Partner, Freunde, Feinde

Vergangenheit und Zukunft der „Lindenstraße“ – eine Dankesrede

Von Hans W. Geißendörfer

28.01.2005 • Am 13. Januar stellte der federführende WDR im Rahmen einer „Presselounge“ auf dem Produktionsgelände in Köln-Bocklemünd vorab die 1000. Folge der ARD-Dauerserie „Lindenstraße“ vor. Das Jubiläum – ein Grund zum Feiern. „Lindenstraßen“-Erfinder und -Produzent Hans W. Geißendörfer, Jg. 1941, nahm die Gelegenheit aber auch wahr für eine Danksagung. Die FK dokumentiert im Folgenden den Wortlaut der Rede, die Geißendörfer auf dem Empfang hielt. • FK

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1000 Folgen „Lindenstraße“ bedeuten 1000 Sonntage und fast zwanzig Jahre gelebte Zeit. Wir sprechen also von der ersten Generation unserer Serie. Wenn wir zurückblicken, blicken wir nach vorne zur zweiten Generation. Zurückblicken und über Inhalte nachsinnen, das Wie und Was und Wann, aktuell oder veraltet, populär oder unpopulär – das ist in diesen Tagen häufig in Bild und Print geübt worden. Über die Zukunft der Serie wurde jedoch wenig oder nur Ungenaues gesagt, was nicht verwundert. Bevor ich es aber wagen will, einen kleinen Ausblick auf das zu geben, was kommen wird oder kommen könnte, oder meinen Wünschen und Vorstellungen nachkommen müsste, möchte ich mich bedanken.

Ich möchte all denen Dank sagen, die für die „Lindenstraße“ in den Gründertagen und -wochen ihre Köpfe hingehalten haben, die das Konzept dieser Serie nicht nur verstanden haben, sondern es gegen Dutzende von kontroversen Ansichten und Angriffen verteidigt haben und so dieser Serie geholfen haben, die ersten Monate im Programm der ARD zu überstehen. In die erste Reihe dieser Geburtshelfer gehören der damalige Intendant des WDR, Friedrich Nowottny, sein Säulenheiliger für Unterhaltung und Fernsehspiel, Siegfried Mohrhof, und der damalige Fernsehspielchef Gunther Witte.

Die Ehrenbürger dieser Straße

Ohne Gunther Witte hätte ich es wahrscheinlich nie geschafft, den Widrigkeiten zu trotzen und trotz aller bösen und teilweise aggressiv beleidigenden Kritiken und Intrigen von außen, aber auch innerhalb des Hauses WDR durchzuhalten. Es war auch sein weitblickender Entschluss, mir Monika Paetow als erste Redakteurin und verantwortlich federführend für ARD und WDR zur Seite zu stellen. Monika Paetow hat die Serie geprägt und – erlauben Sie mir ausnahmsweise den Begriff – heldenhaft für diese Serie gekämpft. Sie hatte mein volles Vertrauen, und ich konnte mit ihr über alles reden und streiten. Tiefen Dank dieser Mannschaft der ersten Stunde. Alle gerade Genannten sind heute schon pensioniert und ich freue mich, dass sie noch immer zugucken und beobachten, was denn aus dem Baby von damals nun so geworden ist.

Ich möchte all denen Dank sagen, die dazu geholfen haben, dass „Lindenstraße“ sich vom Baby zum Kleinkind und vom Teenager zum volljährigen Mitglied dieser deutschen Medienlandschaft entwickeln konnte und durfte. Würde ich die Namen all dieser Ehrenbürger unserer Straße nennen, würde ich sicherlich in einer Stunde noch immer damit beschäftigt sein, dies zu tun. Vergessen Sie bitte nicht, dass hier nicht nur die Monika Paetow nachfolgenden Redakteure und Redakteurinnen gemeint sind oder der neue Fernsehspielchef Gebhard Henke, auch nicht nur die Fernsehdirektoren Günter Struve, Jörn Klamroth und Ulrich Deppendorf oder der heutige Intendant Fritz Pleitgen. Hier meine ich vor allem auch zum Beispiel die lichtsetzenden Kameraleute, die über die Jahre hin immer wieder den Ehrgeiz hatten, die Lichttechnik kreativ zu verbessern und zu verändern, allen voran Dieter Christ oder Kurt Mikler, Persönlichkeiten, die nie aufgegeben haben zu versuchen, der Szene, dem Schauspieler und der Ausstattung durch das jeweils stimmende, richtige Licht zur größeren Wirkung zu verhelfen.

