Sven Kaulbars/Ole Zeisler: Franz Beckenbauer – Der Fall des Kaisers (ARD/NDR)

Ein Film mittleren Ungenauigkeitsgrades

21.12.2017 • Mit dunklen Winterbildern fing es an und so richtig hell im doppelten Wortsinn einer Aufklärung wurde es in dieser Dokumentation auch nicht. Denn Licht zu bringen in das Dunkelgrau um die merkwürdigen Geldflüsse zwischen dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), dem Weltfußballverband FIFA, einem Fußballfunktionär und Scheich aus Katar, einem Sportartikelunternehmer aus Frankreich und Franz Beckenbauer während der Zeit vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, das gelang auch diesem vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) verantworteten ARD-Film des Autorenduos Sven Kaulbars und Ole Zeisler nicht. Klar war nur, dass in diesen letzten beiden Jahren vor der WM etwas geschehen ist, was sich im Titel „Franz Beckenbauer – Der Fall des Kaisers“ ausdrückte.

Einst war er die „Lichtgestalt“ des deutschen Fußballs. Doch dieser Franz Beckenbauer, dem alles stets bestens gelang, der aus jeder Affäre mit blütenweißer Weste herauskam, den alle mochten und der – das sei nicht vergessen – stets zu allen Menschen und eben nicht nur zu Co-Prominenten freundlich war, geriet immer tiefer in einen Schlamassel um illegale Geldströme, lange verschwiegene Honorare und obskure Beraterverträge. Die Details der Affäre interessierten die Autoren des Films allerdings nicht. Sie stellten noch nicht einmal die ein­ander widersprechenden Thesen um jene 6,7 Mio Euro dar, die einst von einem Beckenbauer-Konto an den erwähnten Scheich aus Katar geflossen sein sollen; in der Berichterstattung über die Vorgänge wird die eine These vom „Spiegel“, die andere von der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) vertreten.

Vielmehr ging es in dem Film um den Widerspruch, dass die Medienfigur Franz Beckenbauer nach einem großen SZ-Interview im November 2015 aus der Öffentlichkeit verschwand. Er, ohne dessen Bemerkungen kein Bundesliga-Spieltag beim Pay-TV-Sender Sky für beendet erklärt worden wäre, der im Boulevardblatt „Bild“ eine Kolumne für sich schreiben ließ, der bei jedem wichtigeren Prominentenereignis in München zugegen war und der für seinen FC Bayern und für den DFB immer wieder gerne sein Lächeln in die Kameras hielt, tauchte unter. Kaum noch Fotos, nur noch wenige Nachrichten über ihn (etwa von einer schweren Herzoperation), keine öffentlichen Auftritte mehr. Auch dem Filmteam des NDR verweigerte er sich. Interview-Anfragen wurden per Mail abgelehnt, nicht nur von Beckenbauer; auch sein Freund Uli Hoeneß verweigerte sich einem Gespräch vor der Kamera.

Dafür gaben Freunde und Weggefährten wie Paul Breitner und Lothar Matthäus bereitwillig Auskunft dazu, wie es Beckenbauer denn ginge. Sie nutzten dann prompt die Gelegenheit, die Kritik und Zweifel an Beckenbauer als typisch deutsche Häme aussehen zu lassen, die hierzulande jedem mehr oder weniger Prominenten zuteil werde. Und eine mögliche Bestechung für die Vergabe der WM 2006 an Deutschland suchten sie mit dem Hinweis zu relativieren, dass doch wohl alle vergleichbaren Veranstaltungen mit Schmiergeld erkauft seien, Beckenbauers Handeln also, wenn es denn so gewesen wäre, eher eine Notwendigkeit denn ein Vergehen darstellen würde. Uli Hoeneß gab dann vor Fans des FC Bayern die Parole aus, unter der sich alle Beckenbauer-Verteidiger vereinigen: Man solle den Franz endlich in Ruhe lassen.

Zum Glück relativierten Beckenbauer-Bekannte wie der Fußballkommentator Marcel Reif, ja, selbst der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) solche Billigverteidigungen. Sie sprachen von der Notwendigkeit der juristischen Aufklärung und sie kritisierten die Selbstdarstellung Beckenbauers im erwähnten SZ-Interview und das sich anschließende Schweigen. Ähnlich kritisch äußerte sich der Sportwissenschaftler Gunter Gebauer, der vor allem darauf hinwies, dass es zur Aufgabe eines Funktionärs, wie Beckenbauer es im WM-Vergabeverfahren war, gehöre, öffentlich darüber aufzuklären, wie etwas funktioniert habe. Beckenbauer hingegen habe in dieser Funktion immer geschwiegen.

Solche Erkenntnismomente blieben in der 47-minütigen Dokumentation jedoch eher selten. Stattdessen befragten die Autoren vor gegenwärtigen oder auch ehemaligen Wohnhäusern Beckenbauers einige Passanten, ob sie den guten Mann denn in der letzten Zeit gesehen hätten. Selbstverständlich durften Szenen aus der Fußballkarriere des „Kaisers“ nicht fehlen, schließlich wurde der Film ja im Anschluss an die Live-Übertragung eines DFB-Pokalspiels ausgestrahlt. So lebte auch diese Dokumentation (2,30 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,1 Prozent) von jenem fußballkünstlerischen Lebenswerk, das Franz Beckenbauer zu jenem überlebensgroßen Monument erhob, das in den letzten zwei Jahren langsam, aber sicher kippte und im Staub einer Skandalgeschichte landete.

Am Ende konnten die Autoren Franz Beckenbauer dann doch noch filmen, als sie ihm vor einem Restaurant in München auflauerten. (Den Kommentarsatz, man sei ihm dort zufällig begegnet, muss man als Witz bezeichnen.) Höflich fragten sie ihn, ob er ein kurzes Interview geben würde. Ebenso höflich lehnte der sichtlich gealterte Beckenbauer ab: „Na, i muss nei“ (ins Restaurant). Die Reporter wünschten dem 72-Jährigen noch einen guten Abend, wofür sich Beckenbauer formvollendet bedankte.

Für den mittleren Ungenauigkeitsgrad des Films, der hinter die Berichterstattung im „Spiegel“ und in der „Süddeutschen Zeitung“ deutlich zurückfiel, stand exemplarisch eine Aussage von Fußballbundestrainer Joachim Löw, der bezogen auf die derzeitige Situation Beckenbauers den filigranen Satz herausstolperte: „Wie man so manchmal damit umgegangen ist, finde ich schon auch nicht unbedingt gerade lustig.“

21.12.2017 – Dietrich Leder/MK