Hannah Hollinger/Rick Ostermann: Fremder Feind (ARD/WDR)

Ein Pazifist führt Krieg

09.03.2018 •

09.03.2018 • Es ist nicht nur das Thema, um das es in dem Film „Fremder Feind“ geht, sondern vor allem auch die Erzählstruktur, die aufmerken lässt. So findet der Krieg, in den Chris, der Sohn der Familie Stein, als Bundeswehr-Soldat zieht und bei dem er ums Leben kommt, zwar in Afghanistan statt, doch er führt auch zu Hause in Berlin die Familie in ein Verhängnis, an dem sie zerbricht. Wie es dazu kam, erfährt man erst nach und nach durch Rückblenden. Als eigentlicher ‘Kriegsschauplatz‘ des Films entpuppt sich jedoch die winterliche Tiroler Bergwelt und sein unbestrittener Hauptdarsteller ist der Vater von Chris, Arnold Stein, beeindruckend verkörpert durch Ulrich Matthes. Der Lehrer ist nach dem Tod von Sohn und Ehefrau aus der sommerlichen Stadt in eine Berghütte geflüchtet, die hoch in den Alpen liegt. Als er sich hier durch einen unbekannten Fremden bedroht fühlt, greift er, der sich bis dahin immer explizit als Pazifist verstanden hat, zu Mitteln der Gewalt.

Die Bergwelt bildet die Gegenwartsebene der Filmhandlung. Das für die Thematik des Films eigentlich zentrale Geschehen um Sohn Chris und die Folgen seines Todes für die Familie, das Arnold aus Berlin in die Berge geführt hat, wird parallel dazu in den Rückblenden erzählt. So thematisiert der Film bewusst diese Gegensätze von Stadt und Land sowie von Frühjahr/Sommer und Winter, in denen sich auch der mentale Gegensatz von Gewaltlosigkeit und Gewalt spiegelt. Dabei ist es offensichtlich, dass das Geschehen in den beiden einander gegenüberstehenden Welten eng aufeinander bezogen ist: durch scheinbar sich wiederholende Vorgänge, die aber doch oft einen anderen Verlauf nehmen. Diese Struktur ist entscheidend für den Charakter dieses anspruchsvollen, sehenswerten Films, denn so wird aus ihm trotz des aufwühlenden Themas kein Melodram, sondern ein Film, der die Ereignisse aus einer gewissen epischen Distanz schildert, ohne dadurch an Spannung zu verlieren.

Die Auseinandersetzung in den Bergen mit dem „fremden Feind“ beginnt gleich in der ersten Szene, in der Arnold Stein erstmals die Berghütte betritt und sie verwüstet vorfindet. Gleich darauf blendet der Film zurück auf die um Monate zurückliegende Szene, in der Sohn Chris der Familie am Kaffeetisch erzählt, dass er Soldat werden will. Nach dieser Rückblende knüpft der Film wieder an die Bergszene an: Arnold fährt aufgrund des Einbruchs in seiner Hütte hinunter ins Dorf zur Polizeistation, entscheidet sich dort aber im letzten Moment, doch keine Anzeige zu erstatten, sondern die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Der wiederholte Wechsel zwischen den Szenen in den Bergen und den Rückblenden findet in einem engen Takt statt, der eine Gleichgewichtigkeit beider Erzählstränge suggeriert.

Vom Filmischen her gesehen dominieren allerdings die Bergszenen. So ist es bezeichnend, dass der Tod des Sohnes zum ersten Mal in einer solchen Bergszene zur Sprache kommt, als Arnold dort von der ehemaligen Freundin von Chris besucht wird. Dann erst wird in einer Rückblende der Augenblick gezeigt, in dem der Familie in Berlin die Todesnachricht überbracht worden ist.

Die Filmszenen aus Tirol (die im Januar 2017 gedreht wurden) sind zweifellos die ästhetisch eindrucksvolleren. Die Landschaft scheint über den Menschen zu dominieren, wohingegen sein Aktionsspektrum eher beschränkt wirkt. Trotz wetterbedingter schwieriger Dreharbeiten (große Kälte und Tiefschnee) zeigt sich gerade hier das besondere Profil von Regisseur Rick Ostermann, der vor einigen Jahren sehr erfolgreich mit dem Film „Wolfskinder“ (2013) debütierte. Bei den in Berlin im April 2017 gedrehten Sequenzen von „Fremder Feind“ scheinen sich hingegen die Bilder eher funktional dem Handlungsverlauf unterzuordnen.

In den Bergen wirkt Arnold Stein wie ein Getriebener, der auch aus Überforderung handelt. Ulrich Matthes ist diese Rolle wie auf den Leib geschrieben. Er ist ein Sympathieträger, obgleich er meistens sehr ernst in die Kamera blickt und vor allem in den Bergszenen viel untergründige Wut spüren lässt. Er ist kein Action-Held, sondern seine Aktionen wirken langsam und bedächtig. Umso größer ist dann das Entsetzen über die Mittel, zu denen er greift: Auf Gewalt reagiert er mit Gegengewalt. Nachdem sein Hund, der ihm offenbar die Familie ersetzt, angeschossen wird, macht er den Verursacher ausfindig und zündet dessen Unterkunft an. Arnold Stein entpuppt sich nun sozusagen als Wolf im Schafspelz. Nachdem er allerdings den „fremden Feind“ besiegt hat, lässt er ihn doch am Leben und sorgt sich sogar um dessen Überleben. Sein Domizil in den Bergen gibt Arnold schließlich auf und er lässt beim Verlassen der Hütte den Schlüssel zum Schloss von außen stecken. So endet dieser Film dennoch in gleichsam friedlicher Stimmung.

Der vom WDR beauftragte ARD-Fernsehfilm „Fremder Feind“ (Produktion: Schiwago Film) hatte bereits auf den 74. Internationalen Filmfestspielen von Venedig im Jahr 2017 seine Premiere, allerdings unter dem Titel „Krieg“. Die Angaben zum Film enthielten damals zudem den Hinweis, dass das Drehbuch von Hannah Hollinger auf dem gleichnamigen Roman von Jochen Rausch basiert. Der Romanautor Jochen Rausch ist bekanntlich im Hauptberuf Wellenchef im WDR-Hörfunk und stellvertretender Hörfunkdirektor des Senders. Dass ein anspruchsvoller Fernsehfilm zuvor eine Kinopremiere erlebt, ist heutzutage nicht mehr ungewöhnlich; ungewöhnlich ist jedoch, dass ein solcher Film anlässlich seiner Fernsehausstrahlung einen neuen Titel erhält. Wobei man dann nach Ansicht des Films (4,23 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,0 Prozent) noch feststellen konnte, dass es eigentlich unverständlich war, warum der ursprüngliche Titel geändert wurde.

09.03.2018 – Brigitte Knott-Wolf/MK