Oliver Kluck: Der Hund des alten Mannes (SWR 2)

Tanz der Eitelkeiten

15.07.2016 •

Oliver Klucks Theatertext „Der Hund des alten Mannes“ wurde im Mai 2014 im Stuttgarter „Theater Rampe“ uraufgeführt. Wie kaum anders zu erwarten, möglicherweise allerdings auch vom Autor erhofft, gab es dazu in den Rückblenden der Öffentlichkeit, der Fachkritik und in Blogs jede Menge Unmut und Nörgelei. Oliver Kluck hatte wieder einmal keine Botschaft fürs Publikum, keine „Aussage“, mit der man sich hätte zähneknirschend oder empört auseinandersetzen können. Den Radiohörern ist solche irritierende Einsamkeit nach dem Abhören seiner Hörspiele wie „Warteraum Zukunft“ (2010), „Die Froschfotzenlederfabrik“ (vgl. FK-Kritik) oder „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ (vgl. FK-Kritik) ebenfalls nicht unbekannt.

Die „Stuttgarter Nachrichten“ bemängelten anlässlich der Uraufführung von „Der Hund des alten Mannes“, dass Kluck mit allem abrechne, was er zu fassen bekomme. Die „Stuttgarter Zeitung“ fand, hier werde das Publikum „mit Sprachhülsen“ bombardiert, der Text sei „ein Sammelsurium von zu vielem“, es mangele an Verdichtung. „Und doch“, so das Blatt weiter, „beleuchtet er grell und spöttisch gesellschaftliche Wirklichkeit.“

Diese Wildheit und Sprunghaftigkeit beim Ausleuchten sämtlicher kultureller, wirtschaftlicher und tagespolitischer Fragestellungen in der Republik ist auch in der SWR-Funkeinrichtung die Richtschnur für die orgiastischen sprachlichen Exzesse. Spannend, entlarvend und ernüchternd wird Klucks lautstarker Rundumschlag gegen Nazi-Porsche, Hanns Martin Schleyer und Bertolt Brecht, den Kapitalismus und das Kulturprekariat vor allem dann, wenn Regisseur Leonhard Koppelmann mit bösscharfen Schnitten die kulturellen Theatereliten im O-Ton selbst zu Wort kommen lässt. John von Düffel, Ulf Schmidt, Christina Zintl, Sonja Anders und andere plaudern da als Theater- und Kultur-VIPs in elaborierten Kulturstatements, so dass ein rhetorischer Tanz der Eitelkeiten entsteht. Und das gänzlich im Dienste selbstreferenzieller Luftschlösser, die dem Grunde nach auf Publikum und demokratische Hinterfragung gänzlich verzichten können. Die Herausarbeitung dieses Aspekts in der Hörspielfassung gehört zum zentralen Plus der Funkeinrichtung.

Die manchmal doch sehr bemühte Aufspaltung der Textiraden zum Beispiel in die Aspekte Automobilindustrie, Autorenschaft, Theaterpreise („Wir zeichnen Sie einfach aus, weil Sie nämlich ausgezeichnet sind, wir decken Sie mit Preisen ein“), Rhetorik der Selbstbehauptung („Dranbleiben. Sich nicht abbringen lassen. Sich nicht zum Rundschlag gegen alle hinreißen lassen. Gezielt zuschlagen. Die Richtigen treffen. Nicht nachlassen.“) – das wirkt auf den Hörer auf Dauer ermüdend. Doch da hätte Kluck eine Antwort: „Ich schreibe keine Stücke, sondern Texte. Diese haben den Charakter eines Versuchs.“

Leonhard Koppelmann jagt in dieser „Versuchsanordnung“ Andreas Grothgar mal als Hund, mal als Hundehalter, mal schlicht als Sprecher durch den Theaterkunstundutopiebetrieb. Das überzeugt immer wieder, aber eben nicht immer, und wahrscheinlich hat Oliver Kluck nichts anderes gewollt. Kluck kann auf das Publikum verzichten, das weiß man schon länger. Und deshalb ist das Hörspiel für ihn sicher eine wunderbare Kulturvariante, weil die Hörer nicht zu sehen sind und er nicht weiß, was sie machen und ob es sie überhaupt gibt und ob sie ins Theater gehen oder ob sie wenigstens Klucks neuen Roman kennen, „ein Buch ohne Buch­staben, völlig leer, kein einziges Zeichen ist in ihm zu finden“.

15.07.2016 – Christian Hörburger/MK