Kernsektion Fernsehen

Das Filmfestival Cologne 2017: Wachstumsprozess und Zeitgeistgefühl

Von Jörg Gerle
20.10.2017 •

20.10.2017 • Der Name „Cologne Conference“ fiel in den Tagen zwischen dem 29. September und 6. Oktober nur noch selten – und wenn, dann vornehmlich von jenen benutzt, die in Wehmut schwelgten oder zum Ausdruck bringen wollten, dass sie schon ganz schön lange im Geschäft seien. Im Jahr 2 nach der Namensänderung in „Filmfestival Cologne“ ist das traditionsreichste Kölner Filmfest vor allem eines geworden: groß! Die Zeiten, als man einen persönlichen Festivalfahrplan auf seinem Kölschdeckel organisieren konnte, gehörten zwar schon länger der Vergangenheit an, aber es ist unverkennbar: Köln rüstet auf. Wie Berlin leistet sich die Veranstaltung von Festivalchefin Martina Richter und Programmleiter Johannes Hensen eine fast schon unübersichtliche Anzahl von Sektionen, Untersektionen und Retrospektiven.

Dabei fällt auf, dass vor allem jenem „Made in NRW“ genannten Part besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Klar, dass sich Petra Müller, Mitglied im Kölner Festivalpräsidium und ihres Zeichens Geschäftsführerin der zu den drei Hauptförderern des Festivals zählenden Film- und Medienstiftung NRW, „besonders freut“, wenn die in Nordrhein-Westfalen mitproduzierten Filme auch eine schöne Plattform bekommen. Ausgezeichnet mit dem Filmpreis NRW für den besten Dokumentartfilm wurde diesmal das Porträt „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, das ich mich verspäte…“ (Buch/Regie: Corinna Belz) und der Filmpreis NRW für den besten Spielfilm ging an „Der traumhafte Weg“ (Koproduzenten: WDR und Arte) von Angela Schanelec.

Zwei Diven

Ein Filmfestival wächst mit den anwesenden Stars. Das ist so, wiewohl dezidierte Publikumsfestivals wie das in Köln zum Teil zeitgleich gefahrene und immens erfolgreiche Fantasy Film Festival auch eine andere Sprache sprechen. Solch ein Publikum muss das Filmfestival Cologne auch im Jahr 2 noch finden, was daran liegen mag, dass immer noch zu wenig Aufwand in Marketing und Straßenpräsenz gesteckt wird, um das Publikum auf das Event „heiß zu machen“. Wenn Veranstaltungen ausverkauft waren, lag das in erster Linie an den äußerst langen Gästelisten der Produzenten und weniger am Hype auf den Straßen. So war es schon interessant zu bemerken, wie ungezwungen sich ein Robert Pattinson bei der Präsentation seines Kinofilms „Good Time“ bewegen konnte. Das erinnerte schon fast an die gute alte Zeit, als die Cologne Conference im Schatten… –, aber das ist eine andere Geschichte.

Stars gab es bereits zur Eröffnung des diesjährigen Festivals. Gut, vielleicht nicht solche vom Hollywood-Kaliber eines Robert Pattinson („Breaking Dawn – Bis[s] zum Ende der Nacht“), aber das mag vor allem daran gelegen haben, dass man sich für die Eröffnungsgala einen deutschen Kinofilm ausgesucht hatte. „Forget about Nick“ vereint zwei große Deutsche vor und hinter der Kamera: Margarethe von Trotta und Katja Riemann. Eine große Regisseurin und eine große Schauspielerin, die hier allerdings nicht die beste Leistung ihrer Karriere vorstellten. Für die sich polyglott und auch inszenatorisch international gebende, vornehmlich in New York angesiedelte Produktion hat man Begriffe wie „bräsig“ und „affektiert“ erfunden.

Zwei Ex-Frauen eines reichen Womanizers teilen sich wider Willen das Luxus-Penthouse des Ex-Gatten und gehen sich (und dem Publikum) dabei auf die Nerven, in dem sie versuchen, sich im Parfüm- und Kindererziehungs-Business selbst zu entfalten. Dabei werden Gender-Klischees zelebriert, wo man sie doch zu überwinden trachtet. Selten hat man einen schlechter gemachten Eröffnungsfilm gesehen als „Forget about Nick“. Gefeiert wurde er trotzdem, weshalb es umso unverständlicher war, wie schnippisch die beiden in Köln anwesenden Diven auf dem zugegebenerweise nicht sonderlich souveränen Moderator des Abends und dessen Fragen reagierten. Das wenig „starlike“…im schlechten Sinne. Dass Margarethe von Trotta ausgerechnet für diese Arbeit den „TV-Spielfilm“-Preis für den „visuell und erzählerisch herausragenden Programmbeitrag“ erhielt, gehört zu den Rätseln der Kölner Festivalgeschichte.

