Michel Decar: Philipp Lahm (Deutschlandfunk Kultur)

Die Banalität der Normalität

27.07.2018 • Der ehemalige Fußballspieler Philipp Lahm (Bayern München), der mit der deutschen Nationalmannschaft 2014 Weltmeister wurde, kann nicht nur auf eine erfolgreiche Karriere als Profi-Sportler zurückblicken, mittlerweile werden sogar Theaterstücke über ihn geschrieben. Ende 2017 hatte am Münchener Residenztheater die Aufführung von Michel Decars Bühnenstück „Philipp Lahm“ Premiere, das nun auch in einer Radiofassung vorliegt. In dem vom Autor selbst inszenierten Hörspiel, das Anfang Juli im Programm des produzierenden Senders Deutschlandfunk Kultur urgesendet wurde, hört man in der Titelrolle die Stimme des Schauspielers Lukas Darnstädt. Er verkörpert allerdings keinen auf Recherche basierenden, sondern einen ausgedachten Philipp Lahm, eine Figur, die – wie Decar selbst sagte – „wunderbar in die Nullerjahre, in die Zehnerjahre, in die Regierungszeit von Angela Merkel“ passe.

Mit dieser an das reale Vorbild angelehnten, aber in Bezug auf dessen angebliche Normalität und Langweiligkeit ins Groteske überzeichneten Fantasiefigur eines Philipp Lahms macht die Funkbearbeitung den Hörer Szene für Szene vertraut. Insgesamt gibt es 67 Szenen in dem Stück. Ganz ruhig wird samt Regieanweisungen der Text vertont. Über die eingelesenen Regieanweisungen wird Lahm in verschiedenen banalen Alltagssituationen dargestellt; dabei werden teils absurde Szenenlängen angesetzt. Philipp Lahm beim Zähneputzen, Philipp Lahm beim Abwasch, Philipp Lahm beim Buchen einer Reise oder Philipp Lahm beim Streicheln seiner Kaninchen. Auch die immergleichen Interviews mit wechselnden Medien werden als Teil von Lahms Alltag vorgestellt und sind die einzigen Dialogpassagen. Außerdem kommen kurze Monologe hinzu, in denen Philipp Lahm Auskunft über sein Inneres gibt.

Diese allgemeine Entspanntheit, wie die Szenen vertont werden, steht dabei im Kontrast zu den im Hörspiel auftauchenden Abgründen in Philipp Lahms Psyche. So zeigt sich etwa bei einem Interview mit einem Sportreporter, der ihm mangelnde Konfliktfähigkeit vorwirft, worauf Lahm dann eine Story von sich als Geisterfahrer auf der Autobahn erzählt. Ebenfalls herausstechend ist, wenn einzelne Teile der an sich schon aberwitzig vielen Aufzählungen, mit denen auf allen Ebenen gearbeitet wird, aus der Reihe tanzen. So etwa in der Szene, als Lahm einer Schülerzeitung ein Interview gibt, bei dem von der Interviewerin unterschiedlichste Fragen zu Gedanken- und Gefühlswelt, Privat- und Berufsleben atemlos und ohne Unterbrechung aneinander gereiht werden. Lahm arbeitet entspannt, aber ebenso pausenfrei die einzelnen Punkte ab. Aus dem Rahmen fällt dann seine Antwort auf die Frage, wie er damit umgehe, von Millionen Menschen geliebt zu werden, aber selbst nur wenige Menschen zu lieben: „Und diese Liebe, die ich jeden Tag von Millionen empfange, speichere ich wie ein kalter, schwarzer Diamant, in dessen Inneren Blitze zucken, und die Energie von tausend Atombomben […]“ – auf eine irritierte Unterbrechung durch die Fragestellerin hin korrigiert sich Lahm und beantwortet erneut alle Fragen, diesmal mit pressetauglichen Standardformulierungen.

Das softe Gebaren Philipp Lahms erscheint in Michel Decars Hörspiel als Handlungs-Output einer Person, die in Gedanken unvermittelt mit dem Durchspielen von Konflikt- und Gewaltszenen und deren Unterdrückung beschäftigt ist, wenn auch nur unbewusst. Die von Philipp Lahm nach außen getragene übersteigerte Normalität (er braucht etwa eine Dreiviertelstunde, um Essen beim Lieferdienst zu bestellen, und entscheidet sich am Ende für eine Pizza Margherita) ist hier allerdings nicht die inszenierte von einem Menschen mit geheimen düsteren Absichten, sondern treuherzig ‘authentisch’. Fernzusehen und früh ins Bett zu gehen, könne man nicht performen, denn es sei eine Haltungsfrage, lässt der Autor seinen Titelhelden an einer Stelle sagen.

Was man da eigentlich hört, klärt Decar über den Kunstgriff einer Herausgeberfiktion. Er lässt in der Mitte des rund 55-minütigen Stücks einen Drehbuchautor auftauchen, der erklärt, ursprünglich habe es sich bei der Arbeit über Philipp Lahm um einen Auftrag aus dem indonesischen Kulturministerium gehandelt. Aber auch nach dem Verlust des Auftrags blieb der eventuell als Alter ego von Decar fungierende Autor besessen von der Figur Lahm. Denn anders als die Helden aus den üblichen Dramen steht in dessen Augen Lahm für absolute Konfliktfreiheit und eine neue, smoothe Dramaturgie. Was der Autor mit diesem Kunstgriff und mit seinem Hörspiel insgesamt konkret aussagen möchte, das bleibt eher im Ungefähren.

Ob „Philipp Lahm“ auch den Zeitgeist widerspiegeln soll? Vielleicht. Denn ein wenig handelt das Stück auch davon, wie oberflächliche Selbstbeherrschung letztlich doch sprachliche Verrohung und einen Verlust an Menschlichkeit hervorbrechen lassen kann – ob nun bei einem Individuum oder bei einer Gesellschaft, die sich binnen drei Jahren von jeglicher Willkommenskultur verabschiedet hat und die Grenzen für verfolgte oder notleidende Menschen weitgehend schließt.

27.07.2018 – Rafik Will/MK