Der ganz normale Wahnsinn

Die Fernsehproduktionen beim Filmfestival Cologne 2018

Von Jörg Gerle

19.11.2018 • Es sind stürmische Zeiten. Die Welt entdeckt zunehmend die extreme Rechte als politisch gangbare Alternative. In weiten Teilen Europas gilt der Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten und aus Afrika als „Mutter“ aller hausgemachten (Wirtschafts-)Probleme. Mit Donald Trump haben die USA einen Präsidenten, der den zum „Feind des Volkes“ erkorenen Medien den Krieg erklärt hat. Wie reagiert die Medienbranche auf all das? Wie reagiert sie als Spiegelbild gesellschaftspolitischer Gegebenheiten in solch stürmischen Zeiten?

Erstaunlicherweise tut sie das kaum mit einem lachenden oder ironisierenden Auge. Zumindest wenn man dem Screening Vertrauen schenken darf, mit dem das Auswahlgremium des Filmfestivals Cologne (vormals Cologne Conference) nun schon im 28. Jahr die Fernsehproduktionen des Jahrgangs nach Bemerkenswertem und Exemplarischen durchforstet. In ihrer renommierten Sektion „Top Ten TV“ finden sich gerade einmal zwei Produktionen, die neben Gender-Klischees („The Bisexual“, Channel 4) und Hitman-Jagdszenen („Killing Eve“, BBC America) auch Augenzwinkern und Pointen zu bieten haben. Diese beiden Serien, deren erste Staffeln bereits in ihren Heimatländern laufen, sorgen für Gesprächsstoff. Im Fall des Sechsteilers „The Bisexual“ über eine New Yorkerin, die in London die Geschlechter „austestet“, eher mit verhaltenen Reaktionen; im Fall des Achtteilers „Killing Eve“ über eine eigenwillige MI5-Ermittlerin auf Killerjagd eher mit Euphorie, die im September 2018 in zwei „Primetime-Emmy“-Nominierungen gipfelte. Beide Serien harren noch einer Ausstrahlung im deutschen Sprachraum.

Trump und Syrien

Während hier also der ganz normale Wahnsinn noch komödiantisch gebrochen erscheint, traf er in den anderen acht „Top-Ten-TV“-Produktionen mit ungeschönter Härte auf die Aufmerksamkeit des zahlreich in die Säle des „Filmplasts“ Köln strömenden Publikums. Das Multiplexkino „Filmpalast“ ist so etwas wie das Zentrum des Filmfestivals Cologne geworden, das in diesem Jahr vom 5. bis 12. Oktober stattfand.

Gerade einmal zwei Dokumentarformate haben es diesmal in den Reigen der besten Fernsehproduktionen des Jahres geschafft. Doch die reichten aus, um die beherrschenden Themen der letzten Jahre – Trump und Syrien – mit jeweils einem ebenso erschöpfenden wie erschütternden Statement zu begegnen. Der ‘Wahnsinn „Trump’ hat Methode und im Zeitalter von „Fake News“ braucht er Chronisten, um ihn zu entlarven. Rund vier Stunden fühlt der Vierteiler „Mission Wahrheit – Die ‘New York Times’ und Donald Trump“ jener Publikation auf den Zahn, die sich als Speerspitze im Sezieren der Trump-Administration profiliert. Ein wunderbarer Blick hinter die Kulissen der (immer noch) mächtigen Tageszeitung „New York Times“, in der in den spartanischen Boxen der Großraumbüros erstaunlich gelassen mit dem Präsidenten via Handy palavert und mit riesigem Personalaufwand der angeschlagenen Wahrheit die Ehre gegeben wird.

