100, 30, Verjüngung

Fernsehfilm‑Festival Baden‑Baden 2018: Hauptpreis geht an die WDR‑Produktion „Fremder Feind“

Von Steffen Grimberg
20.12.2018 •

20.12.2018 •Wie nähert man sich dem Fernsehfilm in einem Jahr, in dem Hans Abich 100 geworden wäre? Noch dazu, wenn man selbst ebenfalls ein Jubiläum, den 30. Durchgang nämlich, zu feiern hat? Vor dieser nicht ganz trivialen Aufgabe stand das diesjährige Fernsehfilm-Festival Baden-Baden (26. bis 30. November), bei dem es zuletzt ja leicht, aber vernehmlich knarzte. Denn im vergangenen Jahr hatte die Studenten-Jury keinen Peis vergeben (vgl. MK-Meldung). Und es war nicht nur die parallel zur ‘großen’ Jury tagende Filmnachwuchstruppe aus Babelsberg (Filmuniversität „Konrad Wolff“), von der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) und der Filmakademie Ludwigsburg, die meinte, zu seicht, oberflächlich und uninspiriert sei das, was da 2017 in Baden-Baden nominiert gewesen war. Auch Bettina Reitz, die Präsidentin der HFF und Vorsitzende der Hauptjury, hatte der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, die das Baden-Badener Festival seit 1989 ausrichtet, Wünsche mit auf den Weg gegeben.

Hinter alldem verbirgt sich Engagement für den Fernsehfilm und das hätte dem 2003 verstorbenen Abich sicherlich gefallen, dem zu Ehren seit 1994 auch der Hans-Abich-Preis in Baden-Baden vergeben wird (für besondere Verdienste um den Fernsehfilm). Dass die studentische Jury vor Jahresfrist nicht ganz falsch lag, zeigten die Reaktionen: Das Auswahlreglement wurde geändert, die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste setzte erstmals eine Vorauswahlkommission ein. Und die Hauptjury, die ‘große’ Jury des Festivals, wurde deutlich verjüngt – und weiblicher. Neben Bettina Reitz saßen da also Oliver Kienle, Headautor der ZDF-Serie „Bad Banks“, die Regisseurin Julia von Heinz („Katharina Luther“, ARD) und „FAZ“-Literaturkritikerin Sandra Kegel. Ursprünglich sollte die Schauspielerin Senta Berger noch in der Jury dabei sein, doch weil sie kurzfristig terminlich verhindert war, sprang der Schauspieler und Regisseur Michael Verhoeven ein, Senta Bergers Ehemann.

Bettina Reitz letztmals Jury‑Vorsitzende

Für Bettina Reitz war es diesmal nach 2016 und 2017 der letzte Durchgang beim Jury-Vorsitz. Die vorsitzende Person wird stets für drei Jahre von der Akademie berufen und kann die weitere Zusammensetzung der Jury völlig frei vornehmen. Der Jury-Arbeit hat die Verjüngung – vor allem im Vergleich mit dem stellenweise doch recht zähen 2017er-Festival – gut getan. Durch Julia von Heinz, Sandra Kegel und Oliver Kienle wehte ein frischer, aber immer selbstkritischer Blick auf dem Podium. Das sorgte nicht immer nur für Zustimmung: Regisseur Friedemann Fromm wirkte nach einer deutlichen Kritik an seinem Film „Die Freibadclique“ (ARD/SWR/MDR/NDR/SR/Degeto; vgl. MK-Kritik) nach dem Buch von Oliver Storz eher angefasst, musste er sich doch „zu viel Kitsch“ vorwerfen und von Altmeister Verhoeven belehren lassen, es sei nun mal „etwas ganz anderes, ob man etwas aufschreibt, weil man es erlebt hat oder weil man sich etwas ausdenkt“.

Ebenfalls positiv machte sich in diesem Jahr bemerkbar, dass wie immer nicht nur die Hauptjury öffentlich vor Publikum tagte, sondern auch die Studenten nun ihre spontanen Eindrücke gleich im Saal des Baden-Badener Kurhauses und nicht nur in separater Runde unter sich zu Protokoll gaben. Wie immer waren auch (Ko-)Produktionen aus Österreich und der Schweiz im Hauptwettbewerb mit am Start, allerdings fehlten in diesem Jahr die privaten Fernsehsender völlig. Während RTL – auch bedingt durch das hausinterne Primat der wiedererstarkten Serie über den 90-minütigen Fernsehfilm – schon seit längerem nicht mehr beim Festival dabei ist, hatte bisher Pro Sieben Sat 1 Baden-Baden die Treue gehalten.