Das Kino ins Fernsehfestival holen

Doch nach dem Eröffnungsfilm ist vor dem Festival. Lutz Hachmeister, der als Präsidiumsmitglied wieder eine kurze, aber prägnante Eröffnungsrede hielt, hat es auch noch einmal herausgestellt: das quasi einzige Überbleibsel der Ur-Cologne Conference, nämlich die „Top Ten TV“, die aus den zwei Sektionen „Top Ten Fiction“ und „Top Ten Nonfiction“ hervorgegangen ist, sie ist und bleibt das Herz dieses Festivals. Das ist richtig und gut, auch wenn alle anderen Sektionen ebenfalls um Aufmerksamkeit buhlen. Und klar, dann heißt es auch noch: Wenn sich München und Berlin das Fernsehen in ihre Kinofestivals holen, dann muss man – nicht zuletzt, um gegenzuschießen – auch das Kino ins Kölner Fernsehfestival holen. Die Sponsoren stehen drauf und somit steht das Festival auf sicheren Füßen. Doch auch qualitativ konnte sich die Kernsektion in Köln wieder behaupten und wird in Erinnerung bleiben, wie einst die Jahrgänge, die „Twin Peaks“, „Emergency Room“ und „Mr. Robot“ & Co. zu bieten hatten.

Gut, dass diesmal erst die zweite Staffel von „Good Behavior“ vorgestellt wurde, mag daran liegen, dass diese Crime-Serie, die so trefflich den Image-Wandel Michelle Dockerys von der Leading Lady in „Downton Abbey“ hin zur zeitgenössischen Gesetzesbrecherin zelebriert, hierzulande erst Mitte November vorigen Jahres auf TNT Serie gestartet war. Okay, klar ist auch, dass man an dem eher seelenlosen, dafür im High-End-Segment produzierten, mit „Miami Vice“ kokettierenden und im wahren Wortsinne hochglänzenden Serien-Krimikracher „Ice“ nicht vorbeikommt, der sich im (kriminellen) Diamantenhändler-Milieu suhlt und vom mediokren Hollywood-Actionregisseur Antoine Fuqua („The Equalizer“) inszeniert wurde.

Logisch, dass ein Fernsehfilm, der in der Kölner Südstadt spielt und von drei äußerst prominent besetzten Paaren handelt, die ihr Leben auf irgendwie amüsante, eigentlich aber tragische Art und Weise nicht auf die Reihe bekommen, ins Programm der „Top Ten TV“ kommt, obwohl er da eigentlich nichts verloren hat. Eigentlich hätte man misstrauisch werden müssen, wenn hier mit dem ZDF (zusammen mit Network Movie) ein Mainzer Sender produziert und mit dem Regisseur Matti Geschonneck ein Berliner inszeniert. Etwas typisch Kölsches kann dabei jedenfalls nicht herauskommen. So blieb rätselhaft, warum der Titel dieses Films „Südstadt“ lautet, wo doch „Prenzlauer Berg“ viel besser gepasst hätte. Dort hätte das gute Ensemble um Anke Engelke, Andrea Sawatzki und Bettina Lamprecht viel eingebetteter vom Scheitern gutbürgerlicher Scheinlebensentwürfe erzählen können. Einzig denkwürdiges Highlight im Film ist Manfred Zapatka als Anke Engelkes Schwiegervater. Doch wohnt der quasi in einer Kneipe in Köln-Ehrenfeld – das aber ist Weststadt!

Ein Gesamtkunstwerk

Trotz dieser drei fragwürdigen Einträge in der Sektion „Top Ten TV“ –es war insgesamt ein guter Jahrgang, der sich da präsentierte. Auch wenn, wie inzwischen allenthalben, die Serien-Manie alles andere zu ersticken scheint, gibt sie es noch – die wunderbaren Solitäre. In der „Top Ten TV“ in Form eines Dokumentarfilms und eines Psycho-Dramas. „Off the Rails“ erzählt die Geschichte eines unter dem Asperger-Syndrom leidenden Afroamerikaners. Sein ‘Fehler’: Er fährt U-Bahn in New York und er tut dies einfach von sich aus hauptberuflich, obwohl er gar nicht bei der New Yorker U-Bahn angestellt ist – und die will seine Dienste auch gar nicht. Er aber geriert sich zum Beispiel immer wieder als Schaffner (der er real nicht ist). So wird der Sympathieträger immer mehr zur Last. Und zur Gefahr?! Die von Zipper Bros. Films für Geo Television realisierte kanadisch/US-amerikanische Koproduktion ist einer dieser Dokumentarfilme, die einen Staunen lassen, weil sie über Einzelschicksale berichten und dabei so viel über unsere Gesellschaft als Ganzes erklären. Der Film wurde in Deutschland am 9. Oktober im unter dem (dämlichen) Titel „Ich liebe dich, U-Bahn“ beim Pay-TV-Sender Geo TV ausgestrahlt und ist dort weiterhin in Wiederholung zu sehen.

