Sketch History – Neues von gestern. Comedy-Reihe (ZDF)

Famoses Format

13.11.2015 •

„Lust auf Mord und Intrigen?“ Wenn die Erzähl­stimme von Bastian Pastewka im neuen Format „Sketch History“ eingangs so nett fragt, dann kann die Antwort eigentlich nur lauten: ‘Ja, unbedingt! Bitte mehr davon!’ Denn nichts macht im ZDF derzeit mehr Spaß als diese ganz und gar komische Weiterentwicklung des Guido-Knoppschen Geschichts­fernsehens.

„Sketch History“ (Produktion: HPR Bild und Ton in Zusammenarbeit mit Warner Bros. International) ist Geschi-Unterricht auf lustig. Eine History-­Show mit Zip & Zap, Geschichte wiedererlebbar dank CGI, Reenactment und Zeitzeugen-Gedöns. Comedian Bastian Pastewka, dessen Stimme man hier nur hört, hopst gut gelaunt als eine Art Herodot der Post-Pop-Ära durch die Zeitläufte: von der Steinzeit zu den Tudors, von den Nazis nach Nazareth, von Beethoven zu Kennedy und wieder zurück in die Renaissance, aber nicht ohne einen Schlenker zur sinkenden „Titanic“. Wahnwitzig ist dieser Parforce­ritt durch die Weltgeschichte, völlig verdreht und überzeichnet, dazu verspielt im Umgang mit historischer Authentizität. Wild werden die Fakten kombiniert mit popkultureller Persiflage. Und siehe da, auf einmal, das zeigte die Seherfahrung nach Teil 1 von „Sketch History“ (9. Oktober), macht Geschichte auch jenen Spaß, die zu Schul­zeiten eine Stauballergie entwickelten gegen alles, was vor gestern passiert ist.

Der Einstieg drei Wochen später in die zweite Geschi-Stunde, die tatsächlich nur eine knappe halbe Stunde währt, schreckte allerdings dann doch ein wenig: Maria Stuart, „die ihren knochigen Hühnerarsch gerne auf dem Thron sehen würde“ (Pastewka), steht im Jahr 1587 vor ihrer Enthauptung. Der Henker bittet um Erlaubnis, seinen Praktikanten Cedric an die Axt vorzulassen. Weil der aber das Handwerk („Ziel fixieren, ausholen – und eine Bewegung“) noch nicht beherrscht, wird’s blutig. Sehr blutig. Bis „Frau Stuarts“ Kopf fällt, müssen etliche andere rollen. Es knirscht im Gebein. OMG, Splatter im ZDF!

Freitags abends nach dem „Heute-Journal“ schlägt das Zweite ja gerne über die öffentlich-rechtliche Strenge – mit dieser „heiteren Köpfungssause“ (Pastewka) vielleicht schon ein bisschen zu sehr. Doch bevor man sich arg gruseln kann, wird man schon in die pleistozänische Sommerzeit kata­pultiert und hineingezogen in ein forderndes Gespräch am Lagerfeuer über die „urzeitlichen verhaltenspsychologischen Prädispositionen“ des männlichen Homo sapiens. Alle Intellektualität ist schnell dahin, als ein Steinzeitweib die Szenerie streift. Und die niederen Instinkte, sie sind jetzt auch beim Zuschauer aktiviert: einfach grandios dieser Balztanz in Zeitlupe zu George Michaels „Careless Whisper“.

Kreativer Kopf dieser so tempo- wie effektreichen Geschichtsreise ist Chris Geletneky, der seine scharfe komische Intelligenz schon in den Sat-1-­Comedy-Reihen „Ladykracher“ und „Pastewka“ belegt hat. Die Qualität seiner Bücher setzt sich in „Sketch History“ zum einen fort in der Regie (Tobi Baumann, Erik Haffner) und in der technischen feinen Umsetzung. So gelingt es täuschend echt, ein von Matthias Matschke und Judith Richter gespieltes fränkisches Ehepaar in die „Wochenschau“ vom Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg zu montieren. Eine Wucht ist auch das Schauspieler-Ensemble, aus dem besonders Max Giermann heraus­sticht. Sei es als Caesar oder als erster Geiger der tapferen Bordkapelle, die sich auf der „Titanic“ dem feuchten Ende der Nacht entgegenfiedelt – Giermann verleiht beiden Figuren den Irrsinn eines Klaus Kinski. Ach was, nicht mal Kinski höchstselbst konnte so irre ausrasten und die Zunge über die Unterlippe stoßen. Wer das anders sieht, dem kann man nur kinskigiermannesk zubrüllen: ‘Du Sau, du, ich scheiß’ auf deine blöde Meinung!’

Dass die Inspiration für dieses famose Format im ZDF-Programm sehr wahrscheinlich aus England kam, trübt die Begeisterung nur ein ganz klein wenig. Die BBC entwickelte vor einigen Jahren aus einer erfolgreichen Kinderbuchreihe die gleichnamige TV-Comedy „Horrible Histories“. Der Blick auf die grausamen Kapitel der (vor allem britischen) Geschichte ist so komisch, dass Publikum wie Kritik jenseits des Ärmelkanals mit Enthusiasmus reagierten. Zum Personal der „Horrible Histories“ gehören unter anderen „Rotten Romans“ und „Terrible Tudors“ und Gastgeber ist „Rattus Rattus“, eine sprechende Ratte aus Stoff. Das ZDF wählte mit Pastewka eine erwachsenere Variante.

Nichtsdestotrotz: „Sketch History“ ist das Beste, was dem ZDF in diesem Unterhaltungsjahr passiert ist. Umso rätselhafter, warum es davon bis auf weiteres nur drei Teile gibt, die auch noch in einem merkwürdigen Intervall (mit drei bzw. fünf Wochen Pause dazwischen) im Hauptprogramm gezeigt werden. Zum Drehstart im Juni war senderseits in einer Presseinformation von zehn Folgen in wöchentlicher Ausstrahlung die Rede. Doch dieses Rätsel wird auf auch Anfrage nicht zufriedenstellend vom ZDF gelöst. Es bleibt die Vorfreude auf die dritte Ausgabe am 4. Dezember um 23.00 Uhr.

13.11.2015 – Senta Krasser/MK