Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. In der Funkbearbeitung von Norbert Schaeffer. Kapitel Karl und Rosa, in 2 Teilen ausgestrahltes Hörspiel (SWR 2/NDR Kultur)

Ein polyphones Hörereignis

28.12.2015 •

Im Juni 2014 waren die ersten drei Teile der Hörspielbearbeitung „November 1918“ nach der Roman-Tetralogie von Alfred Döblin in den Programmen NDR Kultur und SWR 2 zu hören. Es entstand hier als Gemeinschaftsproduktion von Norddeutschem Rundfunk und Südwestrundfunk ein atemberaubendes und beispielgebendes Radio-Tableau, das die europäische und deutsche Krise in den Jahren 1914 bis 1919, das Gemetzel draußen im Feld und das politische Harakiri ‘daheim’ als Inferno ablichtete. Das Scheitern der Weimarer Republik scheint unter dieser Perspektive zwangsläufig. Norbert Schaeffer bearbeite 2014 nicht nur die gigantische Romanfolge von nahezu 1500 Druckseiten (bezogen auf die heute zugängliche Edition im S. Fischer Verlag), er schuf gleichzeitig als Regisseur eine Adaption, die in ihrer nuancenreichen akustischen Ausleuchtung des Döblinschen Romangeschehen sicher Hörspielgeschichte geschrieben hat und als Meilenstein in Erinnerung bleiben könnte (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 27/14).

Den vierten Teil „Karl und Rosa“ (die Literaturkritik spricht ganz unterschiedlich von einer Trilogie oder eben Tetralogie dieses Döblinschen Erzählzyklus) schrieb der Autor ebenfalls im kalifornischen Exil in Santa Monica und vollendete ihn im August 1943. Döblin schrieb über seinen literarischen Kraftakt an das befreundete Ehepaar Rosin: „Es sind auch diesmal zirka 700 Maschinenseiten geworden, in 14 Tagen ist es geschafft und ich werde Sie wieder um die Güte bitten, ein Exemplar für mich aufzubewahren (und, falls es Sie lockt, zu lesen). Damit ist der ganze ‘November’ fertig, in vier Bänden, denn ich habe den überdicken zweiten mit seinen 1300 Seiten in zwei Bände zerlegt. Das Ganze hat 2500 Maschinenseiten – was genug sein kann. Ich sage uff.“

„Karl und Rosa“, also Karl Liebknecht (1871 bis 1919) und Rosa Luxemburg (1871 bis 1919), die führenden Köpfe der im Vorfeld erstickten Revolution von 1919, fungieren in dem Schlussteil zwar als gescheiterte Helden – sie als deutsche Heroin und Theoretikerin, zugleich als entfernt gespiegelte Figur der klassischen „Antigone“ nach Sophokles, er als von Misserfolg geschlagener deutscher Idealist, der die entfesselten Kräfte der Arbeiterschaft nicht bündeln kann –, doch um die beiden herum tobt die Auseinandersetzung mit Politikern wie Ebert, Scheidemann, Noske und es braust das aufgewühlte Berlin auf Straßen, in Ministerien und Gefängnissen. Das alles ist nicht ohne Sarkasmus und tiefe ironische Brechungen geschildert, wenn die politischen Führer analysieren, denken, handeln und auf breiter Linie versagen, weil sie selbst Getriebene oder von Schicksalsmächten ‘Gezogene’ sind, die vermeintlich das Heft in der Hand zu halten glauben und doch an ihrer politischen Hybris scheitern.

Die revolutionären Wochen und Tage mit dem Zusammenbruch aller Träume hat Döblin bis ins Finale hinein auch in der Privatsphäre eines Gymnasialoberlehrers und Oberleutnant a.D. namens Dr. Friedrich Becker aufgezeigt. So wie dieser ehemalige Frontsoldat an seiner restaurativen Bürgerlichkeit und seinem samtpfötigen Humanismus in Schule, Bett und ausgehöhlter deutscher Bürokratie scheitert, so ergeht es den übrigen Marionetten im brodelnden Berlin, einer Stadt, die wie schon in „Berlin Alexanderplatz“ zum Schmelztiegel gigantischer Auseinandersetzungen und Kämpfe wird. Der Doppelmord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht markiert zwar in dem Erzählwerk einen brutalen und schauerlichen Höhepunkt, durchaus filmisch angelegt, doch es geht Döblin um das Fanal einer apokalyptischen Endzeit ganz allgemein, die keine Sieger kennt.

