Wertigkeit und Würde

Katholischer Medienkongress: Herausforderungen in der digitalen Welt

Von Martin Thull
19.11.2017 •

19.11.2017 • Schon vor drei Jahren bei der Premiere des Katholischen Medienkongresses, als es um „Zukunftsszenarien kirchlicher Kommunikation“ ging, war die Tagung von der Entwicklung der Digitalisierung geprägt (vgl. FK-Heft Nr. 45/14). So war nun der 2. Katholische Medienkongress, der am 16. und 17. Oktober wieder in Bonn stattfand, gleichsam die Fortsetzung zur Thematik, das Ganze diesmal unter dem Motto: „Es ist erst der Anfang… – Gesellschaftliche Herausforderungen in der digitalen Welt“. Was verbirgt sich hinter dem Schlagwort der Digitalisierung, wodurch ist die Entwicklung derzeit geprägt? Wo bestehen Risiken, wo Chancen? Welche Erwartungen werden an kirchliche Kommunikation gestellt und wie können mutmaßlich die Möglichkeiten der Digitalisierung dafür möglichst effektiv genutzt werden? Es herrscht kein Mangel an Fragen und Diskussionsbedarf zu diesem großen Thema.

Erzbischof Ludwig Schick aus Bamberg hatte den Kongressteilnehmern einen Tweet auf den Bildschirm in der Eingangshalle des Tagungshotels geschickt: „Bischöfe müssen auf Twitter und Facebook aktiv sein!“ Schick ist also selbstredend auf diesen Online-Plattformen vertreten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, erklärte hingegen auf Nachfrage später, dass er ausdrücklich nicht bei den sogenannten sozialen Medien aktiv sei. Denn wenn er das nicht selber mache, sondern in seinem Namen machen lassen würde, dann fehle jegliche Authentizität. Deshalb verzichte er. Institutionen seines Bistums seien aber selbstverständlich dort vertreten. Also keine Scheu oder gar Angst vor diesen medialen Verbreitungswegen, sondern Respekt und eine vernünftige Einordnung.

Twittern oder nicht twittern?

Denn eines hat dieser Kongress erneut gezeigt: Die sozialen Medien sind nicht nur ein neues Verbreitungstool für bereits vorhandene Inhalte, sondern sie sind ein eigenes Format, das sich, um das Beispiel Twitter zu nehmen, nicht allein auf die begrenzte Zeichenzahl beschränkt. Zwei Sätze aus der Sonntagspredigt eines Bischofs nun über Twitter verbreitet, zeigen zunächst einmal guten Willen. Aber welche Wirkung haben die getwitterten Sätze? Und wie müssen sie sein, um die richtige Wirkung zu haben? Immerhin, der katholische Medienbischof Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart) hatte in seiner Begrüßungsrede zur Tagung davon gesprochen, dass man „die Deutungshoheit über digitale Entwicklungen nicht anderen Gruppen überlassen“ dürfe, sondern sich als Kirche aktiv und kompetent an der Diskussion beteiligen müsse. Es gelte, sich „möglichst kompetent“ einzubringen, ohne in reinen Kulturpessimismus zu verfallen.

Nun ist der digitale Zug schon seit einiger Zeit unterwegs und es gibt beispielsweise bereits ein wegweisendes katholisches Dokument zur Thematik: Es trägt den Titel „Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit. Impulse der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz zu den Herausforderungen der Digitalisierung“, veröffentlicht wurde es im September 2016 vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz („Arbeitshilfen“-Reihe, Nr. 288). Man hätte diese Druckschrift gut beim Medienkongress für die Teilnehmer auslegen können. Zumindest wurde in der Abschlussrunde noch auf diese Publikation aufmerksam gemacht (sie ist auch online über die Website der Deutschen Bischofskonferenz erhältlich).

Wobei auch dies zu anzumerken ist: Zwar war „Digitalisierung“ das zentrale Stichwort des Medienkongresses, tatsächlich ging es in manchem der Panels aber immer noch sehr analog zu. Und auch „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch verwandte am ersten Tag in ihrer Keynote nur wenige Sätze auf das digitale Engagement des Springer-Konzerns, sondern zeigte vielmehr in ihrem etwa halbstündigen ‘Werbeblock’ die angeblichen Verdienste von Deutschlands größter Boulevardzeitung auf. Ihr Thema „Boulevard, Populismus…und was das alles mit Demokratie zu tun hat“ erlaubte ihr, die Arbeit ihrer Zeitung, die regelmäßig vom Deutschen Presserat gerügt wird, möglichst positiv darzustellen.