Ich meine genauso die Kameraoperatoren, die Bildschnittpersönlichkeiten, allen voran Edith Wißkirchen, die Bildingeneure, allen voran Manni Siebers, Alfred Maas und Friedrich van der Horst, die vom ersten Tag an für die damals neue Technik neue Möglichkeiten entwickeln mussten und entwickelt haben, die die „Lindenstraße“ technisch fast immer mit dem Besten ausgestattet haben, was auf dem Markt zu kriegen war, die uns aber auch mit ihrer eigenen Kreativität immer wieder neue Spielebenen angeboten haben, die den Regisseuren erlaubten, ihre Fantasie bei der Inszenierung immer unbegrenzter einsetzen zu können.

Ich meine aber auch alle Regisseure, die diesen Service der Technik dankbar ausgenutzt haben und durch ihre Forderungen und Bitten an die Technik immer wieder dazu beigetragen haben, dass Neues angeboten wurde und entstand. Dank vor allem an George Moorse, der als Regisseur „Lindenstraße“ mehr beeinflusst hat als ich selbst. Dank aber auch vor allem an Dominikus Probst, der mit seinem beharrlichen Wunsch, die 1000. Folge „Lindenstraße“ im Format 16:9 zu produzieren, nicht nur Gehör fand, sondern auch mit der Inszenierung der 1000. Folge bewiesen hat, dass dieses Format für „Lindenstraße“ ideal ist, da es die Seh- und Erzählmöglichkeiten deutlich bereichert. Dominikus hat uns alle überzeugt und ab der 1000. Folge „Lindenstraße“ wird nur noch auf 16:9 gedreht.

Loyalität und Toleranz

Ich meine aber auch die Cutter, die Tonmeister und Tondesigner, die Ausstatter, die Requisiteure und Maskenbildner, die Autoren, die Dramaturgen und Produktionsleiter, Aufnahme- und Herstellungsleiter, die Finanzministerin der GFF [Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion GmbH, d. Red.] und ihr Team, die Presse und Online-Leute, die Standfotografen und Kostümbildnerinnen. Keine und keiner der Genannten hat je aufgehört, sich immer wieder neuen und hohen Arbeitsanforderungen zu stellen und die eigene Fantasie einzusetzen, um der Verführung zur Routine nicht zu erliegen.

Erlauben Sie mir bitte aus dieser Gruppe der Mitverantwortlichen heute die Ausstattung besonders zu erwähnen. In der Tradition von unserem früh verstorbenen Wolfgang Rux, der in den ersten Jahren den Stil, die Sorgfalt, die Genauigkeit der Ausstattung, die „Lindenstraße“-Ästhetik insgesamt vorgegeben hat, haben unsere Ausstatter und Filmarchitekten bis heute dafür gesorgt, dass es keine Serie in der Welt gibt, mit der „Lindenstraße“ in diesem Bereich nicht Schritt halten könnte. Ich möchte sogar behaupten, dass es überhaupt keine Serie auf diesem Globus gibt, die „Lindenstraße“ auf diesem Gebiet das Wasser reichen kann. Denken sie nur an die junge Ulrike Böss, nach deren frühem Tod wir eine Straße unserer Serie benannt haben. Ulrike hat mit großem Können und riesiger Fantasie, aber auch mit Durchhaltevermögen und erfolgreichem Kampf gegen andere, falsche Vorstellungen den Großbau Frisörsalon und „Café Moorse“ entworfen, gestaltet und durchgeführt.

Ich meine aber auch den Geist, der es von Anfang an möglich gemacht hat, dass das Mitarbeiterteam des WDR mit dem Team der GFF kreativ und konstruktiv und immer kommunikativ zusammengearbeitet hat. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, und meine Dankbarkeit für diese Loyalität und Toleranz auf beiden Seiten ist groß.

Ich meine natürlich auch die Persönlichkeiten dieser großen „Lindenstraße“-Familie, ohne die überhaupt nichts zu erzählen oder zu bewegen wäre: die Schauspieler. Und unter ihnen meine ich ganz beson­ders diejenigen, die vom ersten Jahr an, trotz vieler Versuchungen und anderer Möglichkeiten, unserer Serie treu geblieben sind. Ich meine aber auch all diejenigen, die bereits verstorben sind, die aber die Serie mit ihrer künstlerischen Kraft stark mitgeprägt haben und die für uns unvergesslich bleiben. Denken Sie nur an Tilli Breidenbach (Lydia Nolte), Herbert Steinmetz (Joschi Bennarsch) an Fritz Bachschmidt (Gottlieb Griese), an Wolfgang Grönebaum (Egon Kling), an Martin Rickelt (Onkel Franz), an Ute Mora (Berta Griese).

