„Vom Schwarzwald auf Europas Fußballthron“: Zur ZDF‑Dokumentation über Jürgen Klopp

23.08.2019 •

Kaum zu glauben, aber derzeit gibt es einen Boom an Sportdokumentarfilmen. Das liegt zum einen daran, dass sich ein Streaming-Anbieter wie DAZN, der sich über Abonnements finanziert, neben seinen vielen Live-Übertragungen von Sportveranstaltungen auch noch durch andere – hier also filmisch orientierte – Produktionen profilieren will, die Hintergründe zu den Sportereignissen und ihren Protagonisten liefern, wie etwa der im Juni 2018 veröffentlichte Doku-Vierteiler „Being Mario Götze – Eine deutsche Fußballgeschichte“ (vgl. MK-Kritik). Ähnliches gilt auch für Streaming-Portale wie Amazon Prime Video und Netflix, die zwar (noch) nicht im Bereich TV-Sport tätig sind, die aber neben ihren fiktionalen Serien und Filmen als Abrundung auch dokumentarische Produktionen zum Abruf anbieten, unter denen dann die zu Sportthemen einen gewissen Attraktionsbonus zu besitzen scheinen.

Das liegt zum anderen außerdem daran, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich ihrer Aufgabe entsinnen, neben der Übertragung sportlicher Spektakel auch Hintergrundgeschichten zu liefern. Die Redaktion von „Sport inside“, der Sendereihe des Dritten Programms WDR Fernsehen, ist da ein leuchtendes Vorbild; Recherchen von „Sport inside“ haben hinsichtlich Doping und Korruption über Missstände im Profisport aufgeklärt. Bei der ARD gibt es seit kurzem im Ersten die neue, in unregelmäßigen Abständen ausgestrahlte Hintergrund-Sendung „Sportschau Thema“ (vgl. MK-Kritik). Das ZDF wiederum, das mit der Reihe „Der Sport-Spiegel“ mehr als 30 Jahre Jahr lang einen Sendeplatz für Reflektionen des sportlichen Geschehens und seiner Bedingungen pflegte, ehe das Format 1996 mangels Interesse im Sender wie bei den Zuschauern eingestellt wurde, zeigt unter dem Rubrum seiner Sendung „ZDF-Sportreportage“, wenn auch nicht häufig, aber doch immer mal wieder in „Extra“-Sendungen Hintergründiges zur Thematik; so gab es etwa im Oktober vorigen Jahres eine 50-minütige Reportage zum Thema „Integration und Sport“ (vgl. MK-Kritik).

Jetzt zeigte das ZDF unter dem Dach der „Sportreportage“ ein filmisches Porträt des Fußballtrainers Jürgen Klopp. Das war eben deshalb ungewöhnlich, weil die „Sportreportage“ ein Magazin ist, in dem das ZDF jeden Sonntag über die aktuellen Ereignisse des Wochenendes berichtet; Reportagen im klassischen Sinne kommen dort eigentlich nicht vor. Insofern fiel das von Klaus Fiedler stammende Porträt „Jürgen Klopp – Die Dokumentation. Vom Schwarzwald auf Europas Fußballthron“ schon im positiven Sinne auf, auch wenn der 45-minütige Film in der Nacht vom 17. auf den 18. August (von Samstag auf Sonntag) um 0.30 Uhr und damit sendetechnisch eher unter ‘Ferner liefen’ ausgestrahlt wurde. Am 19. Mai hatte es im Übrigen in einer regulären „Sportreportage“-Ausgabe eine Kurzversion des Films zu sehen gegeben.

Spannend war gerade auch an dem 45-minütigen Beitrag der Verzicht auf Spielszenen der Vereine, die Jürgen Klopp in seiner Karriere trainiert hat. So waren die Nicht-Aufstiegsdramen des FSV Mainz 05 in den Zweitliga-Spielzeiten 2001/02 und 2002/03, die Meisterschaftsentscheidungen von Borussia Dortmund 2010/11 und 2011/12 in der Bundesliga wie auch der Champions-League-Triumph des FC Liverpool in diesem Jahr allein mit wenigen Fotos dokumentiert. Das mag Rechtegründe gehabt haben, kann aber auch inhaltlich begründet sein, denn bei entscheidenden Spielszenen sind die Trainer ja nicht tätig, sie schauen von außen von der Bank aus den Spielen zu, wie alle anderen im Stadion oder am Fernsehgerät auch.

Der Verzicht auf Bewegtbilder dessen, was auf dem Rasen passiert, ermöglichte eine größere Konzentration auf das, was Jürgen Klopp, 52, in einem Gespräch in Liverpool dem Filmregisseur zu sagen hatte. Dieses Gespräch wurde ergänzt durch Interviews mit Wegbegleitern in seiner Heimat im Schwarzwald, in Mainz und in Dortmund. Und diese Konzentration insbesondere auf den Hauptgesprächspartner hatte Vorteile. Denn Jürgen Klopp äußert sich nur selten im Jargon der Fußballtrainer, stattdessen sucht er nach eigenen Worten und Begriffen. Dass man ihn „Menschenfänger“ genannt hat, mag er beispielsweise nicht hören und er nimmt dann vor der Kamera diesen Begriff in seinen Bedeutungsmöglichkeiten auseinander. Dank dieser Nachdenklichkeit nimmt man Klopp vieles in seiner Selbstdarstellung ab, auch was die Familiengeschichte angeht, die der Film rekapituliert. Auch sein Motiv, dass er immer der Trainer habe sein wollen, den er selbst gerne gehabt hätte, klingt, so wie er es hier erläutert, plausibel. Erst beim Nachdenken darüber fällt einem auf, dass dieser Satz gleichsam eine Selbsterfindung behauptet und damit indirekt einen großen Autonomiewunsch verrät. 