Der Stellenwert der Medienerziehung

„Bild“ sei sozusagen gleichzeitig gut und böse, wenn etwa einerseits zur Hilfe für Flüchtlinge aufgerufen werde, andererseits Probleme mit straffälligen Migranten nicht verschwiegen würden, so Koch. Sie beschrieb ihre Arbeit als „Nische zwischen Rhetorik und Realität“. Dabei fokussierte Koch die Arbeit der „Bild“-Zeitung soweit, dass sie geradezu als neutrale Instanz in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion erschien. Dass dann kritische Nachfragen nur spärlich kamen, zeigt die Zurückhaltung des Publikums. Und bei den Fragen, die nach ihrem Vortrag gestellt wurden, erwies die Chefredakteurin bei den Antworten erneut ihr Geschick, das Jeweilige in positivem Licht erscheinen zu lassen. In den Pausen zwischen den einzelnen Vorträgen und Diskussionen wurde dann aber immer wieder Kritik vor allem an der mangelnden Selbstkritik der prominenten Referentin geübt.

Die insgesamt elf Panels des Katholischen Medienkongresses – der vom Katholischen Medienhaus in Bonn von einem Team unter Leitung von David Hober organisiert wurde – boten ein vielfarbiges Spektrum; die Themen lauteten etwa: „Wie wir Teilhabegerechtigkeit sichern“, „Droht die digitale Klassengesellschaft?“ und „Wie Algorithmen uns entmündigen“. Oder: „Medienbildung und digitaler Wandel“, „Von der Klausur zur gläsernen Zelle“ und „Kommt der Hybrid-Journalismus?“. Mosaiksteine, die gar nicht alle von einem einzelnen Besucher gesucht und gefunden werden konnten, eine Auswahl musste getroffen werden, je nach Vorliebe oder Vorkenntnis.

Dass Medienerziehung immer noch einen hohen Stellenwert hat im Zusammenhang damit, wie auf die Herausforderungen zu reagieren sei, erstaunte dann doch etwas. Fächerübergreifend könne dies geschehen, man brauche dazu nicht einmal eine aufwendige technische Ausrüstung. So könne doch im Geschichtsunterricht über mediale Manipulation gesprochen werden, im Deutschunterricht über Sprache als Waffe oder in Religion über Verantwortung für alles, was an Wort und Bild herausgegeben wird. Da war doch Ende der 1970er Jahre an der Bonner Universität eine Dissertation erarbeitet worden zum Thema „Fernsehkunde in der Schule am Beispiel des Religionsunterrichts“ – und dem Kongressbesucher drängt sich der Eindruck auf, dass sich gar so vieles nicht verändert hat seitdem. Erstaunlich!

Ging es in diesem Panel zur Medienbildung immerhin irgendwie auch um Digitales, so in einem anderen um „erfolgreiche Erlösmodelle“. Wenn dort aber Holger Martens, der Geschäftsführer des „Rheinpfalz“-Verlages aus Ludwigshafen, davon berichtet, dass sein wichtigster ökonomischer Faktor der 95-prozentige Lastschrifteinzug der Abo-Gebühren sei, dann die Zuverlässigkeit der Zustellung und erst an dritter Stelle das Produkt, dann kommt dem Besucher dies doch wiederum sehr „analog“ vor. Optimismus in selten gehörter Zuversicht strahlte bei diesem Panel Manuel Herder vom gleichnamigen Verlag aus. „Wenn eine Zeitschrift nicht gut läuft, sagt das doch noch nichts darüber aus, ob es nicht doch einen Markt gibt.“ Und dankbar nahm er eine Kinderzeitschrift mit religiösen Inhalten mit, die vom Verlag Blue Ocean Entertainment (Stuttgart) stammt, um sie für sein Zeitschriften-Portfolio zu prüfen. Übrigens mit einem kleinen, aber berechtigten Seitenhieb auf Verleger von Bistumszeitungen, die voraussichtlich eine gemeinsame Initiative in diese Richtung ablehnen würden.

„Freiheit lässt sich nicht formatieren“

Einen furiosen Überblick über die vielen Stellschrauben, die es bei der Digitalisierung zu beachten gelte, lieferte in seinem Vortrag Paul Kirchhof, der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht. „Formatierte Freiheit – Digitalisierung als Chance und Risiko“ lautete sein Thema. Dass Kirchhof einen sehr juristischen Blick auf die digitale Entwicklung hat, ist naheliegenderweise seiner beruflichen Herkunft geschuldet. Dennoch hatte er keine Scheuklappen und lenkte den Blick auch auf die ethische Dimension der Entwicklung, die er als Experiment bezeichnete. Seiner Ansicht nach beschränkt das Format die Freiheit und verändert die digitale Welt die Demokratie. Seine Schlussthese: „Freiheit lässt sich nicht formatieren.“

Dem früheren Verfassungsrichter ging es darum, bei den Teilnehmern des Kongresses so etwas wie Datensensibilisierung zu wecken, den Blick zu öffnen auf die grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Technologie. Und dies im wörtlichen Sinn: Da das Netz nicht an nationalen und traditionellen Grenzen Halt mache, müsse auch die Gesetzgebung sich von den national wirksamen Gesetzen freimachen. Als erstes müsse Europa zu einem einheitlichen juristischen Standard finden. Der Computer sei Meinungsspeicher und Informationsvermittler, aber er könne auch Verleumder sein. Das Medium an sich sei weder gut noch schlecht, erst der Nutzer gebe ihm seine Wertigkeit. Den Kirchen gab Kirchhof mit auf den Weg, sich in dieser Entwicklung für die Schwachen stark zu machen, nicht zuletzt weil die Kirchen über ein weltweites Netz verfügten, das es zum Schutz der Machtlosen einzusetzen gelte.

