Keimzelle der Gesellschaft

1000 Folgen „Lindenstraße“ in der ARD – eine Liebeserklärung

Von Christiane Florin

28.01.2005 • Die patente Blonde, die da gerade fürs Büfett ansteht, das ist doch die Gabi. „Hör mal, das mit deiner Taubheit ist aber wirklich ein bisschen dick aufgetragen. Lass dich doch operieren“, möchte ihr die „Lindenstraßen“-Kennerin zurufen. Gabi Zenker hat nun wirklich schon viel durchleiden müssen: Der erste Mann starb an Aids, der kleine Sohn Maxl fiel einem Kindermörder zum Opfer, ihr leiblicher Vater tauchte erst nach Jahrzehnten wieder auf. Zwischendurch verlieben sich ein deutlich jüngerer und ein deutlich älterer Mann unglücklich in sie. Und dann auch noch das: Auf dem Weg zu einem Liebeswochenende mit dem Postboten verunglückt sie so schwer, dass sie, die Musikliebhaberin, zunächst ihr Gehör, später den Geliebten und schließlich Ehemann Andy verliert.

Doch die „Lindenstraßen“-Kennerin schweigt. Sie hat sich eine Sekunde lang bei dem Gedanken erwischt, dass es unhöflich sein könnte, eine Taube mit „Hör mal“ anzusprechen. Albern eigentlich. Denn auch der treueste Fan kann die Schauspieler von ihren Rollen unterscheiden. Andrea Spatzek alias Gabi Zenker ist so wenig gehörlos wie Ludwig Haas alias Dr. Dressler querschnittsgelähmt. In der Serie hängt das Fortkommen des Arztes übrigens vom Rollstuhl ab, weil ihn der damalige Gatte der Tochter seiner mittlerweile verblichenen Ehefrau mit dem Auto angefahren hatte. Hier, bei der „Presselounge“ zur Vorab-Präsentation der 1000. „Lindenstraßen“-Folge am 13. Januar 2005 am Drehort Köln-Bocklemünd, nimmt er mühelos alle Stufen.

Die Kritiker mussten kapitulieren

Wer einmal süchtig geworden ist nach dem Allzweckreiniger-Duft, den Hausmeisterin Else Kling im Treppenhaus verströmt, wer sich einmal schaudernd in die Kiefern-Küche der Zenkers und die Furnier-Schrankwand der Beimers verguckt hat, interessiert sich mehr für das Wohl seiner Fernsehfreunde als für die Schauspieler dahinter. Und nimmt seufzend hin, dass Wunderheilungen ausbleiben. Man schippert ja schließlich nicht auf dem ZDF-„Traumschiff“ durchs Seichte. Auf der „MS Europa“ kann sich der Zuschauer sicher sein: Junge Mädchen, die in Hamburg blind an Bord gehen, können spätestens auf dem Landausflug nach Hawaii den jungen Mann, der ihnen am Pool Avancen gemacht hat, sehen. Im Münchner Mehrfamilienhaus in der „Lindenstraße“ hingegen werden Schwerbehindertenausweise beantragt, Treppenlifte installiert, Therapiegespräche geführt, es gibt mehr Leichen als bei Edgar Wallace und mehr Scheidungen als in Hollywood. Am 30. Januar läuft nun Folge 1000 der wöchentlich ausgestrahlten ARD-Dauerserie.

Als Regisseur Hans W. Geißendörfer vor fast zwanzig Jahren das neue Straßenschild anschraubte, kuschelte sich der deutsche Fernsehzuschauer gerade in besonders weiche Kissen. Geißendörfer setzte mit seiner Produktion gegen Ozeanblau und Glottertalgrün ein gräuliches Beige, das gelegentlich ins Blasslilarosa hinüberspielt. Er machte aus der britischen „Coronation Street“ (Granada/ITV) etwas typisch Deutsches: preußisch-disziplinierte Arbeit am Serienfließband, gedreht in Kulissen, die ein Hauch vom Trümmerfrauen- und Weltverbessererschweiß durchweht. „Lüften bitte!“, schrien die Fernsehkritiker. „Sind wir so langweilig, so säuerlich-moralisch, so einfältig und lebensmüde?“, höhnte etwa die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) nach der ersten Folge vom 8. Dezember 1985. Eine ziemlich deutsche Reak­tion. Nirgends sonst verreißen die Feuilletons Langzeitserien so genüsslich, bevor überhaupt der erste Cliffhanger aufgelöst worden ist. Was soll’s? Zumal sechs Jahre nach dem Start der Serie der heutige FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners auf einer Tagung des Adolf-Grimme-Instituts (und später noch einmal bei den Mainzer Tagen des Fernsehkritik) die „Lindenstraße“ in wissenschaftlich-philosophische Sphären erhob und dabei Bezüge zu Habermas, Hegel und vor allem Luhmann entdeckte (vgl. FK-Heft Nr. 48/91).

