Die versteckte Kamera 2016 – Prominent reingelegt! Show mit Steven Gätjen (ZDF)

Prominent gescheitert

19.02.2016 •

Wenn es eine Redaktion schafft, Til Schweiger, diesen notorischen, allgegenwärtigen Rundhalspulli-Chinohosen-Träger, in schwarzen Anzug und Krawatte zu stecken, dann kann sie sich ruhig etwas darauf einbilden. ‘It’s Showtime’, rief das ZDF, und Schweiger, derzeit auf PR-Tour für seinen Kino-„Tatort“ („Off Duty“), machte Samstagabend zur Premiere von „Versteckte Kamera 2016 – Prominent reingelegt“ bereitwillig mit, um in angemessener Garderobe den neuen Starmoderator des Senders zu begrüßen. Auf Schweigers Kommando „Hau rein, du bist mein Held!“ legte Steven Gätjen also los und vollführte zu Bonnie Tylers „I need a Hero“ einen atemlosen Tanz, dass es schepperte: Wow, der Mann kann Selbstironie! Die Freude auf weitere Wow-Momente nach diesem lustigen Clip zu Show-Beginn verpuffte allerdings schnell.

Bevor es zum weiteren Verlauf der Sendung geht, sei zunächst noch einmal dieser „Held“, den das ZDF mit so viel Bohei freundlich empfängt und bereits seit Wochen aufwendig antrailert, genauer erklärt. Steven Gätjen, der fürs ZDF neben der „Versteckten Kamera“ auch die Live-Show „I can do that!“ (erstmals am 25. Februar 2016) moderieren wird, ist vom Privatfernsehen übergelaufen. Dort heimste der Mittvierziger Lorbeeren ein, nicht nur weil er alle Stefan-Raab-Shows so stolperfrei wie akzentelos moderierte. Für Pro Sieben war der Deutsche mit amerikanischem Pass vor allem auch „unser Mann in Hollywood“, der bei den Oscar-Verleihungen zuverlässig die internationalen Stars ans deutsche Mikrofon holte. In diesem Jahr wird in der Nacht zum 29. Februar nun für Pro Sieben statt seiner auf dem roten Teppich vor dem Dolby Theatre Annemarie Carpendale stehen. Und da drängt sich die Frage auf: War die „Versteckte Kamera 2016“ für den Laufsteg-Experten Gätjen womöglich als Kompensation für entgehende Oscar-Freuden gedacht?

Hollywood lag am Samstagabend des 13. Februar jedenfalls unübersehbar am Rhein. Die Set-Designer hatten für die ZDF-Show „Versteckte Kamera 2016“ das neoklassizistische Theater Duisburg ganz auf Dolby Theatre getrimmt, mit viel Schwarz und Glanz und Gold. Schick sah es aus. Ebenso elegant im Einheitsschwarz und imposant in ihrer Fülle die prominente Gästeschar: von Uwe Ochsenknecht, Andrea Sawatzki und Christian Berkel über Michelle Hunziker und Uri Geller bis Ralf Möller, Thomas Anders, Tom Beck und The Boss Hoss. Selbst der Siegerpokal, dem US-Goldjungen ähnlich, fehlte nicht.

Gekürt werden sollte in Duisburg nach Art einer Castingshow die witzigste Verlade vor versteckter Kamera. Stimmberechtigt: allein das Publikum. Trotzdem musste eine „Hammerjury“ (Gätjen) aus Carolin Kebekus (zuständig für die Expertise des Comedy-Faktors), Heiner Lauterbach (schauspielerische Leistung) und Präsident Schweiger (das Gesamtpaket) dazwischenfunken. Aber was soll man anfangen mit Lobhudelei am laufenden Band wie „Hat mir Spaß gemacht“ oder „War super“? Das bisschen Ätze (Kebekus: „Sehr schön, aber auch sehr asi“) ging unter. Das Jury-Trio: überflüssig wie ein Kropf.