Der Kommentar des Films geht darauf nicht ein. Er reproduziert stattdessen brav das – zugegeben: nicht monochrome – Selbstbild, das Jürgen Klopp von sich entworfen hat und dem er treu zu bleiben versucht. Dazu gehört, dass er seit seiner Kindheit ein gläubiger Christ ist, er gehört der evangelischen Kirche an, und dass er sich politisch artikuliert. (Der Film erwähnt aber nicht, dass Klopp die Zusammenarbeit mit Englands größter Boulevardzeitung „The Sun“ einstellte, weil dieses Blatt einst den Fans des FC Liverpool, den er seit 2015 trainiert, die Schuld an der Katastrophe im Stadion von Hillsborough 1989 zugeschrieben hatte, was sich nach vielen Jahren als eine große und vor allem bewusste Lüge herausstellte.)

Das Gespräch mit Jürgen Klopp ist mit einigem Aufwand gedreht worden. Allein drei Kameras, von denen sich eine zudem leicht bewegte, wurden eingesetzt, um seine Antworten auf die (herausgeschnittenen) Fragen einzufangen. Das ist ein Aufwand, wie ihn ARD und ZDF beispielsweise bei ihren Sommerinterviews mit Politikern für den „Bericht aus Berlin“ und für „Berlin direkt“ betreiben und mit dem sie von der Inhaltsleere dieser Selbstdarstellungen vermutlich ablenken wollen. Auch hier lenkte die Manie, alle fünf Sekunden Klopp bei seinen Sätzen aus einer anderen Perspektive zu zeigen, vom Gesagten eher ab. Der Mehr-Kamera-Einsatz bei Interviews ist eine visuelle Mode, die ebenso überflüssig erscheint wie der manische Gebrauch der Drohnen, der mittlerweile noch den kleinsten Filmbericht aufhübschen soll. Im Film über Klopp wurde die Drohne selbstverständlich auch eingesetzt, ohne dass es irgendeine Bedeutung gehabt hätte, etwa wenn der Bolzplatz, auf dem der heutige Startrainer das Fußballspielen erlernte, überfolgen wird.

 „Natürlich muss man ihm nicht alles glauben“, sagt der Kommentar zu Beginn des Films. Stimmt. Aber Zweifel an der – durchaus sympathischen – Selbstdarstellung kennt er dann auch nicht. Keine Fragen zu Klopps Werbeaktivitäten oder zu seiner Eitelkeit. Der Film konfrontiert ihn auch nicht mit Konflikten wie etwa der Auseinandersetzung mit seinem langjährigen Co-Trainer Željko Buvač, von dem er sich im April 2018 überraschend trennte, oder mit dem brasilianischen Nationalspieler Philippe Coutinho, der sich in der Spielzeit 2017/18 den Wechsel von Liverpool zum FC Barcelona erstreikte. Das hätte dem Film im Übrigen eine gewisse Aktualität verliehen, da kurz vor dessen Ausstrahlung bekannt geworden war, dass eben dieser Spieler nun von Barcelona zu Bayern München wechselt, weil er sich in Spanien nicht durchsetzen konnte. Auch das Champions-League-Endspiel vom 1. Juni mit Liverpools 2:0-Sieg gegen Tottenham kommt eher am Rande vor; alle Interviews waren deutlich vor diesem Ereignis und dem größten Triumph Klopps geführt worden.

So ist das Resümee ambivalent. Das Porträt bleibt dem komplexen Selbstbild des Jürgen Klopp – den weiteren Vornamen Norbert gebrauchen nur die englischen Fans, die ihn auf Plakaten und Fahnen des öfteren mit vollem Namen schreiben – treu. Der Film feiert eine der sicher spannendsten Trainerpersönlichkeiten der Gegenwart. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Trotz der Sendezeit nach Mitternacht sahen immerhin noch 920.000 Zuschauer (Marktanteil: 11,0 Prozent) den Beitrag, der in dieser späten Samstagnacht im Anschluss an das „Aktuelle Sportstudio“ im ZDF lief. Der Film ist noch bis Mitte November in der ZDF-Mediathek abrufbar, wo das ZDF ihn mit der Überschrift „Jürgen Klopp – aus Zweiflern Gläubige gemacht“ annonciert. Dies bezieht sich insbesondere darauf, dass Jürgen Klopp, wie es im Film heißt, den Fans des so lange titellosen FC Liverpool den Glauben an ihren Klub zurückgegeben habe.

23.08.2019 – Dietrich Leder/MK