David Lindemann: Ulzanas Rache (Deutschlandradio Kultur)

Anstrengende Nahkommunikation

20.01.2006 •

Das Hörspiel „Ulzanas Rache“ ist eine Adap­tion des gleichnamigen Theaterstücks von David Lindemann. Der Autor holte sich darin Motive aus Robert Aldrichs Film „Ulzana’s Raid“ („Keine Gnade für Ulzana“) aus dem Jahr 1972. Es geht dabei darum, die Frage nach dem Vorrecht der weißen (christlichen) Zivilisation aus dem 19. Jahrhundert auf die Zeit nach dem 11. September 2001 zu verlegen und damit die Überlegungen zur Berechtigung von Antiterror-Kriegen mit alternativen Sehweisen zu versehen. Für Lindemann ist ein neuer clash of civilizations, wie es ihn damals in den USA zwischen dem US-Militär und den Indianerstämmen gab, mit der Konfrontation von christlichem Westen und islamischem Mittleren Osten Wirklichkeit.

Den größten Teil des rund 40-minütigen Hörspiels bildet ein Dialog zwischen dem weißen Soldaten DeBuin (Jens Wawrczeck) und dem Apachen-Scout KenNiTay (Robert Besta), die gemeinsam den aus dem Reservat verschwundenen Apachen-Häuptling Ulzana aufspüren sollen. Der Dialog zwischen den beiden (DeBuin fungiert auch als Erzähler und Moderator) stellt nicht nur zwei sich praktisch ausschließende Kulturen vor. Lindemann hat in die anstrengende Nahkommunikation auch Reflexionen zu der Frage eingebracht, in welcher Reihenfolge und Abhängigkeit Elemente sinnloser Brutalität in die jeweilige Hochkultur eingehen. Es werden also negative Aspekte betrachtet, die von beiden Seiten der jeweils anderen Kultur zugeordnet werden. Und es wird überlegt, wie sich der eine in der jeweils anderen Kultur-Verhaltenswelt fühlen würde.

Für die christliche Kultur gilt bei Lindemann eine aggressive Hybris als ohnehin gegeben, aber er lässt zudem den Apachen KenNiTay – und hier folgt er phasenverzögert der Tendenz von Aldrichs Western von 1972 – die dunkle, brutale Seite und das Unberechenbare von dessen edel-wilder Humanität äußern. Anders als bei Aldrich ist das bei Lindemann kein Trend der cineastischen Sicht, sondern ein kritischer Rekurs auf die Position christlicher Fundamentalisten in den USA gegenüber dem Islam nach dem 11. September 2001. Es gibt bei dem Gespräch keine inhaltliche Annäherung. Zudem transformiert Regisseur Thomas Wolfertz ganz am Anfang eine Wildwest- in eine Nahost-Schilderung und klickt somit den aktuellen Subtext an. Das Ganze soll in Bezug auf den Irak-Krieg und den (möglichen) Iran-Konflikt bedeuten: Das kann und wird dort nicht gutgehen.

Vor eher diffus platzierten Banjo-Klängen sprechen Wawrczeck und Besta ihre Parts, markant, engagiert, aber nur sehr verhalten leidenschaftlich – der Dialog könnte unter heißer Sonne hoch zu Ross oder unter Gebüsch auf der Lauer stattgefunden haben. Erst ganz am Schluss erfährt man, dass die beiden Männer sich größten­teils unterhielten, als sie nebeneinander in Schlaf­säcken lagen. Dazwischen Schießereien, Schreie und eine Feierszene mit kruden Ansprachen. Der dramaturgische Ablauf war wie die politisch-psychologische Situation damals und auch heute: wild und uneinschätzbar. Eine anregende Zivilisationsstudie.

• Text aus Heft Nr. 3/2006 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

20.01.2006 – 20.1.06 – Waldemar Schmid/FK

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