„Hallo, Frau Beimer“

Die „Lindenstraße“, die Fernsehkritik und die Wirklichkeit

Von Dieter Anschlag

28.11.1991 • Am 1. September dieses Jahres lief die 300. Folge der „Lindenstraße“ über den Bildschirm. Allen anfänglichen Verrissen zum Trotz hat sich die am 8. Dezember 1985 gestartete Serie zu einem großen Erfolgsprodukt hochgeschraubt. Inzwischen durchzieht sie sogar den Alltag derer, die nichts von ihr wissen woll(t)en. „Auch wer nie die ‘Lindenstraße’ gesehen hat, weiß, dass Mutter Beimer gewisse Eheprobleme hat“, so beschrieb der Berliner Medienwissenschaftler Karl Prümm das Phänomen. Er tat dies auf einer Tagung des Adolf-Grimme-Instituts in Marl, die sich unter dem Leitmotiv „Die ‘Lindenstraße’ als soziales System“ am 15. November ausführlich mit den erstaunlich vielen Facetten der Serie und ihren Wirkungen befasste. Rund 50 Teilnehmer waren dazu nach Marl angereist: Kritiker und Kommunikationswissenschaftler, Schauspieler und andere an der ‘Lindenstraße’ Beteiligte, darunter Produzent Hans W. Geißendörfer.

Insbesondere die Anwesenheit der Schauspieler, jeden Sonntag als Fernsehfiguren zu sehen, verschafften den Teilnehmern in Marl als Echtpersonen eine Verwirrung des Bewusstseins. Karl Prümm: „Wenn man die Schauspieler hier in Marl trifft, möchte man ihnen am liebsten spontan die Hand geben oder auf die Schulter klopfen.“ Aber ein „Hallo, Frau Beimer“ löst kein „Hallo, Herr Prümm“ aus. Denn Herr Prümm kennt zwar TV-Mutter Beimer, die Schauspielerin Marie-Luise Marjan aber nicht ProfessorPrümm. Bei den Akteuren der „Lindenstraße“ finde „eine vollständige Vermischung von Person und Rolle“ statt, erklärte Prümm, die „Dauerpräsenz“ der Serie führe dazu, dass das Publikum die Schauspieler für persönliche Bekannte halte – ein weiteres Phänomen.

Das Fernsehen als Echtzeitmedium

Für Karl Prümm gehört die „Lindenstraße“ zu einem neuen TV-Trend: der Entwicklung des Fernsehens zum „Echtzeitmedium“. Das Fernsehen dauert bei den Vollprogrammanbietern so lange wie Tag und Nacht – 24 Stunden. Ja, so Prümm, die Programme würden heutzutage über ihre Namen wie „Frühstücksfernsehen“, „Mittagsmagazin“ oder „Sommerprogramm“ zum Zeitanzeiger. So würden Fernsehprogramme zu einem ebenso selbstverständlichen Begleiter wie die Armbanduhr am eigenen Handgelenk. Der Zeitfaktor bewirke einen Medienwandel in dem Sinn, dass das Medium mit der Realität identisch werde, was die Unterscheidung zwischen diesem und jenem erschwere. Prümm: „Die ‘Lindenstraße’ ist eine der Antworten auf dieses Echtzeitmedium, sie hat durch ihre Endlosigkeit und Dauerpräsenz sogar einen Sonderstatus.“ Dieser Charakter in Verbindung mit der „Hallo-alter-Freund“-Familiarität macht, Prümm zufolge, nicht nur „den phänomenalen Erfolg“ der Serie aus, „es macht die ‘Lindenstraße’ unverwüstlich“.