Norbert Schaeffer hat für „Karl und Rosa“ neuerlich die beispielgebende Bearbeitung des abschließenden Kapitels des Erzählwerks vorgenommen, die Regie des insgesamt dreistündigen Stücks, von den Sendern in jeweils zwei Teilen à 90 Minuten ausgestrahlt, musste er sich diesmal aus gesundheitlichen Gründen versagen. Dafür ist dann Iris Drögekamp eingesprungen – und sie hat die Aufgabe wirklich sehr gut gemeistert. Ohne Brüche, Blessuren und Abstürze gelingt es, das akustische Panorama der ersten Produktion von 2014 (Teile 1 bis 3) fortzuschreiben. Enge Absprachen, so steht zu vermuten, zwischen Schaeffer und Drögekamp dürften der Grund für die nahtlose Weiterführung des Projekts gewesen sein, das erneut als Koproduktion von NDR und SWR – der dieses Mal die Federführung hatte – realisiert wurde.

Da die Besetzung von 2014 weitgehend erhalten oder nur marginal ausgetauscht oder ergänzt werden musste, bleibt der stimmliche Duktus und dessen Einfärbung erhalten. In den beiden Hauptrollen sind Wolf-Dietrich Sprenger und Judith Hofmann zu hören. Jan Hofers Nachrichtenstimme führt neuerlich durch das Dickicht der historischen Schauplätze und Ereignisse, erinnert an die Lebensdaten der historischen Protagonisten. Judith Hofmann vermag als Sprecherin der Kämpferin Rosa Luxemburg vor allem in den lyrischen Traumsequenzen und privaten ‘Entrückungen’ als politische Gestalt und leidende Geliebte zu überzeugen. Udo Kroschwald, der in einer Nebenrolle von Otto Wels zu sprechen hat, fasziniert durch die Brüchigkeit der Stimme.

Erneut stand Martina Eisenreich, Münchner Komponistin und Sounddesignerin an der dortigen Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), für die akustische Umsetzung des Hörspiels und seines zweiteiligen Finales zur Verfügung. Sie hatte schon in den ersten Hörspielteilen Viola, Violoncello und Kontrabass zur akustischen Signierung der ‘persönlichen’ Erzählstränge genutzt, während die historischen Konflikte und Zitate durch Trompetensignale in Quinten und offenen Intervallen das gesprochene Wort begleiteten oder abrissen. Die „Internationale“, wie kann es anders sein, nistet sich in „Karl und Rosa“ immer wieder in das Wort- und Schlachtgetümmel – bis auch dieser Klang zu verstummen hat.

Iris Drögekamp ist die Fortschreibung und der Abschluss der gigantischen Hörspieladaptation, neuerlich verbunden mit einer Armada von engagierten Sprecherinnen und Sprechern, zur vollen Zufriedenheit des Hörers, zu seinem Hörglück gelungen. Sie ist hier als Regisseurin zunächst in eine risikoreiche Fußspur getreten, wobei es vielleicht ungewiss war, ob die Schaeffersche Messlatte von 2014 nicht doch in zu großer Höhe lag. Doch das Ergebnis spricht für sich: Iris Drögekamp ist der Vorlage und den Vorarbeiten gerecht geworden, sie ist den gelegten Spuren selbstsicher gefolgt und hat an ein Meisterwerk des Hörspiels – man könnte meinen – mühelos anknüpfen können. Das polyphone Hörereignis des Scheiterns nach der Vorlage von Alfred Döblin hat einen würdigen Abschluss gefunden.

28.12.2015 – Christian Hörburger/MK