Paul Levi: „…mit dem Siegel der Justiz“ – Der Jorns-Prozess. Hörspiel nach der Rede des Verteidigers Paul Levi (SWR 2)

Hochspannende Rechtsgeschichte

22.01.2016 •

Ende vergangenen Jahres war die bemerkenswerte zweiteilige Hörspieladaption „Karl und Rosa“ nach den Erzählvorlagen „November 1918. Eine deutsche Revolution“ von Alfred Döblin im Radio zu hören (Funkbearbeitung: Norbert Schaeffer, Produktion SWR/NDR; vgl. Kritik in MK-Kritik). Es gelang mit dieser Produktion, den kritischen Blick Alfred Döblins auf die Erosionen der Weimarer Republik in kunstvollen akustischen Verschränkungen aufzufächern. Das umfangreiche Tatsachenmaterial des Autors in einer Roman-Tetralogie von über 2000 Seiten gebündelt, endet mit der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin am 15. Januar 1919 durch den Stab der Garde-Kavallerie-Schützendivision, der ausgehend vom Hotel Eden die heimtückische Ermordung der kommunistischen Spitzenpolitiker vorbereitete.

Die juristische Aufarbeitung dieser politischen Morde, jahrelang verdeckt und vertuscht, gelang im Ansatz erst zehn Jahre später, als Paul Levi, Mitbegründer der KPD und späteres Mitglied der SPD; im Rahmen einer Beleidigungsklage gegen Berthold Jacob die skandalöse Ermittlungstätigkeit des Oberreichsanwalts Paul Jorns (1871 bis 1942) als Verteidiger aufzudecken hatte. Das umfangreiche Plädoyer von Paul Levi, vorgetragen im April 1929 vor dem Schöffengericht in Berlin-Mitte, ist vollständig überliefert. Carl von Ossietzky beschrieb das Plädoyer Levis als „die mächtigste Rede nach Ferdinand Lassalle“ (1825 bis 1864).

Norbert Schaeffer hat das Plädoyer von Paul Levi, das ein vernichtendes Urteil über den Reichsanwalt Jorns und seiner „mit dem Siegel der Justiz“ versehenen Strategien der gelenkten Vertuschung anlässlich der Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht darstellt, jetzt für das Radio eingerichtet. Dabei bringt der Schauspieler Wolfram Koch unter der Regie von Claude Pierre Salmony den juristischen Part des Verteidigers souverän und distinguiert zum Sprechen. Und in der Tat vermag das Stück Rechtsgeschichte in einer Sendelänge von 85 Minuten über ganz weite Strecken zu fesseln und zu beeindrucken, weil in ihm der Untergang oder das Scheitern der Weimarer Rechtskultur so nachdrücklich eingefangen ist. Levi fungiert in seiner Rede gegen den korrumpierenden Rechtsvertreter mit glänzenden rhetorischen Attacken und einer Beweisführung gegen die marode und einäugige Justiz, die noch im Rückblick das Schaudern lehrt.

Trotz relativ ausführlicher Anmoderation und einer Abmoderation, die darauf verweisen mussten, dass Paul Levi in der folgenden Revisionsverhandlung vom Januar 1930 – Levi stürzte in diesen Tagen aus ungeklärten Umständen aus seinem Fenster und war sofort tot – sich eben nicht durchsetzen konnte und Paul Jorns in allen Punkten im Zeichen der Rechtsbeugung entschuldet wurde, konnte es im Rahmen dieser historisch spannenden Rekapitulation nicht vollständig gelingen, das Weimarer Panorama hinreichend aufzufächern. Da wurde an Detailwissen sehr viel vorausgesetzt, was das Plädoyer des Zeitgenossen nur anzureißen brauchte. Die komplexe biografische Rolle Levis im Kontext der politischen Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht blieb ebenso ausgespart wie der spätere steile Aufstieg Paul Jorns im Dritten Reich zum Ankläger beim Volksgerichtshof.

Diese wichtigen Hintergründe hätten sich in einem Feature sicher gut aufarbeiten lassen, nicht aber in der strengen (hörspielähnlichen) Dokumentation. So blieb es bei einem hochspannenden Unterricht in deutscher Geschichte, dem dringend weitere Kapitel angeschlossen werden müssten, um das Unsägliche, was in jener Zeit vor Toresschluss der Republik geschah, in seiner ganzen Tragweite verstehen zu können.

22.01.2016 – Christian Hörburger/MK