Bis der ARD-Fernsehfilm „Krieg“ außerhalb von Festivals zu sehen sein wird, dauert es mindestens noch bis Februar 2018. Das ist schade, gehörte dieser Film doch zu den absoluten Highlights des gesamten Festivals. Der WDR produzierte hier zusammen mit Schiwago Film ein Drama über einen Vater, den der Tod seines Sohnes bei einem Bundeswahr-Auslandseinsatz völlig aus der Bahn wirft. Er bricht scheinbar alle Brücken zu seinem (Familien-)Leben ab und sucht Trauer und Lethargie in der verschneiten Einsamkeit einer Berghütte. Doch ungebetene Gäste lassen das ohnehin fragile Leben in eine Katastrophe trudeln. Rick Ostermanns Arbeit als Regisseur ist brillant. Sein Hauptdarsteller Ulrich Matthes, seine Nebendarstellerin Barbara Auer, seine Kamerafrau Leah Striker und sein Filmkomponist Stefan Will leisten Großes und machen unter Ostermanns Leitung aus dem Roman von Jochen Rausch (der im Hauptberuf Leiter der WDR-Radioprogramme 1Live, WDR 3 und WDR 4 ist) ein intensives, nicht ausrechenbares, immer wieder Staunen machendes Stück…ja, Kino! Die WDR-Verantwortlichen brüsteten sich nach der Premiere in Köln damit, dass dieser Film im nächsten Jahr in der Primetime des Ersten gesendet werde. Indes: Wenn sie „Krieg“ wirklich einen Gefallen hätten tun wollen, hätten sie alles daran setzen sollen, diesen Film vorher ins Kino zu bringen. Denn da gehört dieses audiovisuelle Gesamtkunstwerk (auch) hin!

Großartig ist es gewesen, dass so viele der „Stars“ der Sektion „Top Ten TV“ diesmal auch livehaftig bei den Vorstellungen vor Ort waren. Schön auch, dass die Festivalmacher bei den fünf allesamt hervorragenden (Mini-)Serien im Programm den Zeitgeist erkannt und das Publikum zu gemeinsamen Seriennächten motiviert haben. Highlight diesbezüglich war sicherlich jene Serie, die die neuseeländische Kinoregisseurin Jane Campion jenseits der Arthaus-Säle berühmt gemacht hat. Die Oscar-Gewinnerin ist 2017 zu einer Art „Artist in Residence“ des Filmfestivals Cologne avanciert. Fünf Tage war sie vor Ort, hat die ihr gewidmete Retrospektive begleitet und sie nahm bei der Abschlussgala auch den Hauptreis, den mit 20.000 Euro dotierten Filmpreis Köln entgegen.

Top Ten TV mit Top of the Lake

Das siebenstündige Marathonschauen von Campions Serie „Top of the Lake: China Girl“ war sicher die Krönung der diesjährigen „Top-Ten-TV“-Reihe, nicht nur weil Jane Campion nächtens im Kino auf ein halbstündiges Gespräch vorbeischaute. In diesem zweiten „Top-of-the-Lake“ Sechsteiler nach 2013 ermittelt nun Detective Robin Griffin nicht mehr in Neuseeland, sondern in Australien in einem Mordfall. Campion hat sich nur widerwillig zu einer zweiten Staffel überreden lassen, doch das Ergebnis ist nicht nur wegen Elisabeth Moss in der Haupt- und Nicole Kidman in einer tragenden Nebenrolle eindrücklich. Die atemberaubenden Bergsee-Panoramen, die man in der ersten Staffel gesehen hatte, weichen nun klaustrophobischen Hinterhöfen von Sydney, in der Prostitution und soziale Gewalt allgegenwärtig sind. Der Cliffhanger am Ende lässt offen, ob es noch eine dritte Staffel geben wird, genauso wie die Regisseurin dies offen ließ.

