Fernsehfilm-Festival Baden-Baden 2017: Studentische Jury sorgt durch Nicht-Preisvergabe für den Knalleffekt

15.12.2017 •

15.12.2018 • Das traditionelle Fernsehfilm-Festival Baden-Baden der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste fand 2017 vom 27. November bis zum 1. Dezember statt. Wiederum gingen 12 Produktionen in den Wettbewerb um den besten Film. Neben dem Hauptpreis für den besten Fernsehfilm vergab die Jury diesmal zwei weitere Auszeichnungen, einen Darstellerpreis und einen Preis für Regie. Überdies wurde bei dem Fernsehfilm-Festival nun zum 18. Mal der Nachwuchspreis „MFG-Star“ vergeben. Die Casting-Agentin An Dorthe Braker wurde für ihre Verdienste um den Fernsehfilm mit dem Hans-Abich-Preis geehrt. Für einen Knalleffekt sorgte in diesem Jahr die studentische Jury, die eigentlich wie gewohnt den aus ihrer Sicht besten Film des Baden-Badener Wettbewerbs auszeichnen sollte, sich dann aber dazu entschloss, ihren Preis nicht zu vergeben. Die Sichtung des Zwölfer-Programms habe ergeben, „dass nicht ein einziger Film auch nur ein einziges Jury-Mitglied wirklich zu begeistern vermochte“, hieß es dazu in der Begründung des studentischen Gremiums. So etwas hat es in der Geschichte des Baden-Badener-Festivals auch noch nicht gegeben und es sollte Verantwortliche des Wettbewerbs vielleicht ebenso nachdenklich machen wie die Fernsehfilmbranche an sich. Bezüglich der Preisentscheidungen, welche die Jury des Hauptwettbewerbs sich dann doch zu treffen in der Lage sah, war markant, dass der Fernsehfilmpreis 2017 an einen Film aus der Schweiz verliehen wurde, was auch nicht alle Tage vorkommt, und dass die nominierten ZDF-Produktionen leer ausgingen. Im Folgenden dokumentiert die MK alle Preisentscheidungen des 29. Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden 2017 und die Begründungen der Jurys. • MK

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Fernsehfilm-Festival Baden-Baden 2017: TV-Wettbewerb der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste verleiht den Fernsehfilmpreis 2017 an den Film

Zwiespalt (SRF; Produktion: Plan B Film) von Barbara Kulcsar (Regie) und Natascha Beller (Drehbuch), mit Isabelle Barth und Martin Rapold in den Hauptrollen.

Begründung der Jury:

Es ist keine Frage, dass wir in unruhigen Zeiten leben, dass viele Menschen um Sichergeglaubtes fürchten. Inwieweit dies Fernsehfilme widerspiegeln, war eine der Fragen, die die Jury beschäftigten.

In dem Fernsehfilm, den wir heute auszeichnen, stehen Personen im Zentrum, die Entscheidungen treffen, für die sie persönlich Verantwortung tragen. Drehbuchautorin Natascha Beller entwickelt zwei lebensnahe Charaktere, deren Lebenswirklichkeit der Film klug verknüpft und ungeschönt zeichnet. Regisseurin Barbara Kulcsar erzählt stilsicher und mit großem handwerklichem Können. Mit formaler Strenge, geradezu grafisch kom­poniert, folgt dieser Film den beiden Protagonisten, deren Lebenssicherheit bröckelt.

Der forensische Psychiater Roman Mettler muss sich eingestehen, dass er die Gefährlichkeit eines Verurteilten unterschätzt hat, was eine junge Frau mit dem Leben bezahlt. Die Medien stürzen sich auf ihn, der Vater der Ermordeten im wörtlichen Sinne. Er verliert seine nüchterne Ruhe und Zweifel nagen an ihm, ob er weiter im Rahmen der Rechtsordnung, für die er einstand, arbeiten kann.

Die Polizistin Linda Berger, die abgelehnte Flüchtlinge auf Abschiebungsflügen begleitet, zweifelt immer mehr, dass ihr Tun menschlich rechtens ist. Wie kann sie mit ihrem Gewissen vereinbaren, ausgewiesene Menschen einem ungewissen Schicksal auszuliefern? Eine Afrikanerin schluchzt um ihr Leben und verlässt das Flugzeug mit den Worten: „Sie werden mich töten!“ Spätestens jetzt spüre ich als Zuschauer, dass die aufgeworfenen Fragen auch mich persönlich angehen, dass es bei den akuten Problemen nicht um Zahlen und Paragraphen geht, sondern um Menschen.