Dass es der „Lindenstraße“, wie der Medienwissenschaftler meinte, dabei durch ihr internes System gelinge, ihrem Publikum in einer Zeit, die durch die Vermischung von Fernseh- und Realwelt zunehmend strukturloser werde, die „Tröstung“ zu verschaffen, dass der Alltag doch noch systematisierbar sei, nahmen die Schauspieler besonders dankbar zur Kenntnis, fast als sei es ihre Tröstung für so manchen Verriss der Serie, für manch ausgebliebene Anerkennung. Eine zusätzliche Deutung des Erfolgs der „Lindenstraße“ hatte Schauspielerin Marianne Rogée (sie spielt die Figur der Isolde Pavarotti): „Früher konnten nur Könige und Bischöfe sich für teures Geld von Malern porträtieren lassen. Heute ist die ‘Lindenstraße’ das Gemälde, in dem sich die kleinen Leute wiedererkennen.“

Eis vom Italiener

Für die Schauspieler der Ausnahmeserie „Lindenstraße“ haben der Erfolg und sein Beiwerk ungewöhnliche Auswirkungen, wie sie für andere Schauspieler nicht in Frage kommen. „Der Dauerserienschauspieler istdie Figur“, sagt Hans W. Geißendörfer. Das bedeutet, sie können sich auch in der Wirklichkeit nie völlig von ihrer Rolle lösen, selbst wenn sie es wollen. Da kann es zum Beispiel passieren, dass Marianne Rogée – die in der „Lindenstraße“ mit einem Italiener verheiratet ist –, „im Sommer oft von Italienern ein Eis ausgegeben“ bekommt, wie sie in Marl erzählte. Und Martin Rickelt, der in der Serie den Nationalisten Onkel Franz spielt, muss damit leben, dass ihm „unaufgefordert und mit kameradschaftlichen Grüßen die ‘Nationalzeitung’ ins Haus geschickt“ wird. Dies sind die Folgen der fiktiven Realität der „Lindenstraße“. Dazu zählen auch wirkliche Mietgesuche für frei gewordene „Lindenstraßen“-Wohnungen. „Spiegel TV“ hat diese Vermischung von Schein-und-sein-Welt jetzt als Thema entdeckt und plant, über dieses „Lindenstraßen“-Phänomen ein Feature zu drehen.

Auf der anderen Seite gibt es die Folgen für die reale Realität der Schauspieler, das heißt, ihren Status als Arbeitnehmer mit seinen sozialrechtlichen Problemen. Davon sprach Marie-Luise Marjan (Helga Beimer) drastisch: Für sie sei es eine Schreckensvision, dass ein Großteil der Schauspieler nach einem Ende der Serie Sozialhilfe beziehen müsste. Dafür gebe es genügend Beispiele im Ausland, wo beliebten Akteuren aus Dauerserien kaum noch Rollen in anderen Fernsehproduktionen angeboten würden. Joachim Hermann Luger (Hans Beimer) nannte es „skandalös“, dass die „Lindenstraßen“-Episoden unbegrenzt wiederholt werden könnten, ohne dass die Schauspieler dafür honoriert würden: „Die Zuschauer glauben dann, wir sind noch gut im Geschäft, während in Wirklichkeit nichts mehr läuft.“ Luger wies noch auf ein anderes Problem hin: Die „Lindenstraßen“-Schauspieler durften anfangs – ähnlich Profi-Sportlern – laut Vertrag keine gefährlichen Freizeitbeschäftigungen ausüben wie Ski- oder Motorradfahren, weil dies ihr Mitwirken in der Serie gefährde. Hier seien inzwischen jedoch Lösungen gefunden worden.

Doppelter Sonderstatus

Medienwissenschaftler Karl Prümm meinte ebenfalls, dass der Sonderstatus der Serie auch einen arbeitsrechtlichen Sonderstatus der Schauspieler bedinge. Die forderten deshalb in Marl eine verbesserte soziale Absicherung. Die Schauspieler der auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd produzierten „Lindenstraße“ sind bei der privaten Geißendörfer-Filmproduktion angestellt, welche die Serie im Auftrag des WDR für die ARD herstellt. WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte „äußerte in Marl Verständnis für die Forderungen der Schauspieler, verwies aber darauf, diese durchzusetzen, sei eine Aufgabe für die entsprechenden Berufsverbände: „Der WDR wird hier nicht vorpreschen.“ Michael Schmid-Ospach, stellvertretender WDR-Fernsehdirektor, bezeichnete beim ARD-Intendantentreffen am 27. November in Hamburg die Vorwürfe hinsichtlich des Sozialhilfe-Szenarios als „gänzlich nicht von dieser Welt“. Zudem, so hieß es nach der Marler Tagung beim WDR, hätten die Akteure der Serie gegenüber anderen Kollegen den Vorteil eines Dauerengagements mit deutlich überdurchschnittlicher Bezahlung.