In der Spannungsdramaturgie erinnert „Mission Wahrheit“, eine Produktion der Autorin Liz Garbus für den US-Sender Showtime, ein wenig an einstige Journalisten-Serienklassiker wie „Lou Grant“, mit ihren vorpreschenden Reportern und der zügelnden Vernunft der Chefredakteure. Dabei ist der Vierteiler immer spannend und immer auch wieder zum Haare-Raufen. Denn was hier gezeigt wird, passiert in Wirklichkeit! So, wie es dem Publikum in Köln in einem Rutsch vorab gezeigt wurde, wurde es dem Fernsehpublikum dann auch bei Arte in der gleichen Kompaktheit am 6. November präsentiert, als ab 20.15 Uhr alle vier Teile hintereinander ausgestrahlt werden. Am Ende hat der Zuschauer ein wenig das Gefühl, in die Redaktion von New York und das Hauptstadtbüro in Washington quasi eingebunden zu sein und kann mitklatschen, wenn die verdienten Pulitzer-Preise für die Berichterstattung gefeiert werden. Im Original heißt die Doku-Reihe von Liz Garbus übrigens eher nüchtern „The Forth Estate“ („Die vierte Gewalt“).

Nichts zu feiern gibt es indes bei „Under the Wire“. Oder doch: zumindest den Gewinn des mit 10.000 Euro dotierten Phoenix-Preises für den besten Dokumentarfilm in einer der Wettbewerbssektionen des Kölner Festivals. Doch das, was Autor und Regisseur Chris Martin hier in eine dramaturgische Form montiert hat, ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden, der den Politikern Glauben schenken möchte, dass in Syrien langsam der Alltag einkehre.

Der Film ist aus Erlebnissen kompiliert, die die Kriegskorrespondentin Marie Colvin und ihr Fotograf und Weggefährte Paul Conroy aus der Hölle von Homs in Bild und Ton festgehalten haben. Hölle ist noch untertrieben für das, was sich Menschen dort unter dem Deckmantel des als Bürgerkrieg verschlagworteten Unrechts hier antun. Die Recherchen, die die Reporterin 2012 mit ihrem Leben bezahlte, sollte sich ein jeder anschauen müssen, der die, die aus dem Inferno flüchten konnten, als potenzielle Schmarotzer verunglimpft. Die, die es geschafft haben, sind nicht das Problem, sondern die, die es nicht schaffen und im Kugelhagel der syrischen Regierungstruppen elendig zugrunde gehen. „Under the Wire“ hat diesen Menschen ein Gesicht gegeben.

Der Dienst als Militärpfarrer

Auch in einem weiteren Highlight der Fernsehauswahl geht es um Krieg und Tod. In der Serie „Die Wege des Herrn“ muss der Sohn eines Pfarrers und dänischen Kirchenfunktionärs im Kriegseinsatz für die NATO erkennen, wie bigott doch der Dienst als Militärpfarrer sein kann, als dieser selbst zur Waffe greift. Dieser Konflikt ist nur eine der beeindruckenden Facetten im Handlungsgeflecht der dänischen Serie, in der die beiden erwachsenen, so ungleichen Söhne im familiären Kreuzfeuer stehen – einer Familie, deren Vorstand nur in der Gemeinde als engagierter leidenschaftlicher Vertreter der Barmherzigkeit auftritt. Bis in die Nebenrollen großartig gespielt, glückt dem Kreativkopf Adam Price („Borgen“) eine auch formal herausragende Serie, die mit beträchtlicher Spannungskurve gewichtige sozialethische Themen im Dunstkreis hier der evangelisch-lutherischen Dänischen Volkskirche stemmt. Die Serie erfährt ihre deutsche Erstausstrahlung ab dem 29. November jeweils donnerstags beim deutsch-französischen Sender Arte, der neben Danmarks Radio auch als Koproduzent fungiert.

War „Die Wege des Herrn“ die größte Überraschung der „Top Ten TV“, kam die Europa-Premiere der US-Serie „Condor“ (MGM Television) sicher mit der größten Bugwelle aufs Festival. Prominent besetzt – unter anderem mit Brendan Fraser, Mira Sorvino und William Hurt – hat sie vor allem einen brisanten Stoff als Vorlage, der bereits 1975 für Furore sorgte, als er von Sydney Pollack unter dem Titel „Die drei Tage des Condor“ mit Robert Redford in der Hauptrolle verfilmt wurde. Es war damals einer der wichtigsten Filme des „New Hollywood“, seine Systemkritik am US-Geheimdienst CIA und den totalitären Tendenzen im amerikanischen Regierungsapparat war geradezu berüchtigt. Bis heute hat der Stoff nichts von seiner politischen Brisanz verloren.