Doch zurück zur (Fernseh-)Realität: Schwulenkuss, Homoehe, Schornsteinbesetzung, Bulimie, Alt- und Neonazis, unkeusche katholische Priester, Inzest, Methadonprogramm, Prostitution, Abschiebung – die Drehbuchautoren bürdeten ihren Protagonisten alle Armuts-, Drogen-, Gleichstellungs-, Amnesty- und Sonstwiesorgenberichte auf. Die Kamera guckte in Privatwohnungen, um Anti-Privatfernsehen zu liefern. Der Zuschauer war schließlich nicht zum Vergnügen da. Kein 15-Jähriger, so erinnert sich Generationsinspekteur Florian lllies, hätte damals zugeben können, sich sonntags die knappe halbe Stunde im Ersten anzugucken. Die Serie sah nach Juteunterwäsche aus, nicht nach Calvin-Klein-Slip.

Doch die Kritiker mussten kapitulieren. Die „Lindenstraße“ trat nicht nur mit dem sozialkritischem Ernst der Anti-Kohl-Kulturschaffenden an, die Serie wurde auch tatsächlich ernst genommen. Der erste, noch dazu gebührenfinanzierte Schwulenkuss zwischen 18.40 und 19.07 Uhr erregte die Sittenwächter, CSU-Spitzenmann Peter Gauweiler lieferte sich einen langen Privatstreit mit den „Lindenstraße“-Machern, der ein bisschen an die gute alte Fehde zwischen Franz Josef Strauß und dem „Spiegel“ erinnerte. Als die Beimer-Familie, bis dato ein hausmusizierendes Musterbeispiel für die Keimzelle der Gesellschaft, zerbrach, weil sich Sozialarbeiter (!) Hansemann in die deutlich jüngere Anna Ziegler verliebte, durfte die Schauspielerin Irene Fischer ahnen, was Hildegard Knef nach ihrem Film „Die Sünderin“ widerfahren war: Beschimpfungen am Telefon, Pöbeleien auf der Straße. Der deutsche Fernsehzuschauer, auch der links-liberale, kämpft um ein bisschen heile Welt. Er mag nicht immer einsehen, dass der sozialkritischen Absicht oder dem schnöden Thrill jedes Traumpaar geopfert werden soll.

Die Folge, als Penner Harry kam

Irgendwann begannen die Augen der Macher und die der Betrachter zu zwinkern: War es in Folge 507, als Pfarrer Matthias Steinbrück unter dem Schlag einer Bratpfanne tot zusammenbrach? Oder schon in Folge 482 vom 26. Februar 1995, als Harry Rowohlt erstmals als Penner mit seinen grummelnden Kommentaren die ironische Metaebene einzog? Rowohlt, preisgekrönter Übersetzer, studiert bei der Jubiläumsfeier in Bocklemünd das Whisky-Angebot und erzählt englische Witze, die zu verstehen schon ein paar Semester Anglistik erfordert. Wie ihm die 1000. Folge gefällt, die da gerade vorab vorgeführt wurde? „Toll“, schwärmt er angesichts des mörderischen Potenzials der Jubiläumssendung, „wir haben uns gefühlt wie beim ‘Tatort’.“ Wenn ein kluger Kopf wie Harry Rowohlt da mitspielt, kann die Serie so blöd nicht sein. Jedenfalls muss sich der Fan, erst recht der mit Adorno im Bücherregal, nicht mehr dafür schämen, einem Produkt der Kulturindustrie auf den Bio-Leim gegangen zu sein. Der Ich-guck-sonst-nur-Arte-Blick ist überflüssig. „Lindenstraße“ darf als Kult gelten. Die Fans treffen sich in Kneipen, prusten, wenn zu Mutter Beimers panisch aufgerissenen Augen die Schlussmelodie anschwillt. Bei der Präsentation der Jubiläumsausgabe lacht „Beimerin“ Marie-Luise Marjan selbst am lautesten, als sie und ihr Ex-Mann zur Feier der Folge in eine besonders dramatische Situation geraten.