Zumindest im abschließenden Urteil waren sich Juroren und Anrufer einig: Die „kurzen Erschrecker“ von Nelson Müller stachen aus dem ansonsten mäßig lustigen Filmangebot heraus: Mal sprang der ZDF-Koch selbst auf dem Büroflur als Tyrannosaurus Rex herum, mal ließ er einen Hund im Vogelspinnenkostüm durch die Tiefgarage flitzen. Auch erschreckend gut, nur auf andere Art: wie Uwe Ochsenknecht als Schlager-Kopie Andreas Thomasz aus Zwickau mit Föhnwelle dem wellengeföhnten Ex-Modern-Talking-Head Thomas Anders die Silvestershow stahl, auf dass der schnaubte: „Also, die Redaktionen werden immer bescheuerter.“

Das ist natürlich pauschal so nicht korrekt. Richtig ist, dass sich Redaktionen im TV-Unterhaltungsbereich zwar aufreiben, Originale zu schaffen, aber die Schaffenskraft meist nur zur Kopie reicht. Bestes Beispiel: die Formatidee „Versteckte Kamera“ bzw. „Candid Camera“. Das Original stammt aus dem Präkambrium des Fernsehens, dem in den 1980er Jahren mit ihrer ARD-Show „Verstehen Sie Spaß?“ Paola und Kurt Felix hierzulande neue Impulse gaben (und das Guido Cantz derzeit einigermaßen in Schwung hält). Auf „Verstehen Sie Spaß?“ im Ersten antwortete das ZDF in den Neunzigern mit „Voll erwischt“ und Fritz Egner bzw. mit „Die Versteckte Kamera“ und Thomas Ohrner. Sat 1 hatte „Darüber lacht die Welt“ im Programm und „Vorsicht Kamera“, Pro Sieben probierte es zuletzt mit „Prankenstein“ (vgl. MK-Kritik).

Und das Format-Comeback im ZDF? Der öffentlich-rechtliche Sender bzw. die Firma Constan­tin Entertainment mit Produzent Otto Steiner, einem ausgewiesenen Formatexperten („Darüber lacht die Welt“), präsentieren trotz Hollywood-Klimbim doch nur wieder einen alten Hut. Statt ihn konsequent mit verblüffenden, wahnwitzigen oder ironischen Federn aufzuhübschen, greifen sie in die Mottenkiste der Unterhaltung von anno pief, wozu inzwischen ja auch das Castingshow-Gedöns gehört und das Fernsehballett sowieso. Wobei, selbst Freunde dieses Relikts auf schlanken Beinen kamen in der Gätjen-Show nicht auf ihre Kosten. Dafür waren die Tänzerinnen zu selten im Bild.

Einen Ausreißer aus dem Vintage-Ambiente – oder soll man es besser Anbiederung an die vom ZDF so sehr ersehnte Generation Y nennen? – gab es dann doch: Gätjen twitterte, hoho, ein gestelltes Foto, auf dem der Schauspieler Florian David Fitz dem Schauspieler Matthias Schweighöfer augenscheinlich eine langt, quasi „aus Rache“ für die vorangegangene Pein während einer fingierten Taxifahrt mit gebärender Mitfahrerin. 3000 prompte Retweets dieses Fotos veranlassten den Moderator zu witzeln: „Wir haben mindestens 20 Zuschauer dazu gewonnen.“ Machte insgesamt in der Quotenabrechnung für die „Versteckte Kamera 2016“ nur 3,65 Mio (Marktanteil: 12,0 Prozent). Eine recht überschaubare Zahl für eine Samstagabendshow. Dieses Fernsehen von vorgestern ist wohl schon jetzt gescheitert. Da ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Steven Gätjen bald wieder von den Oscars berichtet, als dass es eine Ausgabe „Die versteckte Kamera 2017“ gibt.

19.02.2016 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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