Der sportliche Patient

Überlegungen, die Dunja Hayalis gute Moderation des ZDF‑„Sportstudios“ auslöst

Von René Martens

09.11.2018 • Als am 25. April dieses Jahres bekannt wurde, dass Dunja Hayali ab der Fußball-Bundesliga-Saison 2018/19 zum Moderatorenteam der ZDF-Sendung „Das aktuelle Sportstudio“ gehören wird, zeigte sich der Sportjournalist Peter Ahrens zuversichtlich. Hayali könne bei der „Schönwettersendung“ für die dringend notwendige „Blutauffrischung“ sorgen, kommentierte er bei „Spiegel Online“ am Tag der Verkündung seitens des ZDF. „Wer sich wie Hayali mit Verve mit der AfD anlegt, dem sollte es doch auch erst recht ein Vergnügen sein, Ralf Rangnick, Karl-Heinz Rummenigge und Clemens Tönnies unangenehme Fragen zu stellen“, schrieb Ahrens.

In ihrer „Sportstudio“-Premierensendung am 25. August konnte Dunja Hayali diese Fähigkeit noch nicht unter Beweis stellen, weil an diesem Abend mit Friedhelm Funkel, dem 64-jährigen Trainer des Bundesliga-Aufsteigers Fortuna Düsseldorf, ein Mann zu Gast war, der sich für einen konfrontativen Interviewstil nicht gerade aufdrängte. Hayali fiel nicht viel mehr ein, als immer wieder Funkels Berufserfahrung zu erwähnen („Sie haben schon alles gesehen“).

Ganz anders verlief die zweite „Sportstudio“-Sendung mit Hayali am 29. September, als die neue Moderatorin Reinhard Grindel, den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zu Gast hatte, um mit ihm unter anderem über die Europameisterschaft 2024 zu sprechen, für die der DFB zwei Tage vor der Sendung vom europäischen Fußballverband UEFA den Zuschlag erhalten hatte.

Das Interview mit DFB‑Präsident Grindel

Vor allem sollte es aber um die im Lauf der Sendung von Hayali gleich viermal so bezeichnete „Causa Özil“ gehen, die Mitte Mai – und damit vier Wochen vor Beginn der WM in Russland – mit einem Foto begonnen hatte, auf dem Özil sich gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigte, und eskalierte, als der Mittelfeldspieler mit türkischen Wurzeln am 23. Juli seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft erklärte. In dieser „Causa“ hatte sich Grindel „viele Ausrutscher“ geleistet, wie die „Süddeutsche Zeitung“ am Tag der Sendung schrieb.

Das ZDF-„Sportstudio“ beginnt seit dem 17. Juli 2010 um 23.00 Uhr, in Ausnahmefällen kann es aber sogar noch später werden. So auch bei Hayalis zweiter „Sportstudio“-Moderation. In diesem Fall war die Länge der um 20.15 Uhr beginnenden Unterhaltungsshow „Willkommen bei Carmen Nebel“ die Ursache. Das „Sportstudio“ begann deshalb erst um 23.35 Uhr. Vor allem aufgrund der umfänglichen Berichterstattung über das sogenannte Abendspiel der Bundesliga, wofür das ZDF im Free-TV die Erstrechte hat, dauerte es dann schließlich bis um 0.12 Uhr am 29. bzw. 30. September, ehe das Interview mit Reinhard Grindel begann. Wenn man bedenkt, wie sehr die Berichterstattung über Özils Rücktritt die Berichterstattung in Deutschland bestimmte – die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ etwa hatte am 24. Juli in ihrer Print-Ausgabe zwölf Texte rund um das Thema veröffentlicht –, dann ist das schlicht eine absurd späte Uhrzeit, weil ein Großteil derer, die das Thema wahrscheinlich brennend interessiert, so spät gar nicht mehr vor dem Bildschirm sitzt.

