Der Koi von Jupp Heynckes

Zum 50-jährigen Bestehen der ZDF‑Sendung „Das aktuelle Sportstudio“

Von René Martens

02.08.2013 • „Harry Valérien, Hajo Friedrichs und Dieter Kürten haben sich in mein frühkindliches Gedächtnis ebenso eingebrannt wie die RAF-Fahndungsfotos aus der örtlichen Postfiliale.“ Das schrieb Dirk Fischer im Mai vorigen Jahres im Fußballmagazin „11 Freunde“ (Heft 5/2012) – in einem von der Redaktion der Zeitschrift halbironisch als „voreilige Grabrede“ bezeichneten Text. Es ging um „Das aktuelle Sportstudio“ des ZDF. Zweimal hat sich das im Verlag Gruner+Jahr erscheinende Magazin in den vergangenen 15 Monaten ausführlich mit der Sendung befasst. Rund ein Jahr nach Fischers Text erschien in einer „11-Freunde“-Sonderausgabe zum Thema „50 Jahre Bundesliga“ ein Interview mit dem erwähnten Dieter Kürten, der die meisten „Sportstudio“-Ausgaben moderiert hat (375 in 33 Jahren). In dem Gespräch ging es unter anderem darum, dass dessen erste Sendung im Jahr 1967 „drei Stunden und 18 Minuten“ dauerte. „Heute undenkbar, aber damals hat man uns machen lassen“, sagte Kürten dazu.

Die zitierten Passagen sagen zwar wenig aus über die Qualität des „Sportstudios“ in diesen Zeiten und es ist auch nicht auszuschließen, dass es in der angesprochenen 198-Minuten-Sendung viel Leerlauf gab – die Aussagen vermitteln jedoch eine Ahnung davon, was für eine Institution das „Sportstudio“, das nun am 10. August seinen 50. Geburtstag feiert, innerhalb wie außerhalb des öffentlich-rechtlichen Senders war. Heute ist eine „Sportstudio“-Ausgabe in der Regel, das heißt während der Fußball-Bundesliga-Saison, 75 Minuten lang – und sonst 15 Minuten kürzer.

An Abgesängen mangelt es nicht

Welchen Stellenwert das Format heute hausintern hat, lässt sich an einer Äußerung von ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz ablesen, mit der er begründete, warum die Sendung – oft zu Gunsten einer Krimi-Wiederholung – nicht mehr um 22.00, sondern erst um 23.00 Uhr beginnt (als Live-on-Tape-Aufzeichnung). Wenn nach einer Krimi-Erstausstrahlung um 20.15 Uhr noch ein zweiter Krimi laufe, schalteten bei diesem zweiten Film bis zu 5 Millionen Zuschauer ein. „Das werden Sie mit einem ‘Aktuellen Sportstudio’ um 22.00 Uhr niemals erreichen“, sagte Gruschwitz, als das ZDF am 2. Juli in Hamburg vor Medienvertretern auf die Geschichte der Sendung zurückblickte und das Programm für die Jubiläumsausgabe vorstellte. Das „Sportstudio“ läuft seit dem 17. Juli 2010 um 23.00 Uhr, vorher hatte es fünf Jahre lang um 22.00 Uhr begonnen. Zwischen 2004 und 2005 hatte man es zwischenzeitlich schon einmal mit der 23.00-Uhr-Sendezeit probiert.

Bei diesem Pressegespräch sagte Gruschwitz auch, er wünsche sich, dass das „Sportstudio“ auch künftig „die journalistische Institution bleibt, die es bisher gewesen ist“. Außerdem sagte er: „Der kritische Sportjournalismus ist nicht tot, er wird heute nur anders ausgelebt.“ Letzteres ist nicht falsch beobachtet. Falls Gruschwitz damit zum Ausdruck bringen wollte, dass der kritische Sportjournalismus in der ZDF-Sendung „ausgelebt“ werde, wäre das aber ein nicht unkühnes Statement.