Den TV-Preis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergab die Jury in diesem Jahr an den auf dem Roman „Krieg“ von Jochen Rausch beruhenden Film „Fremder Feind“ (ARD/WDR; vgl. MK-Kritik) von Rick Ostermann (Regie) und Hannah Hollinger (Buch). Der Film mit einem grandiosen Spiel von Barbara Auer und Ulrich Matthes schildert eine bis an die existenziellen Grenzen gehende Trauerarbeit um einen Sohn, der bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr ums Leben kam, und der die Zuschauer „bei aller visuellen Größe zu einer emotionalen Reise“ mitnehme, wie die Jury in ihrer Begründung schrieb. Mit außerdem zwei Sonderpreisen und einer lobenden Erwähnung schöpfte die Jury ihr Potenzial in diesem Jahr voll aus. Einer der Sonderpreise ging an Dani Levy für die Regie bei der in einem Take gedrehten Luzerner „Tatort“-Folge „Die Musik stirbt zuletzt“ (SRF, vgl. MK-Kritik). Levy schrieb zusammen mit Stefan Brunner und Lorenz Langenegger auch das Buch zu dem Film.

Der andere Sonderpreis wurde für schauspielerische Leistung vergeben. Freuen über diese Auszeichnung konnten sich berechtigterweise Elisa Schlott und Hassan Akkouch, die den Preis für ihre Darstellung eines höchst unterschiedlichen jungen Paares in dem Film „Fremde Tochter“ (SWR) erhielten. Den „kontrastierenden Parcours der Liebe“ zwischen der 17-jährige Lena und dem zwei Jahre älteren Farid machten die beiden Darsteller „durch alle Distanzen und Fallstricke der hinderlichen Kulturen zu einem intensiven Erlebnis und staunenswerten Kraftakt“, befand die Jury. „Fremde Tochter“ (Regie: Stephan Lacant) wurde Ende November 2017 im SWR Fernsehen im Rahmen der Reihe „Debüt im Dritten“ ausgestrahlt. Die lobende Erwähnung gab es von der Jury für den Film „Unterwerfung“ (ARD/RBB, Buch und Regie: Titus Selge) nach dem Roman von Michel Houellebecq und dem Theaterstück von Karin Beier mit Edgar Selge in der Hauptrolle.

Der Respekt vor dem Zuschauer

Der 3sat-Zuschauerpreis – alle Wettbewerbsfilme werden zugleich auch im Programm von 3sat gezeigt – ging an den Film „Erich Kästner und der kleine Dienstag“ (ARD/WDR/ORF/Degeto) von Wolfgang Murnberger (Regie) und Dorothee Schön (Buch). Den in diesem Jahr von Regisseur Hans Steinbichler vergebenen Nachwuchspreis „MFG-Star“ erhielt der Regisseur und Autor Felix Hassenfratz für seinen Film „Verlorene“ (SWR/WDR). Der nur alle zwei Jahre vergebene Rolf-Hans-Müller-Preis für Filmmusik ging an Richard Ruzicka für die Musik zur „Polizeiruf-110“-Folge „Nachtdienst“ (ARD/BR).

Womit am Ende wieder die Studentenjury ins Spiel kommt: Dass diese auch 2018 keinen ‘richtigen’ Peis für einen ‘ganzen’ Film vergab, sondern explizit Pia Hierzeggers Drehbuch zur Familiensatire „Die Notlüge“ (ORF/SWR) auszeichnete, hätte Hans Abich sicher wieder gut gefallen. Und vielleicht hätte auch ihn bei einigen Jury-Diskussionen ein mulmiges Gefühl beschlichen, weil man nicht ganz den Eindruck loswurde, dass die Jüngeren ihre mutigen, kritischen Sätze nach einem Blick über die im Saal versammelten Senderredaktionen wieder einen kleines bisschen zu entschärfen versuchten. Von „durchgegängelten Programmentscheidungen“ sprach die Drehbuchautorin Dorothee Schön („Erich Kästner und der kleine Dienstag“, „Charité“/ARD) in einer Rede auf Abich zu dessen 100. Geburtstag. Eine zweite hielt der ehemalige Grimme-Institutsdirektor Uwe Kammann auf den „Voltaire der ARD“, diese Mischung aus „Spielernatur und Chefdenker mit eigentümlichen Zauber“.

Mit dem nach Hans Abich benannten Preis wurde Claudia Tronnier geehrt, die Leiterin der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“. „Montagabend im Spätprogramm des ZDF [dem Sendeplatz des ‘Kleinen Fernsehspiels’] bekommt das normale Fernsehen ein kräftiges Gegenüber. Ein sinnliches, politisches Gegenüber, eine Art Seitensprung, was bestehende Verhältnisse neu beleuchtet“, hieß es dazu in der Laudatio von Liane Jessen (Leiterin Fernsehspiel beim Hessischen Rundfunk), die krankheitsbedingt nicht persönlich anwesend sein konnte. Sie ließ auch noch einen Satz Abichs verlesen, den die Baden-Badener Festivalleiterin Cathrin Ehrlich wohl nur zu gerne vortrug: „Der Respekt vor dem Zuschauer gebietet es, die Latte ab und zu höher zu legen.“

20.12.2018/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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