Die von Todd Katzburg, Jason Smilovic und Ken Robinson für Paramount Television kreierte „Condor“-Serie überträgt den Stoff in die Jetztzeit, in der ein junger, für die US-Regierung tätiger Analyst durch Zufall auf terroristische Aktivitäten im Lande stößt, die peu à peu die Verstrickungen hoher Regierungsfunktionäre und deren Machenschaften zu enttarnen drohen. So gerät nun auch der regierungstreue Analyst ins Visier des Staates im Staate. Gefällig und schmissig inszeniert und mit Max Irons (Sohn von Jeremy Irons) in der Hauptrolle sehr ansehnlich besetzt, dürfte der Paranoia-Thriller sicher nicht lange auf eine Ausstrahlung im deutschsprachigen Raum warten müssen. Aber an die durch ihren Realismus und ihre Konzentriertheit verstörende Vorlage aus den wilden, politisch ambitionierten Tagen Hollywoods reicht der auf zehn Einstünder ausgewalzte Reißer lange nicht heran.

Man fand also viel Gesellschaftspolitik und Zeitgeschehen in der alles in allem starken Kategorie „Top Ten TV“, die noch durch vier Genre-Mehrteiler aus Frankreich („Ad Vitam“), Irland („Blood“), Italien („Il Miracolo“) und den Niederlanden („Fenix“) ergänzt wurde. Kein deutscher Beitrag war diesmal in der „Top Ten TV“ dabei, wenn man einmal davon absieht, dass unter anderem der WDR bei „Mission Wahrheit“ Koproduzent war. Diese Absenz deutscher Fernsehbeiträge kann man auch als Statement verstehen – für oder besser gegen die Ideenarmut einer auf Serienkrimis, Liebesschmus und Seelendramen eingefahrenen deutschen Produktionslandschaft.

Deutsche Produktionen gab es beim Filmfestival Cologne dennoch zuhauf – 17 originäre und elf Koproduktionen an der Zahl. Für zwölf von ihnen wurde eigens eine ganze Festivalsektion kreiert, die den besonderen Wert des Produktionsstandorts Nordrhein-Westfalen in der internationalen Filmszene deutlich machen soll. „Made in NRW“ heißt diese Sektion sinnigerweise. Hier tummelten sich Kino-Avant-Premieren-Events wie etwa der größte ‘Showact’ des diesjährigen Festivals: die sogenannte NRW-Premiere von Sönke Wortmanns Film „Der Vorname“, gleich in drei Kinos – roter Teppich, Stars und Glamour inklusive.

Stärkeres finanzielles Landes‑Engagement

Mit dabei in der Reihe „Made in NRW“ waren auch sympathische Dokumentationen mit Lokalbezug wie „Asi mit Niwoh – Die Jürgen Zeltinger Geschichte“ über den kölschen (Alt-)Rocker – Konzert, Krach und alkoholisierter Spaß inklusive. Es war die Reihe mit dem größten Gästeauftrieb des Festivals. Von daher sicher eine Bereicherung, obwohl man sich doch wünschen würde, dass man auch die „Top-Ten-TV“-Reihe endlich einmal mit viel, viel mehr Star-Power aufwerten möge. Hier waren nämlich nur bei drei Produktionen Gäste zu begrüßen. Dass finanziell und organisatorisch in Köln jedenfalls kräftig aufgestockt werden soll, machte am Preisverleihungsabend NRW-Landeschef Armin Laschet (CDU) deutlich, der mit einem Seitenhieb auf seine Amtsvorgängerin Hannelore Kraft (SPD) betonte, er sei „der erste Ministerpräsident, der beim Festival anwesend“ sei. Laschet betonte mit Blick auf das von seinem CSU-Kollegen Markus Söder auf satte 7 Mio Euro Budget aufgestockte Filmfest München: „Was die Bayern können, können wir auch.“

Den mit 10.000 Euro dotierten Preis für den besten Film in der Sektion „Made in NRW“ gewann übrigens nicht der überzeugendste, sondern der politischste und laut Jurybegründung „provokanteste und mutigste“ Film: „Wintermärchen“ von Regisseur Jan Bonny (der zusammen mit Jan Eichberg auch das Drehbuch schrieb). Mit dem Preis wurde die Produzentin Bettina Brokemper von der Firma Heimatfilm ausgezeichnet. Der Film „Wintermärchen“ durchspielt eine „frei erfundene“, natürlich tragische Dreiecksbeziehung unter Terroristen im rechtsextremen Milieu – nicht zu verwechseln mit dem NSU-Trio. Oder doch?! Zu sehen voraussichtlich ab dem 21. März 2019 im Kino.