Eine grundsätzliche Problematik besteht wohl in dem Umstand, dass nicht zu übersehen ist, dass es auch im Digitalzeitalter die Zweiklassengesellschaft gibt: zwischen den Informierten hier und jenen dort, die an diesen Informationen nicht teilhaben können oder wollen. Eine Entwicklung, die schon länger beobachtet wird, die aber wohl unaufhaltsam ist. Ein Königsweg aus diesem Dilemma ist nicht in Sicht, lediglich ein Kurieren an gewissen Symptomen ist möglich.

Einen differenzierten Umgang mit den Versprechungen der Digitalisierung forderte am zweiten Kongresstag in Bonn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx (Erzbischof von München und Freising). Es müsse ein Recht für alle Menschen geben, an der Digitalisierung teilzuhaben. „Wir müssen alles tun, damit die Welt nicht aufgeteilt wird in Gewinner und Verlierer“, sagte Marx und fragte: „Sind unsere Strukturen, auch in den Wertschöpfungsketten so, dass die digitale Welt dem Wohl der Menschheit dient?“ Ohne Regeln und Institutionen könne nichts entstehen. „Wir brauchen ein System von Verantwortlichkeiten und Ordnungen“, hob der Kardinal hervor. Wettbewerbsregeln seien notwendig, um ein Immer-Mehr für wenige zu verhindern. „Internationale Regeln sind in der Ökonomie unbestritten – aber nicht aus Angst vor der Zukunft, sondern um negative Folgen wie Arbeitsplatzverluste, politische Folgen und das Anwachsen von Armut zu vermeiden“, so Kardinal Marx.

Kardinal Marx wünscht sich eine Botschaft

Es sei notwendig, die Frage zu stellen, wie man die Transformation so gestalten könne, dass „alle im Boot“ bleiben. „Wir müssen Chancen schaffen für sinnvolle Arbeit und damit für die Organisation des eigenen Lebens. Daran wollen und werden wir als Kirche mitwirken“, betonte Marx. Die kulturelle Veränderung zeige sich oft in der Zerrissenheit der Gesellschaft. Der Kardinal warnte davor, dies allein auf die Digitalisierung zurückzuführen. „Wie gelingt uns eine stabile Demokratie durch solide Bildung?“, fragte er. Hier gehe es darum, Verantwortung zu übernehmen und Selbstverpflichtungen einzugehen. Hass und Hetze habe es zu jeder Zeit gegeben, aber das müsse man nicht hinnehmen. „Gegen die wachsende Ungleichheit in der Welt, gegen Hass und Fake News müssen wir eine Botschaft setzen für eine Entwicklung, bei der alle mitkommen“, so wünscht es sich Marx.

Kardinal Marx sagte dies auf dem Kongress in einer Diskussion mit Telekom-Chef Timotheus Höttges zum Thema „Heilsversprechen Digitalisierung“. Dabei kam es unter der kundigen, spontan reagierenden und launigen Moderation von Christiane Florin (Deutschlandfunk) zu einem interessanten und kontroversen Wortwechsel zwischen diesen beiden Protagonisten mit einer Reihe von Erkenntnissen und Zugeständnissen. Einerseits widersprach Höttges den Vorschlägen des Kardinals zur Regulierung der digitalen Welt, weil zu viele Beschränkungen national und seitens der EU in Brüssel die Entwicklungsmöglichkeiten der europäischen Player einschränkten. „Wir können vieles, aber wir dürfen es nicht“, so eine Klage des Telekom-Chefs. Andererseits stimmte Höttges seinem Widerpart zu, dass es bei der rasanten Entwicklung der digitalen Welt nicht darauf hinauslaufen dürfe, dass es nur wenige Gewinner, aber ganz viele Verlierer gebe. Insgesamt sei es wichtig, diesen Bereich der Wirtschaft spielerischer zu sehen (wie in den USA) und nicht Bedenkenträger Wortführer sein zu lassen. Ähnlich wie Kardinal Marx sah auch Tim Höttges in der Unmöglichkeit des digitalen Vergessenwerdens ein großes Problem. Der Telekom-Chef plädierte hier für „digitale Würde“.

19.11.2017/MK