Ein wenig Glamour zog ins Festivalzentrum des Kölner „Filmpalasts“, als mit den Regisseuren Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries, den Produzenten Stefan Arndt, Michael Polle und Uwe Schott sowie den Darstellern Volker Bruch und Liv Lisa Fries gleich eine ganze Armada von Beteiligten die sechsmal 45 Minuten begleitete, die in einer Kölner Festivalnacht vom deutschen Serien-Highlight des Jahres 2017 präsentiert wurden: „Babylon Berlin“, eine 16-teilige Serie, deren Realisierung – wie Produzent Stefan Arndt stolz verkündete – gar das Bundeswirtschaftsministerium samt seines Ministers Sigmar Gabriel (SPD) zum Anlass nahm, einen ganz neuen Topf für Fernsehserien und internationale Großprojekte neu bereitzustellen, damit diese erstmalige Serien-Koproduktion zwischen einem Pay-TV-Sender (Sky) und einem öffentlich-rechtlichen Programm (ARD) zu Ende finanziert werden konnte.

Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, denn die Geschichte des aus Köln stammenden Kommissars Gereon Rath, der Ende der 1920er Jahre in Berlin ermittelt, bietet Sex, Crime, Geschichtsschreibung und viel Eye-Candy der ganz besonders aufwändigen und bildgewaltigen Art. „Too big to fail“ würde der Amerikaner sagen. Hier sind einfach zu viele Interessen und zu viel Genies beisammen, als dass ein solches Spektakel scheitern dürfte. Der deutsche Rundfunkbeitragszahler muss nach der Erstausstrahlung bei Sky, wo „Babylon Berlin“ derzeit gerade zu sehen ist, noch bis Ende nächsten Jahres warten, bis er die 40-Millionen-Euro-Serie goutieren kann, die auf einer literarischen Vorlage von Volker Kutscher beruht und die dazu angetreten ist, im großen Konzert der internationalen Top-Serien-Produktionen mitzuspielen.

Weit kleiner, bescheidener, aber nicht minder intensiv gaben sich da die britischen sechsteiligen Miniserien „Broken“ (LA Productions für die BBC) und „Liar“ (Two Brothers Pictures für ITV). Erstere taucht in das Leben des katholischen Priesters Michael Kerrigan ein, der in seiner nordenglischen Gemeinde alles soziale Elende der Provinz zu puffern hat. Schonungslos gehen die Macher mit der Leidensfähigkeit auch des Zuschauers um, wenn es gilt, dem einmal mehr brillanten Sean Bean, der hier den Priester spielt, in die Niederungen sozialer Abgründe zu folgen. Bean war bei der Premiere in Köln anwesend und nahm bei der Abschlussgala zu Recht den „Hollywood-Reporter“-Preis für „hervorragende Leistungen in der internationalen Film- und Fernsehbranche“ entgegen.

International Actors Award für Juliette Binoche

„Liar“ bedient sich eines ganz anders emotional aufwühlenden Themas: Vergewaltigung. Ein sympathischer Chirurg und eine lebensfrohe Lehrerin haben ein Date, an dessen Ende eine Anklage steht. Dabei stellt sich dann die Frage, ob der Chirurg wirklich so sympathisch und die Lehrerin wirklich so lebensfroh ist. Schade nur, dass bei diesem ‘Hochkoch’-Thema – die Hauptrollen spielen Ioan Gruffudd und „Downton-Abbey“-Star Joanne Froggatt – die Serie in Köln nicht ganz gezeigt werden konnte. Denn: Nicht zu wissen wer hier die Schuld trägt, war in der Tat schwer erträglich.

Den Abschluss der Sektion „Top Ten TV“ bildete der einzige französische Beitrag, der in drei Teilen und insgesamt 150 Minuten von den Folgen erzählt, die ein minderjähriges Mädchen ein gefühltes Leben lang zu tragen hat, das im Affekt ein noch jüngeres Kind tötet. „Aurore“ (Pampa Production für Arte) ist gerade im ersten, noch unter den Jugendlichen spielenden Teil eine brillante, aber auch deprimierende Chronik eines Lebens im sozialen Zwielicht.

Für den weit erhebenderen Abschluss bei der Preisträgergala sorgte dann ebenfalls die französische Filmbranche. Zu den Preisträgerinnen Jane Campion und Margarethe von Trotta und den Preisträgern Sean Bean und Kevin Macdonald, der den Phoenix-Preis für den besten Dokumentarfilm erhielt, gesellte sich zum krönenden Abschluss Juliette Binoche, die den International Actors Award von der Vorjahrespreisträgerin Claire Denis entgegennehmen durfte. Angesichts solch eines Abschluss-Defilees könnte man meinen, das Festival sei im zweiten Jahr auch schon „too big to fail“. Zu hoffen wäre es.

20.10.2017/MK