Christian Schnalke/Julia von Heinz: Katharina Luther (ARD/MDR/BR/SWR) / Gabriele Rose: Luther und die Frauen (ARD/MDR)

Frauenpower

23.02.2017 •

Es gibt viele Möglichkeiten, sich dem Reformator Martin Luther medial zu nähern. Immerhin war er jemand, der die Möglichkeiten der damalig modernsten Medien, nämlich der Druckschriften, auszureizen verstand. Und die Fülle der Buchpublikationen anlässlich der 500. Wiederkehr seines Thesenanschlags in Wittenberg (31. Oktober 1517) belegt diese Annäherung eindrücklich.

Im Fernsehangebot hatte Arte Ende Oktober vorigen Jahres mit der Produktion „Der Luther-Code“ in einer sechsteiligen Reihe einen ambitionierten Zugang zur Thematik geliefert (vgl. MK-Artikel). Im Rahmen des 3sat-Magazins „Kulturzeit“ gab es in den Ausgaben vom 9. bis zum 12. Januar 2017 eine vierteilige Minireihe unter dem Titel „Auf den Spuren Luthers“. Hier nahmen die beiden Autoren Lotar Schüler und Stefan Gagstetter in jeweils sechsminütigen Beiträgen Martin Luther und seine Nachwirkungen nachdenklich und spöttisch, provozierend und ironisch unter die Lupe. Taufe und Reliquien, seine Romreise und die Reformation unter Zwingli in der Schweiz waren die Themen, an denen sich schon Luther rieb, und deren Spuren auch heute noch zu verfolgen sind. Bis hin zu der Frage, ob der Reformator, der die Heiligenverehrung ablehnte, vielleicht im Lauf der Geschichte nicht selbst zu einem „protestantischen Heiligen“ stilisiert worden sei – wonach es erst recht gerade jetzt im Jahr des 500er-Jubiläums seines Thesenanschlags angesichts der mannigfachen Feiern und Gedenkveranstaltungen ein wenig aussieht. Es waren facettenreiche, feuilletonistische Miniaturen, die da in der 3sat-Kulturzeit zusammengestellt worden waren.

Und nun also ein großer Themenabend zu Martin Luthers Ehefrau Katharina (1499 bis 1552), mit Spielfilm und Dokumentation im Ersten. Regisseurin des mit einem Budget von 6 Mio Euro entstandenen Spielfilms „Katharina Luther“ war Julia von Heinz, Daniela Knapp war die Kamerafrau. Die Dokumentation „Luther und die Frauen“ stammte von Gabriele Rose. Für diesen Abend schien das ARD-Motto also zu lauten: Frauenpower zum Reformationsjubiläum.

Julia von Heinz standen für ihren Spielfilm zwar 15 Minuten mehr als die üblichen 90 Minuten zur Verfügung – dem Themenabend sei Dank –, doch für ein solch pralles Leben wie das der Katharina von Bora (eindrucksvoll: Karoline Schuch) war dies dennoch eine unzureichende Zeitspanne. Die Regisseurin und ihr Drehbuchautor Christian Schnalke behalfen sich mit Zeitsprüngen und der Konzentration auf einzelne Aspekte im Wirken Katharinas, vor allem als Geschäftsfrau. Zudem verzichtete das Drehbuch weitgehend auf die Ereignisse um die Person Martin Luthers (gewohnt souverän: Devid Striesow), wie etwa Reichstage in Speyer oder in Augsburg oder den Schmalkaldischen Bund. Eher nebenbei kamen die Bauernkriege oder die Einstellung des Reformators gegenüber den Juden vor. Die Juden macht er in den dramatischen Szenen um den Tod seiner Tochter Magdalena für deren unzureichende medizinische Versorgung verantwortlich.

Kamerafrau Daniela Knapp gelangen Bilder von großer Intensität, weil sie oft gleichsam in Augenhöhe den Zuschauern die gleiche Perspektive gab wie den Protagonisten. Zudem arbeitete sie stark mit Großaufnahmen von Gesichtern und Händen beispielsweise, eher selten waren ‘Übersichtsaufnahmen’. Das Barfußlaufen auf Blumenwiesen, das Freilassen eines kleinen Vogels – solche Szenen wurden so umgesetzt, dass sie nicht kitschig wirkten, auch wenn der Symbolgehalt offensichtlich war. Und der Rhythmus von Aktion und Reflexion taten dem Film gut.

Naheliegend die Konzentration auf Persönlichkeit und Charakter Katharinas, der unbestrittenen Hauptperson, die sich nicht allein über ihren Ehemann definieren will: Der Film (Produktion: Eikon zusammen mit Cross Media, Tellux und Conradfim) beginnt mit dem Eintritt Katharinas in das Kloster Marienthron in Nimbschen im Alter von fünf Jahren – filmisch eindrucksvoll gelöst durch das leichte Hüpfspiel des Mädchens im Kontrast zu der anschließenden düsteren Strenge innerhalb der Klostermauern. Als dort Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ konspirativ unter den jungen Schwestern kursiert, reift ein Plan zur Flucht aus dem Kloster. Sie gelingt, wobei Julia von Heinz darauf verzichtet, die Legende filmisch zu nutzen, dass die zwölf Frauen in Heringsfässern versteckt nach Wittenberg kamen. Dort werden die Frauen wie auf dem Pferdemarkt zur Heirat angeboten („Lasst mich eure Zähne sehen!“).