Was gab es sonst noch in Nebenreihen mit Fernsehbeteiligung wie der Kategorie „Look“ oder der einst „Showcases“ genannten Reihe „Special Screenings“? Nun, da war vor allem „Parfum“, eine Produktion für den inzwischen – trotz aller Wiederholungen von Sendungen aus dem ZDF-Hauptprogramm – innovativsten deutschen Spartensender, nämlich ZDFneo, der sich hier zusammen mit den Produktionsfirmen Constantin Television und Moovie an eine sehr freien Adaption von Patrick Süskinds (fast) gleichnamigem Bestseller aus dem Jahr 1985 wagte. Ein Sechsteiler ist es geworden, der, obschon er im Sommer bereits beim Filmfest München gezeigt worden war, sicher auch in die Kölner „Top-Ten-TV“-Reihe hätte gehören können. Stattdessen war er im Sammelbecken „Special Screenings“ gelandet.

Im Ergebnis ist „Parfum“ kein cineastischer Höhenflug. Aber durch die Besetzung – mit dabei Ken Duken, Wotan Wilke Möhring und August Diehl –, vor allem aber durch den Mut von Drehbuchautorin Eva Kranenburg, sich weit von Ort und Zeit der Vorlage zu entfernen, ist es doch eine bemerkenswerte Produktion. Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter“, ZDF) ließ in seiner Inszenierung unappetitliche Brutalitäten zu, so dass die Miniserie erst ab 22.00 Uhr bei ZDFneo (Start: 14. November) und dann 2019 irgendwann zu nachtschlafender Zeit auch beim Muttersender ZDF zu sehen ist.

International Actors Award für Lars Eidinger

Apropos brutal. Der ganz normale Wahnsinn dominierte auch die beim Kölner Festival inzwischen im Zentrum stehende „Best-of-Cinema“-Sektion, die hier nur am Rande erwähnt werden soll. Sie sorgt mit Kino-Vorpremieren für Furore und für die meisten Zuschauer. Esoterik-Kitsch von Naomi Kawase („Die Blüte des Einklangs“) mit Vorjahres-„Actors-Award“-Gewinnerin Juliette Binoche stand hier neben circensischer Schwarzweiß-Beziehungswahn-Filmkunst („Cold War“) von Pawel Pawlikowski, der beim diesjährigen Filmfestival den „Hollywood-Reporter“-Award gewann, und satanischem Hexenkult im Dario-Argento-Remake „Suspiria“, bei dem Luca Guadagnino Regie geführt hatte. Guadagnino wurde in diesem Jahr mit dem mit 20.000 Euro dotierten Filmpreis Köln geehrt. Der International Actors Award, mit dem Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, „die in herausragender Weise durch ihre schauspielerischen Leistungen Bekanntheit und Anerkennung im internationalen Film- und TV-Geschehen erlangt haben“, ging an den deutschen Schauspieler Lars Eidinger.

Mit Ansage für den meisten Unmut sorgte beim Filmfestival Cologne der auch schon in Cannes ob seiner krassen Mordszenen gehypte Serienkiller-Film von Lars von Trier: Mit „The House that Jack built“ präsentiert der dänische Regisseur sich einmal mehr als nicht mehr ganz von Sinnen. Das bringt Zuschauer und Publicity, lenkt aber ab von dem, was in Köln ursprünglich mal eine wichtigere Rolle spielte: die Fernsehproduktionen. Was das stärkere finanzielle Landes-Engagement für das Kräfteverhältnis zwischen Fernseh- und Kinoproduktionen beim Filmfestival Köln bedeuten wird, kann man sich vielleicht schon denken.

19.11.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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