Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (SWR 2)

Mit allen Freuden des epischen Duktus

26.06.2015 •

26.06.2015 • Es ist Rilkes einziger Roman. Im Frühherbst 1902 beginnt ein junger Ausländer in Paris das zu schreiben, was man in Frankreich „journal intime“ nennt. Er hatte sich gerade in der Rue Toullier in einem der bescheideneren Arrondissements der französischen Weltstadt einquartiert. In der Nähe eines Armenhospitals beginnt dieser Malte Laurids Brigge, ein junger dänischer Adliger, seine Aufzeichnungen mit den so oft zitierten Worten: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ Was für ein Einstieg in eine Art Zustandsbericht eines noch nicht Dreißigjährigen!

Malte hat kaum Augen für die Schönheiten der Seine-Stadt mit ihren wunderbaren Parks und Gebäuden, kaum Gehör für die Geräusche der Stadt, eher noch Sensorien für die Gerüche dieser Metropole, für die Ausdünstungen der Armut. Er sitzt und schreibt in seinem Kämmerchen, auf der unbestimmbaren Suche nach – ja, wonach eigentlich? Am ehesten ist es wohl seine Absicht, den Untergang seiner aussterbenden Familie verstehen zu können und die verlorene Kindheit ins Gedächtnis zu rufen, und immer wieder ist er dabei auf der Suche nach seiner eigenen Existenz, die in ihren konkreten Bedingungen nur vage bleibt, Ausdruck eines krisenhaften Zustands. Gustave Flaubert hat ein solches Lebensgefühl in meisterlicher Kürze definiert: „Die Zukunft beunruhigt uns, die Vergangenheit hält uns fest, deshalb entgeht uns die Gegenwart.“

Die Figur des Malte Laurids Brigge ist in der Rezeption nach Erscheinen des Buchs 1910 als Projektion Rilkes, als sein „anderes Ich“ wahrgenommen worden, auch wenn er selbst Malte als einen Protagonisten sah, der „sich zu einer Gestalt entwickelt“ habe, „die, ganz von mir abgelöst, Existenz und Eigenart gewann, die mich, je mehr sie sich von mir unterschied, desto stärker interessierte.“ So Rilke. In jedem Fall lebt Malte mit den Erfahrungen seines weitgereisten Autors, die dieser in Skandinavien und Russland, aber eben auch in Paris gesammelt hatte.

Nachdem Rilkes Lyrik in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ebenso an Bedeutung verloren hatte wie auch seine Prosa weniger und weniger rezipiert wurde, lässt sich nun ein – wiewohl zaghaft artikuliertes – neuerliches Interesse an diesem großen Dichter erkennen, in dem manche einen „Mystiker des 20. Jahrhunderts“ zu sehen meinen. Das Interesse des Hörspielbearbeiters Manfred Hess, Chefdramaturg der Hörspielabteilung des SWR, richtet sich sowohl auf die Befindlichkeit des Malte Laurids Brigge als auch auf die literarische Meisterschaft Rilkes. Folgerichtig hat er für die Funkbearbeitung an der Narration des Romans nichts geändert, obgleich vieles der Ausrichtung auf das vorgegebene Format zum Opfer fallen musste. Selbst rund 100 Minuten – eine für heutige Usancen doch sehr umfangreiche Sendezeit – sind wenig, gemessen an Umfang und Gehalt des Romans.

Manfred Hess konzentriert sich auf essentielle Passagen. Und er konzentriert sich auf Personen, die für die Substanz des Werkes wesentlich sind. Da ist der alte Graf Brahe, Brigges Vater, ein Arzt im Hôpital de la Salpêtrière (der seinerzeit wohl bekanntesten psychiatrischen Klinik Europas), vor allem aber ist da die irisierende Figur der Abelone, die durch vielerlei Privilegien verwöhnte Kindheitsfreundin Maltes, die sowohl seine Verwandte wie auch seine kapriziöse ältere Geliebte ist (was sie durchaus mit einigen Verehrerinnen Rilkes gemein hat…). Abelone war ein damals in Dänemark offensichtlich nicht ganz ungewöhnlicher Vorname; gleichzeitig ist – nur minimal anders geschrieben – Abalone der Name für eine spiralförmige Muschel, deren Fleisch in manchen Kulturen hoch geschätzt wird, ebenso wie noch heute ihr schimmerndes Perlmutt.

Doch auch die wunderschöne Abelone bleibt in Maltes Leben peripher, letztlich von verschwindender Bedeutung. „Eine hohe Wasserscheide“ sei dieses Buch für ihn, schrieb Rilke an eine Freundin, „aber nun erweist es sich, dass alles Gewässer nach der alten Seite abgeflossen ist und ich in eine Dürre hinuntergeh, die nichts anders wird.“ So scheint es auch um die Existenz der Abelone bestellt, vor allem aber um die des Protagonisten, der weniger ein Handelnder als ein Zweifelnder ist und bleibt.

Manfred Hess hat sich auf diese quintessentiellen Pole konzentriert, ohne dabei Besonderheiten der literarischen Struktur dieses schillernden und gleichermaßen präzisen Buchs zu vernachlässigen. So sind etwa vom Autor eingefügte „Randnotizen“ mit in die Bearbeitung hineingenommen worden. Von Stefanie Eidt gelesen, skandieren sie den weitgehend monologischen Text und geben der Regie (Iris Drögekamp) und der Musik (Thomas Weber mit dem Kammerflimmer Kollektief) Gelegenheit, den Fluss der Prosa zu gliedern und quasi emotional „einzufärben“.

Victoria von Trautmannsdorff und Wolf-Dietrich Sprenger in wechselnden, kaum als Rollen zu bezeichnenden Partien, gelingt es, auch diesen kurzen Passagen Präzision und Kolorit zu geben. Jens Harzer als Malte Laurids Brigge spricht die Aufzeichnung mit eindrucksvollen Ausdrucksvarianten. Unterschiedliche Sprechhaltung und präzise gesetzte Wechsel des Timbres gestalten das Textkonvolut. Der Hörer hat dadurch nicht den Eindruck, eine Lesung zu erleben, die gleichsam zufällig Einlass ins Hörspielprogramm gefunden hat, sondern eine genuine Radioarbeit mit allen Freuden des epischen Duktus. Das macht es möglich, diese von Krisen umwobene, von Ängstlichkeiten geschüttelte und vor der Liebe zurückschaudernde Figur des Malte Laurids Brigge als das zu erleben, was sie ist: ein junger Mann, feinfühlig und voller Talente, auf der Suche nach sich und dem Anderen, also auch nach der Liebe – wenn er auch nicht müde wird, in seinen Aufzeichnungen wieder und wieder zu notieren: „Die Liebe betraf ihn nicht.“

26.06.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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