Die Äußerungen von Dieter Gruschwitz waren offenbar an die zahlreichen Kritiker des „Sportstudios“ gerichtet. An Abgesängen auf das journalistische Niveau des „Sportstudios“ bzw. an „voreiligen Grabreden“ („11 Freunde“) hat es in der jüngeren Vergangenheit wahrlich nicht gemangelt. Vor zehn Jahren, anlässlich des letzten runden Jubiläums, widmete die „Süddeutsche Zeitung“ dieser Entwicklung einen Artikel. „Vom Mythos zum ‘Poschi’“, so lautete, zusammengefasst in der Unterzeile, der Tenor. Das Ende des Artikels klang dann noch wesentlich drastischer: „Poschi“, auch unter seinem bürgerlichem Namen Wolf-Dieter Poschmann bekannt, habe „den Mythos hingerichtet“. Teilt man diese Sichtweise, wäre noch zu differenzieren, dass er dies auf zweierlei Weise getan hat: als Leiter der ZDF-Hauptabteilung Sport und als Moderator der Sendung. Beide Funktionen hat er – was man durchaus als Fortschritt begreifen kann – mittlerweile nicht mehr inne. Als Sportchef trat er 2005 ab und seine letzte von insgesamt 230 Sendungen moderierte er im Juli 2011. Doch hat sich die Sendung deshalb inhaltlich nennenswert geändert?

Man muss die Latte ja gar nicht einmal besonders hoch legen. Am 11. Mai 2013 schrieb Detlef Esslinger, wiederum in der „Süddeutschen Zeitung“: „Ist es denn zu viel verlangt, einfach dies zu erhoffen: ein Gespräch, auf dem Niveau von Lanz oder Beckmann?“ Anders als die beiden hier erwähnten Moderatoren beherrschen jene des „Sportstudios“ nicht einmal den seichten Talk, lautet die implizite These Esslingers. In seiner Generalabrechnung kritisierte er unter anderem „Sportstudio“-Moderator Sven Voss für die Art, wie er den früheren FC-Bayern-Spieler Paul Breitner interviewt hatte. Der Weltmeister von 1974 war als Studiogast eingeladen zu einer Zeit, als die Steueraffäre von Bayern-Präsident Uli Hoeneß die Schlagzeilen beherrschte. Da Breitner Hoeneß seit mehr als vier Jahrzehnten kennt, hätte es nicht ferngelegen, den Gast auch auf das große Thema Steuerhinterziehung anzusprechen. In der Sendung teilte Voss dann aber mit, es sei Breitners „persönlicher Wunsch“, nichts zu Hoeneß’ aktueller Situation sagen zu wollen. Darauf ließe sich flapsig entgegnen: Ein Interview ist kein Wunschkonzert. Oder auf eine Passage hinweisen aus dem Text „Alles unter Kontrolle? Wie sich der Sport sein Bild in den Medien gestaltet“, den Christian Kamp, Sportredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), für die Reihe „Journalismus Bibliothek. Basiswissen für die Medienpraxis“ (Herbert-von-Halem-Verlag) verfasst hat: „Ein Sportjournalismus, der seinen Namen verdient“, darf „nicht jede Bedingung, nicht jeden Änderungswunsch“ einfach hinnehmen.