Katharina versucht sich nützlich zu machen, ohne zunächst an Heirat zu denken. Auch Luther macht im Film nicht den Eindruck, eine Frau zu suchen; er dient der Wissenschaft und es geht ihm um das Vorantreiben seiner reformatorischen Gedanken. Doch der Film klammert diese theologische und politische Entwicklung letztlich aus, konzentriert sich auf die beiden Persönlichkeiten, die zunächst umeinander kreisen. Dass Katharina anders ist als andere Frauen zu ihrer Zeit, zeigt sich darin, dass sie aktiv den Mann umwirbt, der sie – durchaus zögerlich – schließlich heiratet. Der Skandal ist perfekt: entlaufene Nonne heiratet ehemaligen Mönch.

Geschickt bringt Katharina Ordnung in das Leben des Theologie-Professors, ist wirtschaftlich erfolgreich und wird für Martin Luther eine ernst genommene Gemahlin. Allen Anfeindungen durch die Wittenberger Bevölkerung widersteht sie. Sie bietet Studenten eine Wohnung, kauft Land, um die Gäste und die wachsende Familie ernähren zu können, verhandelt mit Druckern über das Autorenhonorar, begleitet und unterstützt von ihrer mütterlichen Freundin Barbara Cranach (Claudia Messner). Dass sie für Luther, der sie respektvoll „mein Herr Käthe“ nennt, auch eine wichtige Gesprächspartnerin jenseits von Erziehungs- und Haushaltsfragen ist, kommt im Übrigen ein wenig zu kurz. Der Film zeigt fast ausschließlich – getreu seinem Titel – das Porträt einer Frau, vor allem einer starken Geschäftsfrau. Und er zeigt, was die Bibel vorgibt: Seid fruchtbar und mehret euch!

Die den ARD-Themenabend abrundende, direkt an den Spielfilm anschließende Dokumentation von Gabriele Rose zeigt schlüssig auf, wo und wie Luther den Frauen „eine Tür öffnete“, vor allem um die Klöster zu verlassen. Dabei waren diese Konvente vorzügliche Ausbildungsstätten für junge Frauen, sie lernten dort Schreiben, Rechnen und Lesen, aber auch Hauswirtschaft. Was Luther missfiel, waren die in den Klöstern geforderten Gelübde zu Gehorsam, Armut und Keuschheit, für die er keine Entsprechung in der Bibel fand. Insofern erklärte er das Klosterleben als zumindest gottesfern, während die Erfüllung der Frau in der Familie mit der Erziehung der Kinder und des Führens des Haushalts zu sehen sei. Nicht die einzige Widersprüchlichkeit in den vielen Schriften des Reformators.

Denn andererseits propagierte er die Gleichstellung von Mann und Frau und förderte beispielsweise in Grimma die Gründung der ersten Schule, die ausschließlich Mädchen vorbehalten war, wie es die Dokumentation schildert. Er schloss auch nicht aus, dass eine Frau predigen könne und dies auch dürfe – sofern es keinen geeigneten Mann gebe. Erst rund 500 Jahre später wurde es möglich, dass Frauen in protestantischen Gemeinden auch ganz offiziell das Predigtamt und damit die Gemeindeleitung übernehmen konnten. Und wenn Luther an einer Stelle davon spricht, dass der Mann „die Sonne“ sei, die Frau aber „der Mond, der auf die Sonne angewiesen sei, weil die ihn bescheine“, dann zeigt auch dies, wie sehr auch Luther bei aller Fortschrittlichkeit doch vor allem ein Kind seiner Zeit war.

Welcher Druck auf Frauen in katholischen Klöstern ausgeübt wurde, wenn der Landesherr oder Magistrat der Reformation folgte, machte in der Dokumentation das Beispiel der Caritas Pirckheimer in Nürnberg deutlich. Sie wollte mit ihren Mitschwestern weiter im katholischen Glauben leben und leistete hartnäckig Widerstand. Der Rat der Stadt verbot, neue Nonnen aufzunehmen, um so das Kloster ‘auszutrocknen’. Tatsächlich wurde es erst geschlossen, als die letzte verbliebene Klarissin gestorben war. Pirckheimer war eine Verfechterin der Religions- und Gewissensfreiheit und wehrte sich gegen die Zwangseinführung der Reformation in ihrem Kloster, wobei sie dabei sogar die Unterstützung von Philipp Melanchthon erhielt, einem treuen Gefolgsmann Luthers.

Gabriele Roses halbstündige Dokumentation krankte daran, dass sie viele Spielszenen aus der vorangegangenen fiktionalen Produktion als Beleg und Illustration für ihre Aussagen zum Verhältnis von Luther zur Rolle der Frau in seiner Zeit einsetzte. Diese Methode ist eine veritable Unsitte, die immer mehr Platz greift, und nicht verwunderlich wäre es, wenn irgendwann Devid Striesow in einer Talkshow zu den Auswirkungen der Reformation als Gast geladen würde, weil er ja Luther gespielt hat. Oder Maximilian Brückner, der diese Rolle für eine ZDF-Produktion übernommen hat.

Übrigens: Für das ZDF bildet der Dreiteiler „Der große Anfang – 500 Jahre Reformation“ das dokumentarische Kernstück des Lutherjahres 2017; er wird an Ostern im Programm zu sehen sein. Der Wissenschaftler, Philosoph und Journalist Harald Lesch führt durch die Sendereihe und ordnet das Ereignis umfassend ein. Das fiktionale Highlight des ZDF zum Reformationsjubiläum ist ein zweiteiliger Spielfilm, der unter dem Arbeitstitel „Himmel und Hölle“ von der Ufa Fiction produziert wird und die bewegenden Anfänge der Reformation erzählt. Es ist der Film mit Maximilian Brückner als Martin Luther.

(Den Spielfilm „Katharina Luther“ sahen 7,28 Mio Zuschauer, der Marktanteil lag bei 22,4 Prozent. Die Dokumentation „Luther und die Frauen“ kam auf 5,21 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 19,4 Prozent.)

23.02.2017 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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