Manuel Meimberg/Maurice Hübner: Familie Braun. 8‑teilige Miniserie (ZDF)

Hitlers Deppen

19.02.2016 •

Thomas und Kai (Edin Hasanovic, Vincent Krüger) grölen im Bus „Deutschland, Deutschland über alles“ und zeigen dazu den Hitlergruß, sie randalieren in einer verlassenen Flüchtlingsunterkunft und drehen Internet-Filmchen mit praktischen Anleitungen für den rechtsradikalen Kartoffeldruck. Zwei richtige Nazi-Deppen eben. Eines Tages aber steht Lara (Nomie Lane Tucker) vor der Tür: Sie ist Thomas’ Tochter, die er in einer Nacht, als er völlig betrunken war, gezeugt hat, sie ist 6 Jahre alt und – dunkelhäutig. Laras Mutter, so verteidigt sich Thomas  gegenüber Kai, sei „damals heller“ gewesen. Nun wird die Mutter nach Eritrea abgeschoben, weshalb Lara fortan bei Thomas bleiben soll.

Und da wir uns bei „Familie Braun“ in einer satirisch-komödiantischen Sendung befinden, sind die absurden Situationen damit vorprogrammiert. Denn wie erklärt man einem sechsjährigen, aus Sicht eines Nazi-Vaters eindeutig nicht der „arischen Rasse“ angehörenden Kind Hitler – und erst recht, dass man den auch noch gut findet? Das führt zu teils wunderbaren Dialogen wie etwa folgendem, geführt vor einem überlebensgroßen Porträt des Führers: Lara: „Wer ist das?“ – Thomas: „Der Adolf Hitler.“ – Lara: „Wieso guckt der so traurig?“ – Kai, aggressiv: „Der Führer guckt nicht traurig, klar?!“ – Lara, trotzig: „Wohl!“ – Thomas: „Der guckt nicht traurig, der guckt nachdenklich. Der hat sehr viel nachgedacht früher.“ – Lara: „Worüber?“ – Thomas: „Deutschland.“

Für eine Serie, die aus acht jeweils nur fünf Minuten kurzen Folgen besteht, ist es natürlich wesentlich, einen Sachverhalt kurz und knapp und möglichst auch noch mit daraus geschlagener Pointe auf den Punkt bringen zu können. Und das gelingt dieser als Web-Serie entstandenen Produktion auch ziemlich gut. Entstanden ist sie beim ZDF im – wo auch sonst?! – zur Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ gehörenden Quantum-Labor. Die Produktion ist immer da am stärksten, wo sie die ideologisch verdrehte Weltsicht von Thomas und Kai auf witzige Weise bloßstellt – etwa in der Folge über die homoerotischen Aspekte des Nazi-Kults.

Etwas schwächer fällt „Familie Braun“ auf der mit Lara ebenfalls recht bald Einzug haltenden moralisch-emotionalen Ebene aus. Denn natürlich geht es hier um eine „éducation sentimentale“, weshalb sich bei Thomas schon bald Vatergefühle regen: Als Lara beim Schulfasching gemobbt wird, weil es „keine schwarzen Marienkäfer“ gebe, rächt sich der Papa an dem diskriminierenden Mitschüler – ebenso wie kurz darauf an dem rassistischen Lehrer, der stolz ist auf den niedrigen Migrationsanteil in seiner Klasse. Dass die komödiantische Serie auf ein versöhnliches Ende zuläuft, kann man ihr kaum vorwerfen. Wohl aber, dass der Umerziehungseffekt bei Thomas etwas zu schnell fruchtet – das macht es einfach schwer, ihn sich als einen bis dahin noch völlig überzeugten Rechten vorzustellen. Und es nimmt der Serie dann auch manches von ihrem Biss.

Nichtsdestotrotz ist „Familie Braun“ (Regie: Maurice Hübner, Produktion: Polyphon) ein höchst erfreuliches Experiment, an dem auch der YouTuber-Verein 301+ beteiligt war. Zahlreiche Internet-Stars wie LeFloid (Florian Mundt) oder Frodoapparat (Max Krüger) haben kleine Auftritte und die Musikerin Marie Meimberg, Vorsitzende des Vereins 301+ und Ehefrau von Drehbuchautor Manuel Meimberg, steuerte zusammen mit Marti Fischer Teile des Soundtracks bei. Fans der Web-Promis werden daran ihre zusätzliche Freude haben, aber „Familie Braun“ funktioniert auch für eher YouTube-ferne Zuschauer. Das liegt vor allem an den ebenso witzig wie lebensnah geschriebenen Dialogen, am generell überzeugend jungen (aber niemals anbiedernden) Tonfall, an den liebevollen Ausstattungsdetails etwa in der Wohnung von Thomas und Kai und, last but not least, an den durchweg überzeugenden drei Hauptdarstellern Edin Hasanovic, Vincent Krüger und Nomie Lana Tucker. Vor allem Hasanovic sollte man nach seinen Auftritten im 2015 erstausgestrahlten Lars-Becker-Film „Zum Sterben zu früh“ wie auch in dieser Miniserie im Auge behalten. Dass der in Bosnien-Herzegowina geborene Schauspieler in „Familie Braun“ einen deutschen Nazi geben darf, ist natürlich auch noch ein schöner Scherz am Rande.

Es handelt sich bei dem Ganzen, wie erwähnt, im Prinzip um eine Web-Serie. Sie ist denn auch via Internet in der ZDF-Mediathek zeitunabhängig zum Anschauen abrufbar. Im ZDF-Hauptprogramm wird kaum jemand ernsthaft nach dieser Serie suchen, dafür sind die gemeinen Sendezeiten für die Doppelfolgen-Ausstrahlung an vier Freitagsspätterminen im Hauptprogramm schon abschreckend genug. Immerhin hat man beim wachen Sender auch die Idee gehabt, am 15. Februar ab 0.15 Uhr für alle Schlaflosen, die in dieser Montagnacht das ZDF eingeschaltet hatten, die acht Folgen der Serie hintereinander auszustrahlen. Für die, die nicht so gerne gegen Mitternacht fernsehen, sei auf den 19. Februar (Freitag) verwiesen: Dann sind zur Primetime ab 20.15 Uhr alle Folgen en suite bei einem Spartensender zu sehen, den die meisten schon gar nicht mehr auf dem Schirm haben werden, bei ZDFkultur, das sich seit geraumer Zeit in Abwicklung befindet und Ende September eingestellt wird. Fest steht jedenfalls: Alle Serien-Folgen an einem Stück anzuschauen, macht am meisten Spaß.

19.02.2016 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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