Beide müssen erkennen, dass sie durch die Folgen ihres Tuns moralisch angreifbar werden. Die Polizistin versucht sich vor ihrer Tochter zu rechtfertigen, der Psychiater vor der Öffentlichkeit. Flüchten oder standhalten?

Linda Berger, gespielt von Isabelle Barth, entscheidet sich dafür, diesen „Job“, bei dem es auch um Leben und Tod geht, weiterzumachen. Sie will die Schwere ihres Tuns aushalten und die Flüchtlinge auf dem Weg zurück ins Ungewisse menschlich zugewandt begleiten. Ob Roman Mettler (Martin Rapold) seinen Beruf weiter ausüben wird, bleibt fraglich. Er muss erkennen, dass die Geschehnisse ihn haben verhärten lassen.

Und so wird aus diesem Fernsehfilm um die Frage nach persönlicher Verantwortung und Schuld ein politischer Stoff, der zentrale Probleme und Konflikte unserer Zeit aufwirft und uns mit keiner klaren Antwort entlassen kann. Der Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste geht an „Zwiespalt“.

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Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste verleiht den Darstellerpreis an das Ensemble

Bibiana Beglau, Franzsika Hartmann und Joachim Król für die darstellerische Leistung in dem Film Über Barbarossaplatz (ARD/WDR, Regie: Jan Bonny, Drehbuch: Hannah Hollinger, Produktion: WDR).

Begründung der Jury:

Ein Film, der den Mut zum Experiment hat, die Grenzüberschreitung wagt, braucht Schauspieler, die bereit sind, sich schonungslos zu verausgaben. Ein Film, der so viel Raum für Improvisation lässt, braucht Schauspieler, die diesen Raum mit ihrer Klugheit und Spiellust füllen. All dies tun die drei Protagonisten in Jan Bonnys „Über Barbarossaplatz“. Bibiana Beglau, Franziska Hartmann und Joachim Król lassen uns in drei verwundete Seelen blicken und zwingen uns, die Wohlfühlzone zu verlassen.

Bibiana Beglau spielt die Psychologin Greta als eine Frau, in der die Trauer um den Ehemann, der sich selbst getötet hat, allzu lange vergeblich versucht, die disziplinierte Fassade zu durchbrechen. Bibiana Beglau legt diesen Weg von Kontrolle zum Selbstverlust mit größter Virtuosität zurück. Franziska Hartmann spielt Stefanie, eine junge Frau zwischen Selbstzerfleischung und amoklaufender Sexualität, mit einer Intensität, wie sie auf deutschen Fernsehbildschirmen absolut ungewöhnlich ist. Zwischen diesen beiden weiblichen Extremfiguren bewegt sich Joachim Król als emeritierter Psychologieprofessor, dem es nicht gelingt, sich aus dem Schatten seines toten Übervaters zu befreien, mit ergreifender Rast- und Ratlosigkeit. Der Sonderpreis für darstellerische Leistung geht an Bibiana Beglau, Franziska Hartmann und Joachim Król.

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Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste verleiht einen Sonderpreis Regie an

Julia von Heinz für ihre Inszenierung des Films Katharina Luther (ARD/MDR/BR/SWR/Degeto, Produktion: Eikon Süd, Cross Media und Conradfilm).

Begründung der Jury:

In jedem Moment dieses Films spürt man eine Leidenschaft fürs Erzählen und die Lust am Gestalten. Schauspieler, Kamera, Kostüm-, Masken- und Szenenbild erschaffen gemeinsam mit großer Sorgfalt und Liebe für Details eine historische Welt, die einen starken Sog entwickelt.