Wie auf Kritik reagiert wird

Ohnehin wirkt Sven Voss, der seit Beginn der Bundesliga-Saison 2011/12 zum Moderatorenteam des „Sportstudios“ gehört, manchmal überfordert: In der Sendung vom 25. Mai dieses Jahres, nach dem Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern (1:2), war mit Ralf Rangnick, früher Trainer bei Schalke 04 und der TSG Hoffenheim, heute Sportdirektor der Fußballteams des Limonadekonzerns Red Bull in Salzburg und Leipzig, einer der hiesigen Taktikexperten schlechthin zu Gast. Voss hatte aber offenbar kein Interesse daran, auf diese Fähigkeiten zu sprechen kommen – dabei wäre eine taktische Analyse des Champions-League-Endspiels aus Rangnicks Munde reizvoll gewesen. Mit der Sendung hätte sich auch ein Kreis schließen können, denn die Basis für sein Image als Taktikerklärer legte Rangnick 1998 mit einem – nicht unumstrittenen – Auftritt beim ZDF im „Sportstudio“. Er beschrieb damals, wie die zu diesem Zeitpunkt fürs breite Publikum noch wenig vertraute Viererkette funktioniert.

Wenn sie für ihre journalistische Kompetenz werben wollen, nennen die „Sportstudio“-Macher immer wieder dieselben Ausgaben, darunter eine aus dem November 2012, die ein 35-minütiges Interview mit dem früheren Radprofi Tyler Hamilton zum Thema Doping enthielt. Und im Januar 2012 wie auch Januar 2013 gab es jeweils eine monothematische Sonderausgabe des „Aktuellen Sportstudios“ zum Thema ‘Fußballfankultur, Fangewalt und Pyrotechnik’. Die Art der Argumentation erscheint vertraut: Auch andere öffentlich-rechtlichen Programmverantwortliche reagieren auf Kritik gern mit dem Verweis auf eine überschaubare Zahl von Beispielen. Geht es darum, dass ARD und ZDF keine anspruchsvollen deutschen Serien produzieren, entgegnen sie mit einem Verweis auf „Im Angesicht des Verbrechens“ (ARD/Arte, 2010) und/oder „KDD – Kriminaldauerdienst“ (ZDF, 2007 bis 2010).

Auch andere Argumentationsmuster sind in ähnlicher Form aus anderen Debatten über das öffentlich-rechtliche Fernsehen bekannt: die Art etwa, mit der Dieter Gruschwitz die Entwicklung der Sendung verteidigt und die Kritik daran abwehrt, dass Hintergrundberichterstattung und kritische Analysen der Strukturen des Sportbetriebs zu kurz kämen. „Wir müssen unterscheiden: Was ist für uns als Journalisten interessant und was ist interessant für die Konsumenten, die wir beliefern müssen?“

Für einen öffentlich-rechtlichen Journalisten ist das eigentlich eine Bankrotterklärung. Gruschwitz ist weder der Wahlkampfmanager einer Partei noch der Geschäftsführer einer Marmeladenfabrik, der darauf erpicht sein muss, die richtigen Geschmacksvorlieben der – potenziellen – Käufer zu treffen. Hinzu kommt, dass die Sehgewohnheiten und damit auch die Interessen der „Konsumenten“ vom Fernsehen beeinflusst bis geformt werden, wenn auch keineswegs nur vom ZDF. Doch das spielt in solchen Argumentationen selten eine Rolle.

Endlich einmal wieder Anlass für Debatten

Was die Macher unumwunden zugeben: Sie würden gerne mehr Gäste einladen. „Platz für einen zweiten Gast jenseits des Fußballs zu schaffen“ und generell „für Diskussionen“ – das sei „schwierig“, sagt Moderator Michael Steinbrecher: „Aber wir schaffen das immer wieder.“ „Immer wieder“ ist natürlich eine dehnbare Formulierung. Am 20. Juli dieses Jahres gelang es immerhin. Da wurde, um es mit Dieter Gruschwitz zu sagen, der „kritische Sportjournalismus“ im „Sportstudio“ ausnahmsweise mal wieder „ausgelebt“. Neben Karla Borger und Britta Büthe, kurz zuvor Beachvolleyball-Vizeweltmeisterinnen geworden, war der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon zu Gast; seine Expertise war gefragt, weil in der Woche vor der Sendung mehrere Leichtathletik-Sprintstars zeitgleich als Doper aufgeflogen waren – darunter Asafa Powell (Jamaika) und Tyson Gay (USA), der 2013 die bisher schnellste Zeit über 100 Meter gelaufen war.

