Dawn King: Mein Ein und Alles (SWR 2)

Hörigkeiten

25.05.2015 •

„Stalken“ oder „Stalking“ hat sich fast schon, so könnte der Eindruck sein, den Status eines Modeworts oder -begriffs erworben. Immer häufiger ist von diesem Phänomen die Rede. Wem etwa leichtfertig oder auch aggressiv am Telefon nachgestellt wird, der hat es möglicherweise mit einem Stalker zu tun, der Böses will und sein Opfer am anderen Ende der Leitung mit Liebesbeteuerungen zu quälen sucht. Zum Tatbestand der „Nachstellung“ heißt es unter Paragraph 238 des Strafgesetzbuchs etwas umständlich: „Wer einem Menschen unbefugt nachstellt, indem er beharrlich seine räumliche Nähe aufsucht, unter Verwendung von Telekommunikationsmitteln oder sonstigen Mitteln der Kommunikation oder über Dritte Kontakt zu ihm herzustellen versucht, unter missbräuchlicher Verwendung von dessen personenbezogenen Daten Bestellungen von Waren oder Dienstleistungen für ihn aufgibt oder Dritte veranlasst, mit diesem Kontakt aufzunehmen, ihn mit der Verletzung von Leben, körperlicher Unversehrtheit, Gesundheit oder Freiheit seiner selbst oder einer ihm nahe stehenden Person bedroht oder eine andere vergleichbare Handlung vornimmt und dadurch seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Die 1978 geborene britische Erfolgsdramatikerin und Hörspielautorin Dawn King – deren Theaterstück „Foxfinder“ 2014 vom SWR als Hörspiel adaptiert wurde – spielt in ihrer neuen Produktion „Mein Ein und Alles“ (Übersetzung aus dem Englischen: Anne Rabe) die Szenarien des „Telefonterrors“ zwischen Liebespaaren, Tagesabschluss-Gefährten und Freunden des One-Night-Stands radikal, frech und auf hohem kriminalistischen Niveau durch. Die durch den perfiden Stalker Noah (Thomas Wodianka) gequälte Layla (Katrin Wichmann) ist nicht nur Opfer ihrer nächtlichen Bettgeschichte, sondern wird selbst zur raffinierten und schamlosen Nachstellerin ihrer Nebenbuhlerinnen und Konkurrentinnen. Das alles wird in dem temporeichen Hörspiel, in dem es fortwährend piepst, klingelt, fiepst und rauscht, mit Bravour und Sarkasmus an Handy, Festnetz und AB durchgespielt. Schlussendlich wird das Opfer selbst zur Täterin, verheddert sich aber dann doch in den ausgelegten Schlingen der eigenen Racheakte.

Regisseurin Heike Tauch macht in den ersten 35 Minuten des knapp 50-minütigen Hörspiels ihre Sache sauber, glatt und gut, doch im Finale wird es für den Hörer dank wilder Telefon- und Perspektivwechsel kaum noch möglich, zu entwirren, wer hier gegen wen agiert und seine Fallen stellt. Wenn der Schein nicht trügt, könnte die Manuskriptvorlage ursprünglich für einen Film gedient haben, zumal viele Vorgänge nach optischer Umsetzung geschrien haben oder nur dort verständlich werden können. (Wer hier zum Beispiel wem im Treppenhaus körperlich nachstellte und handgreiflich wurde, das war schon ziemlich rätselhaft.)

Nein, es war vor allem der Start, die breite Exposition dieses telefonisch geerdeten Psychodramas, was zu fesseln vermochte. Dass der Spannungsbogen schließlich dramaturgisch nicht mehr zu halten war und riss (zumindest im Hörspiel), weil da einiges durcheinander ging, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Auf alle Fälle zeigt Dawn King neuerlich ihr dramatisches Talent, diesmal eingepackt in eine höchst spannende Abhandlung über korsettierte Liebesbezeugungen und Abhängigkeiten am Telefon, Hörigkeiten, die in den Abgrund führen.

25.05.2015 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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