Die Regisseurin und ihr Team finden eine sinnliche visuelle Erzählform, die aus dem diesjährigen Jahrgang heraussticht. Eine öffentlich-rechtliche Pflichtübung zum Reformationsjahr hätte man erwarten können – das Gegenteil ist passiert. Der Zuschauer wird mit einem Film über eine außergewöhnliche Frau beschenkt: Der Regisseurin gelingt es, die Figur der Katharina von Bora, deren Lebensumstände uns heute fremd sind, spannend für die Gegenwart zu erzählen. Der Film „Katharina Luther“ wird durch die Handschrift und Stilsicherheit der Regisseurin zu einer aufregenden Reise ins Spätmittelalter, die trotz eines ernst genommenen Bildungsauftrags vor allem eins schafft: uns zu unterhalten. Der Sonderpreis für Regie geht an die Regisseurin Julia von Heinz.

Die Jury des Wettbewerbs 2017:

Bettina Reitz (Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen/HFF München, Vorsitzende der Jury), Bettina Böttinger (Fernsehmoderatorin und Produzentin), Thea Dorn (Drehbuchautorin und Schriftstellerin), Christian Schwochow (Filmregisseur und Drehbuchautor), Burghart Klaußner (Schauspieler und Theaterregisseur).

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• Der Preis der studentischen Jury wurde beim Wettbewerb 2017 nicht verliehen. Zu dieser überraschenden Entscheidung gab es folgende

Begründung der Filmstudenten-Jury:

Wir freuen uns sehr, dass wir diese Woche auf Tuchfühlung mit den Stoffen dieses Wettbewerbs gehen durften. Vielen Dank für diese Verantwortung. Wir wollen heute Abend niemandes Partitur verbrennen. Aber vielleicht müssen wir uns gegenseitig die Köpfe waschen.

Ja, wir durften in den vergangenen Tagen Zeuge werden, wie Räume bunter wurden und ernste Erkrankungen auch mal lustig sein durften, von filmischer Stilsicherheit und formellem Mut, die kein Zwiespalt sein müssen, von DDR-Freundschaften, die uns auf wunderbare Weise in ein Loch zogen.

Aber vieles war Stückwerk statt Kunstwerk, Konsens statt Krawall, Bravheit statt Braveness, Asthma statt Aufbruch. Es war in diesen Tagen beunruhigend zu sehen, dass manche Kreative ihr Werk nicht einmal verteidigten. Teilweise entstand der Eindruck der Uneinigkeit zwischen den Verantwortlichen – darüber, von welcher gemeinsamen Vision einzelne Filme angetrieben wurden. Das ist, was wir beobachtet haben, und das reicht uns so nicht.

Ein Film, der ausgezeichnet wird, muss nicht makellos sein. Er muss uns jedoch grundlegend begeistern und in die Zukunft weisen. Keiner der Filme hat dies für uns in ausreichender Weise getan. Aus diesem Grund hat sich die Studentenjury mehrheitlich dazu entschieden, dieses Jahr keinen Preis zu vergeben.

Uns trieb nicht Uneinigkeit zu dieser Entscheidung. Vielmehr war es die Erkenntnis, dass nicht ein einziger Film auch nur ein einziges Jury-Mitglied wirklich zu begeistern vermochte. Wir sind nicht glücklich, keinen Film auszeichnen zu können, manche von uns haben bis zum Schluss dafür gekämpft. Aber ein Preis wäre der kleinste gemeinsame Nenner gewesen – was für ein Mumpitz! Wir sind überzeugt, dass Fernsehen mehr kann und mehr muss. Nicht nur Filme, auch Preise haben eine Verantwortung.

Die Jury bestand aus Studentinnen und Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg, der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ und der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF).

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• Eine Woche lang zeigte der Kultursender 3sat in seinem Programm parallel zum Fernsehfilm-Festival alle 12 Filme des Wettbewerbs. Die Zuschauer konnten per Telefon und im Internet ihren Favoriten wählen. Das Ergebnis der Abstimmung: Der 3sat-Zuschauerpreis des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden 2017 geht an den Film

Zuckersand (ARD/BR/MDR/Degeto; Regie: Dirk Kummer, Drehbuch: Dirk Kummer, Bert Kloß, Produktion: Claussen + Putz Film).

