Jan Wagner: Gold. Revue (Deutschlandfunk/SWR 2)

Suchtprophylaxe

31.07.2017 • Jan Wagner, der Büchner-Preisträger des Jahres 2017 (Preisverleihung am 28. Oktober im Staatstheater Darmstadt), hat es bereits 2008 in jungen Jahren in den „Conrady“, die Sammlung unverlierbarer deutscher Gedichte, geschafft. Er hat nun als arrivierter Lyriker mit dem als Revue angelegten Stück „Gold“ auch sein erstes Hörspiel geschrieben, ein „lyrisches Stimmenspiel“, das in spannungsreichen Bögen von den Goldsuchern im 19. Jahrhundert erzählt.

Obwohl zum Teil an historischen Biografien der Goldsucher im amerikanischen Westen orientiert, sind es weniger die geschichtlichen Details, die in dieser Koproduktion von Deutschlandfunk (DLF) und Südwestrundfunk (SWR) den Autor interessieren, als vielmehr die psychologischen und psychischen Verwerfungen, die die Glücksritter bei ihrer mörderischen Obsession verfolgen. Die Sucht und Sehnsucht nach den Nuggets hat Typen, Haudegen und Charaktere entstehen lassen, die in einem märchenhaften Urzustand Archetypen des sich rasant entwickelnden Kapitalismus verkörpern.

Jan Wagner, dessen „spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz“ (so hieß es unter anderem in der Begründung für die Vergabe des Büchner-Preises) auch seine „Gold“-Revue auszeichnen, hat in diesem Stück Chargen, Bösewichte und Huren an den Goldflüssen Amerikas versammelt: die Gräber, Schürfer, Händler, Missionare, Krämer, Spieler und Spekulanten, die Huren und Flittchen. Aber auch eine als Gold personifizierte Stimme oder das sandspülende Wasser mischen in der musikalischen Revue kräftig mit.

Wagner lässt seine meist traurigen und kräftig bramarbasierenden Helden oft in Brechtscher Manier Songs und Balladen anstimmen (Komposition: Sven-Ingo Koch) – Einschübe, die keineswegs eine verklärende Goldgräber-Romantik vermitteln, sondern die Janusgesichtigkeit und Verfallenheit der Schürfer: „Jeder für sich selbst allein, / Und der Teufel für uns alle. / Jeder für sich selbst allein, / Und der Teufel für uns alle. / Jeder für sich selbst allein, / Und der Teufel, / Und der Teufel, / Und der Teufel / Für uns alle.“

Nicht immer sind die lyrisch angelegten Lieder und Dialoge für den Hörer auf Anhieb zuzuordnen. Doch solches war bei Jan Wagner auch nicht zu erwarten, der im Jahr 2013 in einem Vortrag unter dem Titel „Der Poet als Maskenball. Über imaginäre Dichter“ bemerkte: „Die Geschichte der Poesie ist auch eine Geschichte der Täuschungen, und mitunter sind es durchaus Arglist und böser Wille, die den Betrüger zur Tat schreiten lassen.“

Bezogen auf die 75-minütige Radiorevue ließe sich daraus ableiten, dass auch Jan Wagner den Radiohörer allenthalben verzaubert und gleichzeitig auf Fährten führt, die sich sicher erst beim nochmaligen Anhören zu entschlüsseln beginnen. Es bleibt eben nicht bei einem Goldrausch-Western, sondern bei einem Figurenkabinett aus mythischen Lumpen und Typen, die einschließlich der Stimme eines bigotten Missionars den Verführungen der kapitalistischen Scheinwelt verfallen sind. Vielleicht eine Warnung des Autors oder aber eine animierende Suchtprophylaxe für Radioohren.

Unter der Regie von Leonhard Koppelmann, wie angedeutet auffallend den Brechtschen Bühnenlisten verpflichtet, sprachen in diesem Hörspiel (Redaktion: Sabine Küchler, DLF) Mechthild Großmann, Heikko Deutschmann, Henning Nöhren, Marek Harloff, Rainer Philippi, Jan Maak, Andre Kaczmarczyk, Sonja Beißwenger, Yohanna Schwertfeger, Maja Schäfermeyer, Rosa Enskat und Julian Panknin.

31.07.2017 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 21/2018

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