Wacker hält Produzent Hans W. Geißendörfer trotzdem daran fest, dass sein TV-Sprössling immer noch dahin schaut, „wo‘s weh tut“. Tatsächlich aber guckt der Zuschauer ins Leben der Hausgemeinschaft, weil es weniger schmerzt als anderswo: Die „Lindenstraßen“-Schauspieler, allesamt ausgebildet, sind besser als jene in den täglichen Seifenopern, sie schüchtern ihre Fans nicht mit Modelmaßen ein, sie altern genauso wie die Getreuen selbst, keiner von ihnen arbeitet in einer hippen Werbeagentur, keiner von ihnen sagt in Interviews den bescheuerten Seifenopernsternchensatz: „Ich habe Angst, auf meine Rolle festgelegt zu werden.“ Dankbarkeit für ein gesichertes Auskommen liegt in den Gesichtern des Ensembles.

Die Serie, die aufmüpfig sein will, gefällt vor allem, weil sie schön berechenbar ist: Else Kling prügelt noch im Krankenbett mit dem verbalen Wischmopp auf Sozen und Ausländer ein, die andern versehen „Tagesschau“-Bilder mit Kommentaren zu Bush, Stoiber und Hartz IV oder sie nehmen gleich ein Straßenkind bei sich auf. Auch wenn kriminelle Schwule, unsympathische Ausländer und nette Heimatvertriebene kein Hausverbot haben: In den Wohnungen der Lindenstraße 3 hängt vor allem politisch-korrekte Konfektionsware, während die Darsteller der ARD-Soap „Verbotene Liebe“ die neuesten Designer-Kollektionen durch den Loft spazieren führen. Jugendstilbildung überlässt der Produzent den anderen.

Keine schlechten Zahlen

Zirka fünf Millionen Menschen wollen die Mini-Dramen jeden Sonntag im Ersten sehen, 18 Prozent Marktanteil hat die Serie bei den 18- bis 49-Jährigen, der Vertrag mit dem WDR läuft bis 2008, also bis einschließlich Folge 1219. Keine schlechten Zahlen für die heutige Fernsehlandschaft, in der sich die ARD-Serie – ganz anders als damals zum Start – größter Programmkonkurrenz ausgesetzt sieht. Doch die Bedeutung der frühen Jahre ist dahin, seit sich das Fernsehen selbst entmachtet hat und der Normalkonsument angebliche Tabubrüche mit einem Schulterzucken quittiert. Wenn Alfred Biolek seinen ungespülten Probierlöffel in den Kochtopf taucht, bringt das mehr Proteste, als wenn ein Homopärchen einen aidskranken Jungen adoptiert.

Wer die „Lindenstraße“ treu guckt, kann so tun, als sei er am Puls der Zeit und darf doch die alte Bundesrepublik weiterlieben. Dass es bisher kaum gelungen ist, die deutsche Einheit aufzunehmen? Dass die nette Claudia Rantzow aus Borna dem militant-bajuwarischen Olaf Kling anheimfiel und vors Auto getrieben wurde? Dass die Wohngemeinschaft aus Dresden nach München übersiedelte? Gut so. Wenn schon die Rot-Grünen nicht das halten, was sich die Kulturschaffenden in den Kohl-Jahren von ihnen versprochen haben, soll wenigstens in der fiktiven bayerischen Landeshauptstadt alles bleiben, wie es ist. Nicht einmal den Nachspann durften die Macher den von der Zuschauerforschung ermittelten modernen Sehgewohnheiten anpassen. Gegen die Vorschau auf die nächste Folge protestierten die Fans. Von der 1000. Folge an wird die Serie nun im 16:9-Format ausgestrahlt – ein gewagtes Experiment.

Nach der Feier zum „Lindennium“ schleppen Journalisten die kiloschweren Jubiläumsbücher ab. Selbstverständlich in Stofftaschen. „Wie war noch mal die Tanja Schildknecht mit dem Ex-Mann von Berta Griese verwandt?“, will einer von der Dame am Empfang wissen. Ach ja, die Tanja. Die hat noch mehr durchmachen müssen als die Gabi: Mutter Selbstmord, Schwester Leukämie, Vater Säufer, Tennisstar hat sie werden sollen, aber bei einer „Begleitagentur“ ist sie gestrandet; irgendwann das Coming-out als Lesbe, doch die Freundin Sonia stirbt an einer Überdosis Morphium, verabreicht durch Tanjas damaligen Gatten Dr. Ludwig Dressler, der wiederum im Rollstuhl sitzt, weil ... Eine lange Geschichte. Der Ex-Mann von Berta Griese? Die nette Empfangsdame muss passen. Die „Lindenstraßen“-Kennerin greift ein. „Der Ex-Mann von Berta ist der Opa von Tanja, der Vater ihrer Mutter Henny.“ Die Süchtige brauchte dafür nicht einmal ins Buch zu schauen. Der Journalist lächelt, die Antwortende auch. 500 Stunden Lebenszeit, investiert in ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, waren doch nicht ganz umsonst.

• Text aus Heft Nr. 4/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.01.2005/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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