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• Im Rahmen des Fernsehfilm-Festivals der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste wird auch der Nachwuchs-Regiepreis „MFG-Star“ verliehen. Er wird an einen jungen Regisseur vergeben, der sein Erstlings- oder Zweitlingswerk in Baden-Baden vorstellt. Der Preis wird seit 18 Jahren von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) ausgelobt. Er ist dotiert mit einem Stipendium in den USA: Der Gewinner erhält einen dreimonatigen Aufenthalt in der Villa Aurora in Pacific Palisades finanziert, dem Kulturzentrum im ehemaligen Wohnhaus des Schriftstellers Lion Feuchtwanger in Los Angeles. Der MFG-Star 2017 wurde von Jurorin Dorothee Schön (Drehbuchautorin) vergeben an

Ali Soozandeh für seine Regieleistung bei dem Film Teheran Tabu (ZDF/Arte/ORF).

• Ali Soozandeh wurde 1970 in Shiraz im Iran geboren. Er emigrierte 1995 nach Deutschland. Nach seinem Diplom im Fach Medien-Design an der Fachhochschule Köln im Jahr 2005 gründete er die Cartoonamoon-Filmproduktion. Nach preisgekrönten Kurzfilmen und Animationen für Dokumentarfilme ist „Teheran Tabu“ sein Langfilmdebüt.

Die weiteren für den diesjährigen „MFG-Star“-Wettbewerb nominierten Filme waren:

Back For Good (SWR), Regie: Mia Spengler (auch Drehbuch, zusammen mit Stefanie Schmitz)

Die beste aller Welten (SWR/ORF), Regie: Adrian Goiginger (auch Drehbuch)

JETZT.NICHT (WDR), Regie: Julia Kelier (auch Drehbuch, zusammen mit Janis Mazuch).

Begründung von Jurorin Dorothee Schön zur Verleihung des „MfG-Stars“ 2017 an Ali Soozandeh für seinen Film „Teheran Tabu“:

Ein feines Netz von Begegnungen und Beziehungen spinnt Ali Soozandeh zwischen seinen Protagonisten, die alle im autoritären Gottesstaat Iran ums tägliche Überleben kämpfen. Jede Figur hat zwei Gesichter, ein „offizielles“ und ein „intimes“, und wenn sie beim Fotografen sitzen und einen Hintergrund wählen dürfen, müssen sie sich für eines entscheiden. Die animierte Ästhetik, die Ali Soozandeh für seine multiperspektivische Geschichte wählt, ist keineswegs nur aus der Not geboren, nicht in Teheran drehen zu können. Die gezeichnete Realität ermöglicht es, ohne Voyeurismus die heftigen Szenen sexueller Demütigung und Ausbeutung zu ertragen und schützt seine realen Darsteller. So absurd es klingt: Dieser Animationsfilm ist ein Dokumentarfilm aus einem Land, in dem man keine Dokumentarfilme drehen kann. „Teheran Tabu“ ist ein mutiger und ein wichtiger Film, der die verlogene Seite des religiösen Fanatismus zeigt, ohne den Charme und den Einfallsreichtum seiner Überlebenskünstler dabei zu unterschlagen.

Dorothee Schön hatte zu Beginn ihrer Würdigung auch gesagt: „Ich darf also heute Abend den ‘MFG-Star’ für den besten Debütfilm vergeben. Das ist eine große Ehre für mich, aber gleichzeitig eine große Qual. Denn ich kann Ihnen versichern: Alle vier Nominierten hätten den Preis verdient. Ihre Arbeiten sind großartig – berührend, originell und handwerklich perfekt. Und, es hat mir furchtbares Kopfzerbrechen bereitet, einen von ihnen auswählen zu müssen. Am liebsten würde ich sie zu viert auf eine Gruppenreise in die Villa Aurora schicken. Aber man hat mir versichert, dass das nicht geht.“

Die Nominierungskommission für den „MFG-Star 2017“:

Carl Bergengruen (Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg/MFG), Ulrike Frick (Filmfest München), Andrea Hohnen (First Steps Award), Bettina Reitz (Jury-Vorsitzende beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden) und Cathrin Ehrlich (Leiterin des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden).

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Der Hans-Abich-Preis des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden 2017 wurde verliehen an die Casting-Agentin An Dorthe Braker.

Laudatio des Filmregisseurs Rainer Kaufmann auf An Dorthe Braker:

Liebe An Dorthe, es ist eine große Ehre, diese Laudatio für dich zu halten. Vor vielen Menschen zu reden, macht mir immer ein bisschen Angst. Aber es geht um dich und um die Ehrung deiner wunderbaren Arbeit. Deshalb will ich es auf jeden Fall versuchen.