Inzwischen ist auch die Beachtung für die Serie überdurchschnittlich. Sonntag für Sonntag erreicht die „Lindenstraße“ Spitzenwerte an Einschaltquoten (8 Mio bis 10 Mio Zuschauer). Und so lange das so bleibt, braucht auch keiner der Schauspieler den Gang zum Sozialamt zu befürchten. Im Dezember dieses Jahres geht „die unendliche Geschichte ‘Lindenstraße’“ (Dietrich Leder in FK-Heft Nr. 44/87) in ihr sicherlich nicht verflixtes siebtes Jahr. Die ARD-Intendanten haben auf ihrer Sitzung Ende November in Hamburg beschlossen, dass (O-Ton) „die beliebte Dauerserie“ um weitere zwei Jahre bis Dezember 1994 fortgesetzt wird. Geißendörfers Wunsch, die „Lindenstraße“ gar für zwei Ausgaben pro Woche herzustellen, ist dabei vorerst nicht realisierbar. Diese Ansicht vertritt man nicht nur bei der ARD, sondern das meint auch ein Teil des Schauspielerteams. Es werde bereits jetzt, so war von Akteuren in Marl zu erfahren, an der Grenze der Kapazität produziert.

Der ARD-Vorsitzende Friedrich Nowottny (WDR-Intendant) betonte beim Hamburger Intendantentreffen, dass die ARD mit der „Lindenstraße“ erneut die Innovationsmöglichkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks demonstriert habe. Das dabei gewonnene Know-how sei ein Kapital, das angesichts des Interesses an nicht-importierten Serien und des immens steigenden Programmbedarfs immer wertvoller werde. Gunther Witte vom WDR hält dieses Kapital auch noch für im Jahr 2000 gewinnbringend: „Ich kann mir gut vorstellen, dass die Serie 15 Jahre oder noch länger laufen wird. So lange die Zuschauer die ‘Lindenstraße’ sehen wollen, wüsste ich überhaupt keinen Grund, nicht weiterzumachen“, sagte Witte gegenüber der FK.

Hegel und Luhmann, Flöter und Gung

Auf der Tagung in Marl verteidigte „FAZ“-Kritiker Patrick Bahners die „Lindenstraße“ gegen den Vorwurf, sie bilde die Wirklichkeit unzureichend ab: „Die ‘Lindenstraße’ soll gar kein Abbild der deutschen Wirklichkeit sein. Sie bezieht als selbstbezügliches soziales System lediglich ihre Motive aus der Realität.“ Bahners zeigte dabei, dass die Beschäftigung mit der kritischen Wissenschaft die Beschäftigung mit der trivialen „Lindenstraße“ nicht ausschließt. Er argumentierte auf durchaus beeindruckende Weise – wiewohl das in Marl nicht jeder nachvollziehen konnte –mit Aristoteles, Baudrillard, Habermas, Hegel, Nietzsche und (hauptsächlich) mit Luhmann, Namen, die ihm in diesem Zusammenhang so selbstverständlich über die Lippen kamen wie Beimer, Flöter, Pavarotti oder Gung. An solch einem klugen Kopf hatte selbst der oft wegen seiner „Lindenstraßen“-Erfindung kritisierte Hans W. Geißendörfer eine helle Freude: Bahners kenne sich mit dem, was er kritisiere, „im Gegensatz zu anderen wirklich selten gut aus“.

Lutz Hachmeister, der Leiter des Grimme-Instituts, vertrat die Ansicht: „Die Praxis hat die Kritik besiegt. Die ‘Lindenstraße’ ist für ein ‘normales’ Publikum gemacht und nicht für die Kritik oder die Wissenschaft. Sie ist ein Kult geworden. Es geht längst nicht mehr um „ästhetische oder dramaturgische Feinheiten. Eine erfolgreiche Dauerserie ist prinzipiell stärker als jede Fernsehkritik.“

• Text aus Heft Nr. 48/1991 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz

28.11.1991/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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