Simon sorgte an diesem Abend dafür, dass die Traditionsshow des ZDF endlich einmal wieder Anlass für Debatten lieferte – vor allem mit der Aussage, er habe an einer Dopingstudie für den Leichtathletik-Weltverbands IAAF mitgearbeitet, doch die Daten würden nun unter Verschluss gehalten und eigentlich dürfe er sich dazu gar nicht äußern. Ein Hauch der großen weiten Whistleblowing-Welt wehte da plötzlich durch das Studio auf dem Mainzer Lerchenberg. In geringerem Umfang für Widerhall sorgte noch Simons Schätzung, „60 Prozent aller Hochleistungssportler“, die bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London dabei waren, seien gedopt gewesen. Es ist löblich, dass das ZDF Perikles Simon eingeladen hatte, es ist aber symptomatisch für die grundsätzlichen Schwächen des „Sportstudios“, wie die Macher das von zwei Filmberichten flankierte Gespräch platziert hatten. In der Inhaltsübersicht war Doping das Thema Nummer 1, doch dann musste der Zuschauer mehr als die Hälfte der Sendezeit überstehen, bis das Gespräch von Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein mit Studiogast Simon losging. Weggesendet wurde vorher unter anderem die Aufforderung an die Zuschauer, anlässlich des 50. Geburtstags eigene Versionen der „Sportstudio“-Titelmelodie einzuschicken – und nicht zuletzt eine kurze Performance der beiden Beachvolleyball-Spielerinnen, die sich nebenbei als Musikerinnen betätigen.

Eine Woche später, am 27. Juli, bot das „Sportstudio“ dann wieder sehr Vertrautes: Jupp Heynckes, der in der Saison 2012/13 als Trainer mit dem FC Bayern drei Titel geholt hatte, war zum ersten Mal in seiner Eigenschaft als Ruheständler zu Gast in der Sendung. Moderator Michael Steinbrecher erwähnte, die Bayern-Spieler hätten Heynckes für seine Finca im Niederrheinischen kürzlich einen sehr teuren Koi geschenkt. „Dem Koi geht’s blendend. Der hat sich unglaublich gut eingelebt, er frisst gut, er wird betreut, es sind viele andere Fische dabei, es ist optimal“, berichtete der Studiogast. Welch eine Erleichterung für die Zuschauer!

Warum es, um es mit Steinbrecher zu sagen, so schwierig ist, „Platz für Diskussionen“ zu schaffen, lässt sich unter anderem anhand der Passage eines Textes erklären, den ZDF-Chefredakteur Peter Frey für das Presseheft zum jetzigen Jubiläum des „Sportstudios“ verfasst hat. „Das im Free-TV exklusive [Bundesliga-] ‘Topspiel’ am Samstagabend mit Interviews und der taktischen Analyse sowie hintergründige, auf die Besonderheiten eines Spiels fokussierte Berichte“ seien das „Kernelement“ der Sendung, schreibt Frey. Um daran den Satz anzuschließen: „Der Bundesliga-Vertrag enthält Rechte und Pflichten.“ Mit anderen Worten: Wann und in welchem Umfang das ZDF vom 18.30-Uhr-Spiel eines Bundesliga-Samstags zu berichten hat, ist im genannten Vertrag festgelegt. Was aber, wenn ein Spiel des Nachmittags oder Geschehnisse jenseits des Spielfelds es erforderten, mit einem anderen Thema einzusteigen? Was, wenn im Lauf des Abends ein Ereignis aus der Sportwelt sich als erster Beitrag aufdrängte?

Der Sportjournalismus und seine Pflichten

Grundsätzlicher gefragt: Darf es für Journalisten, zumal für jene des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, solche „Pflichten“ (Frey) überhaupt geben? Dürfen Sender Verträge unterschreiben, in denen festgelegt ist, wie sie ihre Sendungen aufzubauen haben? In einem Beschluss des MDR-Rundfunkrats vom 1. Juli dieses Jahres, den das Kontrollgremium der Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK) der ARD vorgelegt hat, heißt es zu diesem Thema: „Hinter den Sportarten stehende Unternehmen dürfen keinen Einfluss auf Art und Umfang der Übertragung haben.“ Das klingt wie ein frommer Wunsch, weit entfernt von der Realität. Doch es ist angebracht, so etwas immer mal wieder zu formulieren. Die Taktikanalysen des 18.30-Uhr-Spiels gehören beispielsweise oft zu den Stärken im ZDF-„Sportstudio“, aber natürlich gibt es Samstage, an denen man auf eine ausführliche Begleitberichterstattung auch gut verzichten könnte, weil sich andere Schwerpunkte anbieten.

Wie wenig Gestaltungsspielraum die „Sportstudio“-Redaktion während einer Fußballsaison letztlich hat, zeigt, dass die beiden Spezialsendungen zum Thema ‘Fankultur’ jeweils während der Fußball-Winterpause liefen – und an dem Wochenende, als der Sportmediziner Perikles Simon zu Gast war, startete zwar die 2. Bundesliga in die neue Saison, die 1. Liga pausierte allerdings noch, insofern war die Redaktion relativ frei.

Indem ZDF-Chefredakteur Frey den Begriff „Pflichten“ ins Spiel bringt, regt er zugleich dazu an, anlässlich des Jubliäums des „Sportstudios“ auch über den grundsätzlichen Zustand des Sportjournalismus zu sinnieren. Das hatte am 20. Juni dieses Jahres bereits Michael Steinbrecher getan, als er in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ begründete, warum er nun Ende August, fast pünktlich zum Jubiläum, als Moderator der Sendung aufhöre. Bei der Veranstaltung des ZDF am 2. Juli in Hamburg ergänzte er, dass „Vereins-TV“-Angebote im Internet „versuchen, uns die Arbeit abzunehmen“ – um schnell hinterherzuschicken, die Formulierung sei „in Anführungszeichen“ zu verstehen. „Einer Erwartung, die in Richtung PR-Journalismus geht“, dürfe man sich jedenfalls „nicht beugen“. Steinbrecher ist auch Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Die von ihm beschriebene Entwicklung erklärt sich dadurch, dass sich Sportorganisationen im Internet selbst als berichtende Akteure positioniert haben – und nicht mehr nur Gegenstand der Berichterstattung sein wollen. Es geht einerseits um Kommunikationskontrolle, andererseits darum, mit Web-TV Geld zu verdienen – durch Werbung und/oder Abogebühren. Da sind Journalisten ein Störfaktor.

Die Geschäftsinteressen der Sportorganisationen bringen kuriose Regularien mit sich. Ein Beispiel aus der zu Ende gehenden Sommerpause: Als Fußball-Bundesligist Hamburger SV am 4. Juni seinen neuen Sportchef Oliver Kreuzer vorstellte, wollten das „Hamburger Abendblatt“, der NDR und Sat 1 die Präsentation als Livestream jeweils in ihren Online-Angeboten übertragen. Der Verein beharrte jedoch darauf, dies auf seiner Website hsv.tv „exklusiv“ zu tun. Aus ähnlichen Gründen erlauben es andere Klubs Online-Plattformen grundsätzlich nicht, von ihren Pressekonferenzen Bewegtbilder zu produzieren. Juristisch sind solche Maßnahmen durch das Hausrecht gedeckt.

Explizite Kritik am „Sportstudio“ hat Steinbrecher in seinen Ausführungen zu den strukturellen Problemen des Sportjournalismus nicht geübt. Er hat allerdings ein Beispiel dafür genannt, inwiefern die neuen PR-Strategien die Sendung konkret tangieren. Zu den Maximen der Öffentlichkeitsarbeit der Vereine gehört es nämlich auch, Konflikte nicht offen auszutragen, weil man glaubt, dies sei dem Image nicht zuträglich „Wir laden regelmäßig, wenn es Konfrontationen gibt, beide Parteien ein. Aber die Vereine lassen sich auf solche Konfrontationen nicht mehr ein“, sagt Steinbrecher im bereits zitierten FAZ-Interview.

All diese Themen dürften weit weg sein, wenn das „Sportstudio“ am 10. August mit einer Live-Ausgabe sein rundes Jubiläum begeht. Der eigentliche Geburtstag ist der 24. August – man hat die Jubiläumssendung aber vorverlegt, weil zwischen dem 9. und 11. August der erste Spieltag der neuen Saison der Fußball-Bundesliga über die Bühne geht. So schlägt man einen Bogen ins Jahr 1963: Die allererste Sendung lief an jenem Tag, an dem auch die Fußball-Bundesliga startete. Am runden Geburtstag ist nun eine Mischung aus regulärer Berichterstattung zum ersten Spieltag 2013/14 und einer Jubiläumsausgabe geplant. Diese Sendung wird ausnahmsweise um 22.00 Uhr beginnen und ausnahmsweise zwei Stunden dauern. Franz Beckenbauer, der „Kaiser“, wird als Gast dabei sein, und einen Wettbewerb zwischen jenen acht Männern, die beim Schießen auf die legendäre „Sportstudio“-Torwand bisher fünf von sechs möglichen Treffern erzielten, soll es auch geben.

Ein Schmieding von heute

Der 50. Geburtstag bietet auch die Gelegenheit, an jene Moderatoren zu erinnern, die zur Geschichte des „Sportstudios“ etwas beigetragen haben, deren Namen sich aber weitaus weniger eingeprägten als jene von Kürten, Valérien & Co.: 39 Moderatoren bzw. Moderatorenduos waren bisher im Einsatz – darunter auch Gastmoderatoren, die vor allem in den 1970er Jahren Akzente setzten. Zu ihnen gehörten Kollegen vom Österreichischen Rundfunk (ORF), etwa Kurt Jeschko, oder der jenseits des Sports bekannt gewordene Frank Elstner. Mit dem 13. Auftritt des Kabarettisten Werner Schneyder endete diese Tradition 1990 – unter dem Vorbehalt, dass das ZDF, das auf Anfrage der FK eine Liste mit den Gastmoderatoren zusammenstellte, betont, diese erhebe „keinen Anspruch auf Vollständigkeit“.

Am bemerkenswertesten aus heutiger Sicht ist das Mitwirken Walther Schmiedings. Er war der erste Redaktionsleiter der 1966 gestarteten ZDF-Kultursendung „Aspekte“ und zwischen 1969 und 1972 zwischenzeitlich Intendant der Berliner Festspiele. Im Januar und April 1971, also in seiner ZDF-Pause, präsentierte der ehemalige Leichtathlet und Schwimmer Schmieding das „Aktuelle Sportstudio“. Es ist ja heute nicht mehr vorstellbar, dass eine einflussreiche Persönlichkeit aus dem Kulturbetrieb die Sendung moderiert. Schade eigentlich: Womöglich könnte das „Sportstudio“ davon profitieren, dass Gastmoderatoren aus anderen Genres der Sendung hin und wieder ein anderes Gesicht geben. Ein Schmieding von heute zum Beispiel, der in der Musik- und Theaterwelt zu Hause ist. Das Gegenargument der ZDF-Strategen kann man sich leicht ausmalen. „Der Zuschauer“, werden sie sagen, will das nicht.

• Text aus Heft Nr. 31/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

02.08.2013/MK
50 Jahre „Das aktuelle Sportstudio“: Die erste Sendung lief 1963 an jenem Tag, an dem auch die Fußball-Bundesliga startete Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 24/2018

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