Filme machen ist immer auch Geister heraufbeschwören. Es gibt bei jedem Film verschiedene magische Spannungsverhältnisse. Eines davon ist das zwischen Regie und Casting-Direktrisse! Im besten Fall ist es doch folgendermaßen: Wenn das Drehbuch geschrieben, gelesen, überarbeitet und verinnerlicht ist, wenn sich die Produktion langsam aufrichtet, wie ein Ungetüm von dem man noch nicht weiß, ob man mit ihm in den Krieg ziehen oder ein neues Paradies entdecken wird, spätestens dann stellt sich die entscheidende Frage nach der Verkörperung, nach dem Lebendigwerden der Figuren. Und dann hat man vielleicht das Glück, An Dorthe Braker zu begegnen und mit ihr arbeiten zu dürfen. Denn dann beginnt ihre Art der Beschwörung. Jeder Schauspieler und jede Schauspielerin werden dir präsentiert, wie Schmuck bei Tiffany.

Wer mit An Dorthe gearbeitet hat, weiß, wovon ich spreche. Sie macht es sich nie einfach mit dem Geisterrufen. Auch Besetzungen, die auf der Hand liegen, werden hinterfragt. Auf alles Rätselhafte wird es Antworten geben. Ideen werden aufwendig geboren und schweren Herzens wieder verworfen. Sie führt einen zu Schauspielern, die sich in einer Rolle versteckt haben. Sie enthüllt sie vor deinen Augen wie seltene Früchte. Man erkennt durch An Dorthe Facetten im Spiel, die man alleine nicht entdeckt hätte.

Sie versucht immer den Menschen hinter dem Schauspieler zu erkennen und anzunehmen. Vorsichtig führt sie den Regisseur zu einem eigenen Gespür für den, der möglicherweise den ersehnten Charakter gestaltet. Ein Casting mit An Dorthe war für mich bisher immer wie ein Dinner mit neuen, oftmals unbekannten Gerichten und Geschmäckern. Aufregend, anregend. Danach war ich erschöpft und beglückt.

Durch den Blick, den An Dorthe auf das Spiel der Mimen wirft, habe ich Wichtiges über meinen Beruf und über den des Schauspielers begriffen. So, wie sie über Projekte spricht:

Neugierig im Ausprobieren.
Respektvoll im Umgang.
Demütig vor der Arbeit.
Mutig in den Entscheidungen.

Sie erreicht das alles, weil sie sich selbst eine Sensibilität bewahrt hat, die frei ist von Zynismus. An Dorthe, deine nüchterne norddeutsche Art hilft mir dabei, nicht zu sentimental zu werden. Du hast mich dazu angehalten, immer wieder zu überprüfen, was ich will und warum. Dein Respekt für Film hat mich bestärkt in meinen Gedanken und Handlungen. Mit deiner Arbeit machst du noch mehr Lust auf das Filmemachen – auf die Expedition, an der man schon teilnimmt, wenn man bei dir sitzt.

An Dorthe! Eigentlich sehe ich dich umgeben von Assistenten und Assistentinnen, die dir zuarbeiten. Ein wenig so, wie ich mir das Orakel von Delphi vorstelle. Die Wirklichkeit deines Berufes sieht anders aus und ist sehr viel bescheidener und enorm arbeitsintensiv. Ich hoffe dennoch, dass du dich nicht zu schnell zurückziehst. Es würde eine schwer zu schließende Lücke hinterlassen. Vielen Dank! Und herzlichen Glückwunsch zum Hans-Abich-Preis!

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Die 12 Filme des Wettbewerbs 2017

1. So auf Erden (ARD/SWR)

2. Atempause (ARD/MDR/SWR)

3. Über Barbarossaplatz (ARD/WDR)

4. Der Sohn (ARD/NDR)

5. Zuckersand (ARD/BR/MDR/Degeto)

6. Katharina Luther (ARD/MDR/BR/SWR/Degeto)

7. Ein Kommissar kehrt zurück (ZDF)

8. Familienfest (ZDF)

9. Der mit dem Schlag (ZDF/Arte)

10. Für dich dreh ich die Zeit zurück (ORF/Arte/Degeto)

11. Zwiespalt (SRF)

12. Nackt. Das Netz vergisst nie (Sat 1)

15.12.2017 – MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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