Fußball-Bundesliga im Fernsehen: Gelingt DAZN, was Eurosport missriet?

12.08.2019 •

Daran haben sich die Fußballfans unter den Fernsehzuschauern mittlerweile gewöhnt, dass sie sich zu Beginn fast jeder neuen Bundesliga-Saison erst einmal orientieren müssen, wer denn nun welche Rechte an den Übertragungen und Zusammenfassungen erworben hat und wie man als gemeiner Konsument in den Genuss derselbigen kommt. Aber, könnten nun Fachleute einwenden, klärt sich das nicht eigentlich alle vier Jahre, wenn die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die Rechte neu an die meistbietenden Medienunternehmen verkauft hat?

Theoretisch stimmt das, in der Praxis jedoch leider nicht. Denn unter den Medienanbietern, die für viel Geld gewisse Rechte erworben haben, sind manche, denen nach einer oder mitunter auch einer zweiten Saison auf einmal einfällt, dass der Erwerb doch keine so gute Idee war. Dann suchen sie händeringend nach einem Konkurrenten, den sie einst ausstachen, der aber nun für sie einspringen soll. Was dieser aber selbstverständlich nur dann tun wird, wenn sich für ihn die Rechte aus zweiter Hand verbilligen. In Folge dessen muss sich der Kunde umorientieren – vom ersten Konkurrenten, für den er vielleicht ein Abonnement abgeschlossen hat, das nun nutzlos geworden ist, zum zweiten, für den er jetzt ein weiteres abschließen muss, ohne dass sich für ihn die Kosten reduzierten. Im Gegenteil: Wenn er das erste Abonnement nicht rechtzeitig gekündigt hat, wird es für ihn durch das zweite natürlich beträchtlich teurer.

So geschah es in diesem Sommer. Der Sender Eurosport, der sich seit einigen Jahren im Besitz des US-amerikanischen Medienkonzerns Discovery befindet, gab die Exklusivrechte für 40 Bundesliga-Spiele – alle 30 Freitags- sowie je fünf Montags- und Sonntagspartien – an die Streaming-Plattform DAZN weiter. Alle anderen Partien sind weiterhin live beim Pay-TV-Sender Sky zu sehen; die ersten Free-TV-Zusammenfassungen gibt es bei ARD und ZDF.

Eurosport war vor drei Jahren beim letzten Rechtedeal mit der DFL, der die Spielzeiten von 2017/18 bis 2020/21 betraf, in das Bundesliga-Geschäft eingestiegen (vgl. MK-Meldung). Zur damaligen Zeit sollte der Sender zu einem großen Player in Europa aufgebaut werden. Dazu hatte der Mutterkonzern Discovery 2015 auch die Exklusivrechte an den Übertragungen der Olympischen Spiele für die Jahre 2018 bis 2024 erworben. Eine Sublizenzierung der Olympia-Rechte an ARD und ZDF, die Discovery zur Refinanzierung der hohen Rechtekosten anstrebte, kam jedoch nicht zustande – die Verhandlungen scheiterten 2016 (vgl. diesen MK-Artikel und diesen MK-Artikel). Doch ein halbes Jahr vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2018 in Südkorea bot Discovery ARD und ZDF dann noch einmal an, große Teile der Live-Übertragungen von den Olympia-Wettbewerben zu übernehmen, die sonst Eurosport exklusiv ausgestrahlt hätte. Im zweiten Versuch gelang Discovery somit eine Einigung mit ARD und ZDF (vgl. MK-Meldung), mit der sich für den US-Konzern aufgrund der Sublizenzzahlungen der öffentlich-rechtlichen Sender Kosten sparen ließen. Aber dadurch deutete sich schon an, dass man vom großen Plan des Aufstiegs von Eurosport Abschied zu nehmen begann.

Die erste Fußall-Bundesliga-Saison, in der Eurosport dabei war, hatte der Sender im August 2017 mit großem Engagement begonnen. Ex-Nationalspieler Matthias Sammer als Fachmann und Jan Henkel als Moderator bereiteten zwei Jahre lang die Spiele, die über den kostenpflichtigen Eurosport-Player übertragen wurden, meistens sachkundig und detailliert vor und nach. Auch wenn die Vorberichterstattung von 60 Minuten mitunter nur schwer mit Sachthemen zu füllen war, sorgten sie doch immer wieder für überraschende Erkenntnisse und solide Informationen. Als Sammer im Juni 2019 überraschend seinen Abschied von diesem Job ankündigte, war das ein erstes Signal, dass der Sender aus dem Bundesliga-Geschäft aussteigen könnte. Doch das wurde erst einen Monat später klar, als Discovery offiziell bekannt gab, dass Eurosport seine Rechte an DAZN weitergereicht habe.

Der Verlust schwächt Eurosport auf dem deutschen Fernsehmarkt beträchtlich. Sicher, am Freitag liefen nicht unbedingt die für die Meisterschaft entscheidenden Partien, denn die Mannschaften, die in der Champions League oder in der Europa League engagiert waren, spielten nur samstags oder sonntags. Aber es gab doch eine Reihe von Begegnungen, deren Live-Übertragungen viele Zuschauer anzogen. Doch von deren Abonnementzahlungen ließ sich der Rechteerwerb nicht refinanzieren. Dass diese Einnahmen nicht ausreichen würden, das wussten die Besitzer von Eurosport gewiss vorher. Es gilt mithin: So wie der Erwerb der Bundesliga-Rechte weniger auf einer kaufmännischen Entscheidung beruhte, als vielmehr ein überaus teures Reklamesignal für den Plan war, dass man Eurosport ausbauen wolle, bedeutet nun die Weiterreichung eben dieser Rechte, dass aus diesem großen Ausbauplan nichts wird. Allein schon deshalb, weil künftig auch über DAZN Olympia-Übertragungen zu sehen sein werden. Und zwar durch die zusätzliche Vereinbarung zwischen Eurosport und DAZN, dass über die Streaming-Plattform nun die beiden linearen Eurosport-Programme (Eurosport 1 und Eurosport 2) zu empfangen sind und somit DAZN-Abonnenten auch die Übertragungen der beiden Sender von den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio sehen können.

