt bei der Zielgruppe lag im Juni bei 9,5 Prozent. Damit dürfte hier der Dienstag als neuer Showtag etabliert sein. „Herr Pro Sieben“ aka Daniel Rosemann hat schon für Herbst 2019 neue Folgen von „Joko und Klaas gegen Pro Sieben“ angekündigt.

11.07.2019/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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