Oliver Kluck: Die Froschfotzenlederfabrik (SWR 2)

Fürs Hörspiel kein Triumph

23.12.2011 •

Über Auszeichnungen kann sich der junge Dramatiker Oliver Kluck mit seinen 31 Jahren nun wahrlich nicht beklagen. Sein Text „Warteraum Zukunft“ (2010) wurde mit dem Kleist-Förderpreis bedacht, ein Jahr zuvor hatte Kluck für „Das Prinzip Meese“ den Förderpreis für Junge Dramatik des Berliner Theatertreffens erhalten. Und auch der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ließ sich im Sommer diesen Jahres nicht lumpen und bedachte das Talent mit dem mit 10 000 Euro dotierten Dramatikerpreis 2011, obwohl Kluck nun gerade die europäische und globale Wirtschaft nicht eben mit Samthandschuhen auseinandernimmt.

Die Wiener Tageszeitung „Die Presse“ sah sich bei Oliver Klucks jüngstem Theaterstück „Die Froschfotzenlederfabrik“ an Thomas Bernhard erinnert und fragte den Autor diesbezüglich in einem Interview, ob er ein Pessimist oder ein abgründiger Humorist sei. Daraufhin antwortete Kluck, wie im Online-Auftritt der „Presse“ weiterhin nachzulesen ist: „Die Fähigkeit, über eine hoffnungslose Situation Scherze zu treiben, ist für die Bewältigung meiner Aufgabe durchaus hilfreich. Meine Situation ist wirklich aussichtslos. Wie ein Grubenpferd schufte ich in einem Beruf, der mehr ein Behuf ist. Für alles andere habe ich mich durch Unvermögen disqualifiziert. Das Stück entsteht übrigens am Theater. Ich habe nur den Text geschrieben.“

Nun ist freilich der Südwestrundfunk (SWR) mit seiner am 16. Dezember ausgestrahlten Hörspielversion des Theaterstücks dem Wiener Burgtheater (Kasino am Schwarzenbergplatz) um Tage zuvorgekommen, denn die Uraufführung fand dort erst am 21. Dezember unter der Regie von Anna Bergmann statt. Wie die Inszenierung dort aufgenommen wurde, war bis FK-Redaktionsschluss nicht zu ermitteln. Für das Medium Hörspiel (Funkeinrichtung und Regie: Leonhard Koppelmann) war dieser späte Radioabend kurz vor Mitternacht auf alle Fälle kein Triumph, weil die Schlammschlacht um eine in einem „kommunalen Krankenhaus“ dahinsiechende Mutter zumindest am Lautsprecher nur wenig fesseln kann. Nicht viel besser verhält es sich mit den lasziven oder nymphomanisch disponierten Fabrikantentöchtern, wobei es eine davon mit dem ärztlichen Dienst an der offenen Hose lautstark treibt.

Das alles ist (mit dem Radio) so wenig erhellend wie auch das lausige Aufglimmen der bescheidenen Kritik an einer Textilfabrik und deren Besitzern. Der Autor erklärt hierzu dankenswerterweise seinem österreichischen Publikum im Interview mit der Zeitung aus Wien: „Es geht um eine Fabrik, die Spezialkleidung für Neonazis produziert. Die Froschfotze dient uns als Leihwort für einen minderwertigen Ersatz in ungeahnter Verwendung. Ursprünglich gedacht als Darstellung gewisser Eigenschaften, fungiert sie nun als Steigbügelhalter für unsere Geschichte, als verunglückte Allegorie auf ein glückloses Leben.“

Nein, dieses Theaterstück von Oliver Kluck funktioniert als Hörspiel überhaupt nicht, schon deswegen nicht, weil nahezu alle szenischen Einfälle nach optischer Umsetzung schreien. Und auch dort, wo sich versuchsweise eine radiophone Handschrift angeboten hätte, beispielsweise bei der Inszenierung des „Chors der Näherinnen“, da bleibt die Regie merkwürdig blass, fahl, unentschieden. Und akustisch gänzlich unzureichend ausgesteuert. Diese Radioeinrichtung eines Theaterstücks ist vollständig vergeigt und kann allenfalls im zeitlichen Wettbewerb der Medien untereinander auf der Habenseite für den SWR verbucht werden. Befragt nach seiner aktuellen Beschäftigung, woran er arbeite, antwortet Oliver Kluck: „Am Aufbau einer Fabrik, in der sich die Texte von selbst schreiben, so dass ich nur noch die Rechnungen gegenzuzeichnen habe.“ Da möchte ihm auch der Radiohörer sehr viel Erfolg wünschen.

• Text aus Heft Nr. 50-51/2011 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.12.2011 – Christian Hörburger/FK