Aber auch alle anderen, selbst die absoluten Neulinge – und das sind bei uns Schauspieler, die weniger als zwei Jahre „Lindenstraße“ nachweisen können – haben mit ihrer Kraft und Fantasie dazu beigetragen, dass wir heute feiern können und zusammen sind. Ich möchte hier ganz energisch betonen – und ich darf das nach all diesen Jahren –, dass ein Schauspieler in der „Lindenstraße“, der ja von Film-, TV-Film- und Theaterkollegen und vor allem von Regiekollegen und Presseleuten noch immer und oft als Nur-„Serienschauspieler“ abgetan wird, womit seine Leistung ad hoc geringer eingeschätzt wird – dass also ein Schauspieler der „Lindenstraße“ durch die lange Zeit seiner Präsenz handwerklich und in seiner kreativen Gestaltung mindestens genauso gefordert ist wie ein Schauspieler in anderen Formaten. Ich erlaube mir aufgrund aller meiner Erfahrung sogar zu behaupten, dass die künstlerische Anforderung an einen Schauspieler oder Darsteller, der über Jahre hinweg einer Figur dient, sie immer wieder mit neuen und überraschenden Akzenten ausstattet, ohne der Biografie der Figur entgegen zu arbeiten, der dieser einen Figur die Erfahrungen seines eigenen Innen- und Außenlebens teilweise anvertraut, der immer wieder eine Frühstückszene, eine Treppenhausszene, eine Schlafzimmerszene etc. in immer den gleichen Dekors zu gestalten hat, dass dieser Schauspieler also höheren Anforderungen an sein berufliches Können und an seine Persönlichkeit genügen muss als Schauspieler in anderen Formaten. Ich danke allen Schauspielern der „Lindenstraße“ für ihre Treue, ihre Toleranz und ihre künstlerische Arbeit.

All dies verpflichtet. Genauso wie das Buch „1000 Folgen ‘Lindenstraße‘ in Text und Bild“ – in dem familienfotoalbenmäßig zu blättern mir selbst hohen Spaß bereitet und in dem nun alle Geschichten, alle Persönlichkeiten und Mitwirkenden unserer Serie bis zur 1000. Folge kompakt und im Schnellgang noch einmal zu erleben und zu sehen sind – in seiner gesamten Fülle von Vergangenheit auch Verpflichtung für die Zukunft ist. Ein gigantischer Berg an Material ist diese Vergangenheit, sind ihre Geschichten, und sie sind der Grundstein, auf dem wir weitererzählen wollen.

Nicht wegschauen, wenn es wehtut

Die tatsächliche Zukunft der „Lindenstraße“ liegt also in ihrer Vergangenheit und steht natürlich trotzdem im Detail noch in den Sternen, aber die Planung der Zukunft ist gegenwärtig: Die neue Generation „Lindenstraße“ (also vielleicht die nächsten 1000 Folgen) wird ihre Eltern und Großeltern in Ehren halten, sie wird sich aber dort kritisch von ihnen entfernen, wo Zeit und Anforderungen der jeweiligen Wirklichkeit, wo Veränderungen in unserer Gesellschaft, wo Politik und Alltag dies fordern oder nötig machen. Wir werden mit den alten und bekannten Figuren weitererzählen und über ihre Schicksale berichten, wir werden aber auch neue, unbekannte Figuren in die Straße einziehen lassen, immer dann, wenn das Leben der „einheimischen“ Lindensträßler neue Partner, Freunde oder Feinde fordert.

„Lindenstraße“ wird in Zukunft natürlich immer als „Lindenstraße“ erkennbar sein, sie wird die etwas andere Serie bleiben, und gerade deshalb werden wir versuchen, noch mehr mit harten Themen genauer zu arbeiten und nicht wegzuschauen, wenn es weh tut. Wir werden uns mit latenten Problemen unserer Gesellschaft genauso auseinandersetzen wie mit aktuell entstehenden, wir werden auch versuchen, dort anzugreifen, wo Angriff die beste Verteidigung ist. Wir werden ebenfalls versuchen, unsere Zähne zu zeigen, den Biss zu verbessern.

Trotzdem, oder auch gerade deswegen, werden wir die Unterhaltung dabei ganz fürchterlich streicheln! Wir werden der Liebe, dem Tod, dem Sterben und Geborenwerden, Krankheiten, Karriere, Verbrechen, psychischem und sonstigem Terror, kleinen und großen Gefühlen, Träumen und Sehnsüchten nicht ausweichen. Alles in allem: Wir werden versuchen, weiterhin „Haltung“ zu zeigen und zu bewahren.

Die Auswahl unserer Inhalte wird nach wie vor nicht von der Spekulation auf „Quote“ bestimmt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Verantwortlichen in der ARD uns auch weiterhin erlauben, unsere Inhalte vom Geist und der Fantasie und von den Herzen der Autoren bestimmen zu lassen. Dafür, dass die Verantwortlichen der ARD dies in den letzten fünfzehn Jahren getan haben, sage ich tief empfunden: Danke.

• Text aus Heft Nr. 4/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.01.2005/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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