Für die Zuschauer bedeutet all das: Sie müssen, wenn sie mit dem Angebot nicht mehr zufrieden sind, ihr Jahresabonnement von Eurosport in Höhe von 49,99 Euro kündigen, was ihnen mit Hinweis auf den Verlust der Fußballrechte denn auch als Ausnahmekündigung gestattet wird; allerdings kann das zu einem Irrlauf über die betreffenden Internetseiten führen und so einiges an Lebenszeit verschlingen. Damit es noch komplizierter wird, wirbt wiederum Amazon Prime damit, dass man über dessen Streaming-Angebot und dort über den Eurosport-Player die erwähnten Bundesliga-Spiele sehen kann und zusätzlich auch noch eine Reihe anderer Sportwettbewerbe. Die Bundesliga-Übertragungen werden dabei nun von DAZN durchgeführt.

Der Eurosport-Player über Amazone-Prime kostet monatlich 5,99 Euro. Zu berücksichtigen ist indes noch die Grundgebühr von Amazon Prime, die jährlich 69 Euro beträgt. Damit ist der Eurosport-Player über Amazon Prime letztlich in etwa so teuer wie das monatlich kündbare DAZN-Abonnement (11,99 Euro pro Monat). Gegenüber dem Jahrespreis für den Eurosport-Player (mit den Bundesliga-Übertragungen), als man ihn noch direkt über die Website von Eurosport buchen konnte, muss man nun mehr bezahlen. Hinzu kommen für den Fußballfan die Abonnementgebühren für Sky. Es wird also nicht billiger.

Ob es auch besser wird? Die Übertragungen von der englischen Premier League, die DAZN bis zum Ende der vorigen Saison anbot, wirkten dank junger Kommentatoren und weithin unbekannter Fachleute erfrischend unprätentiös und damit anders. Aber schon das Spiel um den DFL-Supercup am 3. August zwischen Borussia Dortmund und Bayern München (2:0), das DAZN aufgrund der neuen Rechtelage – parallel zum ZDF – live übertrug, deutete die journalistischen Grenzen des Streaming-Portals an. Kommentator Jan Platte und der bisher nicht sonderlich bekannte Experte Ralph Gunesch wirkten nicht wie Journalisten, die ein Ereignis kritisch zu begleiten verstehen, sondern wie Reklamefritzen der Deutschen Fußball-Liga, die eine eigene Veranstaltung hochloben. Kein kritisches Wort zur wie immer peinlichen Rahmenveranstaltung des Spiels, kein kritisches Wort zu den Fehlentscheidungen des Schiedsrichters und seiner Videokollegen im Kölner DFL-Keller, kein Zweifel an der Veranstaltung, die ja sportlich so überflüssig ist wie ein Kropf. Statt dessen eine Art von Selbstbeweihräucherung ob des Rechtecoups. Es war, als haute man sich bei DAZN immer noch vor Freude laut auf die Schenkel.

Wie kräftig DAZN in Sportrechte investiert, war schon in den vergangenen beiden Jahren aufgefallen. Mit den Übertragungen von der Fußball-Bundesliga ist das 2015 gegründete Streaming-Portal, das über die Perform Group dem russischstämmigen Investor Leonard Blavatnik gehört, nun in der obersten Reihe der Sportsender in Deutschland angekommen. Und es wird so sein, dass DAZN bei der nächsten Runde um die Übertragungsrechte an der Bundesliga mitbietet (vgl. MK-Meldung), wobei das Unternehmen dann vermutlich sogar darauf abzielen wird, dem Platzhirsch Sky das wesentlich mehr Spiele umfassende Paket abzujagen.

Die Konkurrenz zwischen den beiden Anbietern kann man auch daran erkennen, wie Sky seit dem 9. August sein neues Angebot der Live-Übertragungen von der englischen Premier League präsentiert; diese Rechte hatte Sky im Juni erworben und damit DAZN ausgestochen. Das Eröffnungsspiel der neuen Saison 2019/20 zwischen dem FC Liverpool und Norwich City übertrug Sky jedenfalls mit hohem Aufwand, als handelte es sich um ein äußerst wichtiges Spiel der Bundesliga.

Die Chancen von DAZN bezogen auf die Bundesliga-Rechte, die die DFL im nächsten Jahr für die neue Periode vergeben will, dürften nicht schlecht stehen. Denn Sky Deutschland ist nach dem Erwerb seiner britischen Muttergesellschaft durch den US-amerikanischen Mediengiganten Comcast deutlich verunsichert. In der deutschen Sky-Zentrale trennte man sich schon von führenden Mitarbeitern, was auf Sparmaßnahmen und einen veränderten Kurs schließen lässt. Für Konkurrenten wie DAZN eine gute Ausgangslage. Doch auch für den Streaming-Anbieter DAZN, der gewiss noch keine schwarzen Zahlen schreibt und angesichts der Investitionen auch in den nächsten Jahren nicht schreiben wird, bedeutet der Erwerb der Bundesliga-Rechte nichts als eine Spekulation auf die Zukunft. Kann die Plattform zum führenden Sportanbieter in Europa aufsteigen? Oder anders gesagt: Gelingt DAZN, was Eurosport missriet?

12.08.2019 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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