„Sternstündchen, wo man sie gar nicht vermutet“

Hayali ging ihren Gast ganz anders an, als es im „Sportstudio“ längst üblich geworden ist. Mit Bezug auf Philipp Lahm, der als „EM-Botschafter“ für den DFB tätig ist, sagt Hayali zu Grindel: „Einige sehen ihn schon als Ihren Nachfolger.“ Darauf folgte die Frage: „Wackelt Ihr Stuhl?“ Er habe gerade „an der Basis“ viel Zustimmung bekommen, sagt Grindel dazu. Dann wird das Gespräch, das, wie geschildert, sehr spät begonnen hat, erst einmal unterbrochen, denn eine Zusammenfassung des Bundesliga-Spiels VfB Stuttgart gegen Werder Bremen (2:1) steht auf dem Sendeplan. Um 0.24 Uhr geht es weiter mit dem Interview. Erdogan stehe nicht „für die Werte, für die der DFB steht“, sagt Grindel nun. Um 0.25 Uhr gleich wieder eine Unterbrechung. Für Zuschauer, die den Überblick darüber verloren haben, worum es nochmal genau ging in der „Causa Özil“, kommt jetzt ein Einspieler. Es ist bereits 0.27 Uhr, als das Gespräch in die entscheidende Phase geht.

Mesut Özil, der derzeit für den Londoner Erstligisten FC Arsenal spielt, hatte in der Erklärung zu seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft unter anderem verlauten lassen: „In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren.“ Der Angesprochene sagt dazu im „Sportstudio“ bloß: „Dass er einen solchen Eindruck hat, bedauere ich sehr.“ Hayali hält ihm Aussagen von 2004 vor – „Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel“, hatte Grindel als damaliger Bundestagsabgeordneter der CDU gesagt –, sie nimmt Bezug auf Medienberichte, die DFB-interne Kritik an Grindel aufgriffen und will wissen, wie er sich die „schlechte Presse“ zu seiner Person erkläre. „Ich will gar nichts unter den Teppich kehren“, sagt Grindel, dies aber mit einem gequälten bis maliziösen Grinsen, das die Frage aufwirft, ob er nicht in der Lage ist, zu überspielen, dass ihn solche Fragen nerven, oder ob es gar nicht überspielen will. Hayali hakt so geschickt nach, dass man sich fragen muss: Wie konnte so ein unsouveräner, hölzerner Mensch an die Spitze des weltweit größten nationalen Sport-Fachverbandes gelangen? Wer hatte daran ein Interesse?

Dunja Hayali machte sehr viel richtig bei diesem Gespräch, auch wenn es im Detail Dinge zu bemängeln gab. Dass Grindel früher als Journalist gearbeitet hat, erwähnte sie gleich zweimal. Die Information, dass er unter anderem in Diensten des ZDF stand, fiel jedoch unter den Tisch. Dennoch ist Uwe Ritzer zuzustimmen, der einige Tage später in der „Süddeutschen Zeitung“ (Ausgabe vom 6.10.18) anlässlich der Veröffentlichung einer sportjournalistischen Studie der Otto-Brenner-Stiftung („Zwischen Fanreportern und Spielverderbern: Fußballjournalismus auf dem Prüfstand“) auf das Gespräch Hayalis mit dem DFB-Präsidenten einging: „Je länger das Interview dauerte, desto mehr floh sich Grindel auf entlarvende Weise in inhaltsleere Funktionärsfloskeln. Der Mann, so blieb als Eindruck hängen, hat für komplexe Probleme keine Lösungen. Es gibt sie also schon, diese Sternstündchen des kritischen Fußballjournalismus, wo man sie gar nicht vermutet.“

Eine kontraproduktive Verpflichtung

Gerade weil so etwas im ZDF-„Sportstudio“ mittlerweile selten ist, offenbarte die Sendung in der Nacht vom 29. auf den 30. September die grundsätzlichen Schwächen des Formats: Man muss einen derart gefragten Interviewgast zu einem derart die Republik bewegenden Thema wie der „Causa Özil“ anders präsentieren – und nicht erst nach der Geisterstunde. Gute journalistische Interviewarbeit kann zu diesem Zeitpunkt kaum angemessen zur Geltung kommen. Die im Vertrag mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) fixierte Verpflichtung betreffend Art und Umfang der Berichterstattung vom Abendspiel (vgl. hierzu auch FK 31/13) ist aus journalistischer Warte kontraproduktiv.

