Soeren Voima: Ruf der Wildnis. Hörspiel nach dem Roman von Jack London (NDR Info)

Die Ordnung der Natur

12.08.2018 • Buck führte ein privilegiertes Leben im kalifornischen Luxus mit Häusern, Ställen, Park und Pool. Er hielt das alles für die legitime Ordnung der Natur und wusste nichts von Wertpapieren und Warenbörsen. Buck ist der Held von Jack Londons 1903 erschienenem Roman „Ruf der Wildnis“ – und er ist ein Hund. Ein Hund, der bald am eigenen Leibe erfahren wird, was es heißt, sich in der brutalen Ökonomie der ursprünglichen Akkumulation durchschlagen zu müssen. Er wird vom Gärtnerburschen seines Herrn entführt und verkauft und gelangt nach Alaska, wo 1897 am Klondike River Gold gefunden wurde.

Doch bevor Buck als Schlittenhund verwendungsfähig ist, muss er gebrochen werden. Buck wird übel verprügelt, bis er seinen Platz in der Hierarchie akzeptiert. Es ist der Platz ganz unten: „Er war bekehrt / Die Offenbarung war ein Knüppel / Recht ist Gewalt / Gesetz ein Mann mit Waffe / Das war lebenslänglich ihm nun eingebläut“. Die Lektion wird jedesmal erneuert, wenn „den Knüppel er auf einen andern Leib einprügeln sieht“. Und wer sich nicht belehren lässt, den trifft die Axt. „Armes Hündchen, behandelt wie ein Mensch“, spottet ein Zuschauer.

Oft ist die Romanbearbeitung für das Hörspiel lediglich eine Fleißaufgabe, für die man Dialoge extrahieren, das Erzählerproblem lösen und eine Dramaturgie entwickeln muss, die aus einem Buch ein maximal 55 Minuten langes Stück macht. Dass der Bearbeiter Soeren Voima – ein Pseudonym des Theaterdramaturgen Christian Tschirner – hier als Autor geführt wird, hat seine Berechtigung. Er hat den 160-seitigen Roman von Jack London in gebundene Sprache gesetzt, die dem Text einen rollenden Rhythmus verleiht und ihn um vielfältige literarische Referenzen erweitert. Zugleich erzählt er den Roman als eine Parabel über den Prozess der Entzivilisierung, die Konsequenz einer ausschließlich profitorientierten, ökonomischen Rationalität ist.

Angekommen in Alaska wird Buck Zeuge der kannibalischen Attacke seiner Artgenossen auf eine Hündin: „Schrecklich der Knüppel / doch noch schrecklicher die Zähne der Geprügelten“, heißt es und später: „Wer stirbt wird Futter seiner Artgenossen / das Sterben zu verlängern“. Die „Ordnung der Natur – ein Lager“ und was Buck früher dafür gehalten hatte, war nur ein unbegreiflicher Glücksfall. Als Schlittenhund ist er sozialdarwinistischen Ausbeutungsverhältnissen unterworfen, die er nach einem Überfall halb verhungerter herrenloser Hunde auch noch verteidigt. Denn ein Hundeleben erscheint ihm besser als ein Hundetod: „Each dog still knows its underdog […]. Feel free to live in chains“, so heißt es im englischen Original.

Die Vernutzung hündischer Arbeitskraft erreicht ihren Endpunkt, als die ausgebeutete Kreatur auf ihren Nährwert reduziert wird. Von den tausend Dollar, die Buck einst wert war, bleiben noch drei für seinen abgemagerten Körper. Durch glückliche Umstände wird er vor dem Abdecker gerettet und kommt schließlich zu einem gewissen John Thornton, der ihn wieder aufpäppelt. Buck wird von einem Arbeitssklaven zu einem Anlageobjekt, denn nach einer gewonnenen Wette verkauft Thornton Anteile an seinem Hund. Er ist das Startkapital für sein Ein-Mann-Goldsucher-Unternehmen. Als Thornton getötet wird – übrigens ohne dass die Mörder seine Goldreserven anrühren –, folgt Buck dem Ruf der Natur und „wird, was er niemals war, wird Wolf“.

Doch der Gegensatz von Kultur und Natur interessiert Soeren Voima hier nicht weiter. Sein Stück erinnert eher an David Lindemanns Hörspiele „Ulzanas Rache“ (vgl. FK-Kritik) und „Das Wiegenlied vom Recht“ (vgl. FK-Kritik), in denen den blutigen Grundlagen der Zivilisation nachgespürt wird. Eine weitere Referenz aus der aktuellen Hörspielgeschichte ist Jan Wagners „Gold.Revue“ (vgl. MK-Kritik), in der das Gold auch schon in gebundener Sprache zu Wort gekommen war.

Regisseurin Cordula Dickmeiß hat Voimas Text allein mit Nico Holonics inszeniert, der bravourös den allwissenden Erzähler und alle Rollen spricht. Allerdings dominiert die Erzählerperspektive, während die Figurenrede nur als variierendes Element eingesetzt wird. Die Komposition von Andreas Bick ist auf ein ständig wiederkehrendes Banjo-Motiv mit Begleitung durch Cello und Vibraphon fokussiert und setzt quasi filmmusikalische Akzente. Was bei Jack London als merkwürdiges Amalgam aus Sozialdarwinismus und Sozialismus begann, hat Soeren Voima in die Welt gegenwärtiger Kapitalakkumulation geholt. So ist eine Funkerzählung entstanden, in der sich die Freude an der durchgeformten Sprache, der schauspielerischen Leistung und der Entschlüsselung der vielfältigen Verweise vereint.

12.08.2018 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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