David Lindemann: Das Wiegenlied vom Recht (Deutschlandradio Kultur)

Denkfaul, aber komisch

22.06.2007 •

Anfang vergangenen Jahres debütierte der Theaterautor David Lindemann, Jg. 1977, mit dem Westernstück „Ulzanas Rache“, das anschließend auch als Hörspiel adaptiert wurde (vgl. FK-Kritik). Der Weiße Debuin und sein ihm vertraglich verpflichteter Indianerscout KenNiTay suchen den Aufständischen Ulzana, dessen Rebellentruppe eine Blutspur durch das Land zieht.

Seine zu Tode gefolterten Opfer lässt Ulzana als Fanal zurück – eine Warnung an die westliche Zivilisation. Unmöglich, dabei nicht an die irakischen Terroristen zu denken, die ihren Entführungsopfern vor laufender Kamera den Kopf abschnitten, oder an die serbische Soldateska, die die Bevölkerung von Srebrenica erst selektierte, bevor sie zum Massenmord überging. In einer historischen Überblendung erträgt Debuin es nicht, dass seine Leute in Abu Ghraib zu den gleichen Mitteln greifen wie Ulzana, was den schlimmstmöglichen Verrat an seinen eigenen Prinzipien darstellt – ihm aber ironischerweise den Respekt von KeNiTay einbringt. In keinem anderen Hörspiel wurde auf der Folie eines Western so intensiv über die aktuellen Kriege zwischen Kultur und Zivilisation nachgedacht wie in „Ulzanas Rache“. Trotzdem hat es das politisch relevanteste Hörspiel des vorigen Jahres nicht ins Repertoire der ARD geschafft. Lediglich der WDR hat das vom Deutschlandradio Kultur produzierte Stück im Programm seiner Jugendwelle Eins Live ausgestrahlt.

David Lindemanns neues Hörspiel „Das Wiegenlied vom Recht“, in dem er diesmal zusammen mit Katrin Moll selbst Regie geführt hat, spielt wieder im Wilden Westen, aber im Gegensatz zu seinem Hörspieldebüt, bei dem man die Filmvorlage nicht kennen musste, ist es diesmal hilfreich, wenn man die Plots von „Der Mann der Liberty Valance erschoss“, „Chisum“ und „Soldier Blue“ kennt. Aus dem Soldaten Debuin (Tonio Arango) ist inzwischen ein Anwalt der Rechte geworden. Ihm gegenüber steht Liberty (Anne Tismer), die weibliche Form des Banditen Liberty Valance und zugleich eine hinreißend trotzköpfige Penthesilea-Figur, die sich mit Debuin schießen will, weil sie ihn liebt. Der Dritte im Bunde ist Chisum (Christian Brückner), ein Amalgam aus dem Viehbaron des gleichnamigen Films und außerdem der Mann, der Liberty während des finalen Duells mit Debuin von hinten erschießen wird – und damit dem neuen geschriebenen Recht aus dem Hinterhalt zum Durchbruch verhelfen wird.

Dieses neue Hörspiel Lindemanns ist erheblich komischer als sein Vorgänger. Wenn Debuin den taffen Westernhelden Lesen, Schreiben und Zählen beibringen muss und sie sich am Schluss singend in einem herrlich kaputten Terzett verlieren, dann ist das schon sehr vergnüglich. Umso langweiliger ist leider die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. Dass Lindemann die Durchsetzung des Rechts auf das Sand-Creek-Massaker zurückführt, bei dem 1864 ein ganzes Indianerdorf niedergemetzelt wurde, bedient nur die niedrigsten zivilisationskritischen Instinkte. Und dass es zuvor die amerikanische Unabhängigkeitserklärung gegeben hat (1776), gerät nicht in den Blick eines denkfaulen antiwestlichen Klischees, dem jeder noch so barbarische Kulturrelativismus in emanzipativer Hinsicht lieber ist als der Universalismus der Menschenrechte, der pauschal als Imperialismus denunziert wird.

Sehr schade, dass Lindemann hier nicht die in „Ulzanas Rache“ begonnene Diskussion fortgesetzt hat, indem er These und Gegenthese gleich stark gemacht hätte – wie es sich für einen ordentlichen dramatischen Text gehört. Dann hätte es neben den komischen auch noch geistige Höhepunkte gegeben. Das gut aufgelegte Ensemble hätte es verdient gehabt, denn gedacht wird auf offener Hörspielbühne ohnehin viel zu wenig.

• Text aus Heft Nr. 25/2007 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.06.2007 – Jochen Meißner/FK

Print-Ausgabe 15/2020

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