Eine Woche nach Grindel, am 6. Oktober, war Michael Preetz, der Manager des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC Berlin, im „Sportstudio“ zu Gast, dieses Mal führte Katrin Müller-Hohenstein durch die Sendung. Vier Minuten vor Ende des Gesprächs mit Preetz bringt die Moderatorin die Frage auf, wie politisch der Fußball sein müsse bzw. dürfe. Preetz antwortet, seine Branche habe die „verdammte Verpflichtung […], Haltung zu zeigen“ angesichts des „Rechtsrucks“ und anderer Dinge, die sich in der Gesellschaft in die falsche Richtung entwickelten. An dieser Stelle hätte es interessant werden können, als Zuschauer hätte man wissen wollen, wie Preetz die verschiedenen Maßnahmen aus der Fußballbranche einschätzt, in denen diese „Haltung“ zum Ausdruck kommt – und welche Mittel er dafür am besten geeignet hält.

Abschied von einer Sendung nehmen?

Doch Müller-Hohenstein fragt nicht nach. Es tue ihr „ein bisschen leid“, dass man auf dieses Thema nicht weiter eingehen könne, sie müsse nun, bevor die Zeit ablaufe, nämlich noch auf die Pläne für das neue Hertha-Stadion zu sprechen kommen. Auch dieses Gespräch lieferte Belege dafür, dass die Interviews im „Sportstudio“ in ihrer derzeitigen Form unbefriedigend sind – eben auch dann, wenn die Gesprächspartner Substanzielles zu sagen haben (was ja im Sport- bzw. Fußball-Business wahrlich nicht immer der Fall ist).

Dunja Hayali, die am 10. November zum dritten Mal das „Sportstudio“ moderieren wird, mag, um die eingangs zitierte „Spiegel-Online“-Formulierung wieder aufzugreifen, für eine „Blutauffrischung“ gesorgt haben. Aber es gibt – um im Bild zu bleiben – Patienten, bei denen auch eine Blutauffrischung nichts mehr hilft. Das „Aktuelle Sportstudio“ gehört dazu. Hier wäre es nicht die schlechteste Variante, eine umfassende Neuorientierung zu wagen. Für die Zukunft eine Option sein könnte eine Art Aufsplittung der „journalistischen Samstagabendshow“, wie das ZDF selbst das „Sportstudio“ kategorisiert. Am Samstag könnte nach dem „Heute-Journal“ (22.45 bis 23.00 Uhr) eine aktuelle Sendung zu den Bundesliga-Partien des Tages oder ausschließlich zum Abendspiel laufen. Länge: 20 bis 30 Minuten – wie bei den „Sportschau“-Sendungen, in denen die Dritten Programme der ARD am Sonntagabend über die Spiele des Tages berichten. Das ZDF könnte dann wiederum am Sonntag ein halbstündiges Sportgespräch platzieren – zu einem aktuellen oder latent aktuellen Thema.

Es mag auf den ersten Blick abwegig wirken, dem ZDF vorzuschlagen, sich von einer mittlerweile 55 Jahre alten Sendung zu verabschieden und gleich an beiden Tagen des Wochenendes das Sendeschema umzubauen. Bis 2021 wird sich ohnehin nichts ändern, denn bis dahin läuft noch der aktuelle Vertrag zur Bundesliga-Berichterstattung mit der DFL. Um es positiv zu wenden: Das ZDF hat noch relativ viel Zeit, sich zu überlegen, was es anders machen könnte.

09.11.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren