ZDF-Sportreportage Extra: Sport und Integration (ZDF)

Überraschend facettenreich

02.11.2018 •

02.11.2018 • „Lassen Sie uns alle zusammen ein bisschen mutiger sein. In diesem Sinne: Schönen Sonntag, machen Sie es gut!“ Das sind salbungsvolle Worte, die man am Schluss vom „Wort zum Sonntag“ erwartet, aber nicht unbedingt als Abmoderation einer „ZDF-Sportreportage“. Doch genau mit diesem Vorsatz beendete Moderator und Presenter Yorck Polus diese Sonderausgabe der „ZDF-Sportreportage“ zum Thema „Sport und Integration“.

Da das ZDF die Sendung vor allem damit beworben hatte, dass es darin ein Exklusivinterview mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geben werde, durfte man die Erwartungen wohl eher nicht allzu hoch hängen. Das Staatsoberhaupt würde vermutlich den unschätzbaren Wert des Sports bei der Integration betonen und den vielen ehrenamtlichen Trainern und sonstigen Helfern danken. Was Steinmeier später in dem Film denn auch tat. Zudem bemerkte er aber auch: „Vielfalt ist anstrengend“ – und bat um ein wenig Nachsicht mit den häufig sehr jungen Sportstars, von denen man noch kein umfassendes politisches Bewusstsein erwarten könne. Was insofern Sinn machte, als wenig später im Film darauf verwiesen wurde, dass die Funktionäre des Weltfußballverbands FIFA es mit den demokratischen Tugenden auch nicht sonderlich genau nehmen, wenn sie WM-Turniere an Staaten wie Russland oder Katar vergeben und FIFA-Boss Giovanni Infantino mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in dessen Büro vor Fernsehkameras werbewirksam (für Putin) einen Ball hin und her kickt.

Überhaupt nahm sich diese Reportage weit facettenreicher aus, als zu erwarten stand. Natürlich wurde hier auch der Fall Mesut Özil verhandelt, der nach der verkorksten WM 2018 in den Netzwerken zum Sündenbock des deutschen Fußballs gemacht worden war und einen Shitstorm an rassistischen Beleidigungen über sich ergehen lassen musste. Mit der Konsequenz, dass er sich aus der Nationalmannschaft verabschiedete und in einem Rundumschlag den Oberen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Rassismus vorwarf. Das mag überzogen gewesen sein. Fakt ist jedoch, dass es die DFB-Funktionäre versäumten, Özil angesichts dieses Shitstorms in Schutz zu nehmen.

Und die 50-minütige Reportage wartete auch gleich mit Beispielen eines besseren Krisenmanagements auf. Etwa bei der schwedischen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2018 oder beim kleinen Verein SC Lauchringen (Südbaden). Nachdem dessen Spieler Kebba Mamadou, gebürtig aus dem westafrikanischen Staat Gambia, während eines Spiels des A-Kreisligisten von Zuschauern rassistisch beleidigt worden war, solidarisierte sich die gesamte Mannschaft mit ihm, verließ geschlossen den Platz und nahm in Kauf, dass die Partie gegen sie gewertet wurde.

Überhaupt schauten sich die Macher des Films viel an der Basis um. So etwa beim Bonner SC, dessen Nachwuchskicker aus 24 Ländern stammen und der für seine integrative Jugendarbeit bereits ausgezeichnet wurde. Deshalb hatte Yorck Polus – der auch der Leiter der Redaktion „ZDF-Sportreportage“ ist – das Interview mit Frank-Walter Steinmeier auch während eines Besuchs des Bundespräsidenten im Stadion des Bonner Fußball-Regionalligisten geführt. Aber Nestor Londji, Trainer mit afrikanischen Wurzeln und zuständig für das U17-Team des Bonner SC, machte trotz all des Lobes am Tag des Steinmeier-Besuchs dennoch keinen Hehl aus seiner Erfahrung. Auf die Frage, ob es Rassismus im Fußball gebe, antwortet er: „Ja, definitiv.“

Auch wenn der Fokus der Reportage eindeutig auf der beliebtesten Sportart Fußball lag und mit Hilfe von Archivbildern deutlich gemacht wurde, dass Rassismus auch schon in den 1990er Jahren weit verbreitet war, kamen andere Sportler ebenfalls zu Wort. So etwa Bastian Doreth (Bayreuth), Spieler der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, und der aus der bayerischen Stadt Parsberg stammende Box-Weltmeister Ünsal Arik, der für die Türkei startete, bis er sich öffentlich gegen den türkischen Präsident Erdogan wandte, der ihn daraufhin prompt verklagte.

Und dann war da auch noch ein Interview mit dem legendären US-amerikanischen Leicht­athleten John Carlos, der bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko Bronze über 200 Meter gewonnen hatte und bei der Siegerehrung gemeinsam mit dem Goldmedaillengewinner, seinem Landsmann Tommie Smith, als Zeichen der Solidarität mit Black Panther und der Bürgerrechtsbewegung eine mit schwarzem Handschuh versehende Faust in den Himmel gereckt hatte. Ob dieses Interview eigens für dieses Sondersendung der „ZDF-Sportreportage“ geführt oder das Material anderweitig beschafft worden war, wurde nicht recht deutlich. Aber als Beleg für die unausweichliche Verquickung von Sport und Politik war es allemal dienlich.

In diesen Zusammenhang gehörte auch der Hinweis im Film, dass deutsche Einwanderungs­behörden auch schon mal sehr zügig arbeiten können und Sportler ins Land ‘integrieren’, wenn Olympia-Medaillen in Aussicht stehen. So wurde der gebürtige Franzose Bruno Massot kurzerhand eingebürgert, um gemeinsam mit der gebürtigen Ukrainerin und ebenfalls eingebürgerten Aljona Savchenko bei den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang Gold für Deutschland zu gewinnen. Was bekanntlich auch gelang. Mit dem Thema Rassismus im Sport hatte dieser Fall jedoch allenfalls am Rande zu tun, wie überhaupt sich die Reportage bisweilen auf Nebenschauplätzen zu verzetteln drohte.

Ein anderer Schwachpunkt war zudem, dass Moderator Yorck Polus, der zwischendurch immer wieder an verschiedenen Orten auftauchte, Kommentare gab oder Interviews (unter anderem in Gelsenkirchen auf einem Förderturm mit dem früheren Fußball-Nationalspieler Gerald Asamoah) mit Fragen führte, die die Antworten quasi vorwegnahmen. Und manche Sequenzen des Films hatten wirklich so belanglose wie überflüssige musikalische Unterfütterungen. Wer im Übrigen für dieses Extra der „ZDF-Sportreportage“ neben den sechs (!) im Abspann aufgelisteten Redakteuren hinsichtlich der Autorenschaft eigentlich verantwortlich war, blieb seltsamerweise im Dunklen. Unter dem Stichwort „Leitung“ wurde im schnell laufenden Abspann nur einigermaßen nebulös Manuel Bienefeld aufgeführt; für die Regie wurde Ansgar Pohle genannt und für die Produktion wurden Axel Hempel und die Firma 7T1 Media aufgeführt.

Unter dem Strich bot der Film trotz mancher Schwächen einen erhellenden, überaus materialreichen Einblick in ein virulentes Problemfeld. Dass dieser Beitrag im quotenmäßigen Niemandsland am späten Sonntagnachmittag ausgestrahlt wurde, gehört zur Tragik der „ZDF-Sportreportage“, die es immerhin seit 1966 gibt. Die Sonderausgabe zum Thema „Sport und Integration“ sahen 1,02 Mio Zuschauer (Marktanteil: 6,0 Prozent).

02.11.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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