Marguerite Duras: Yes, vielleicht (SFB/SWF)

Mogelpackung

05.01.1990 •

Mancher frühe Dialog der Goncourt-Preisträgerin Marguerite Duras ist von den Hörspieldramaturgien als Hörspiel reklamiert worden; „Ganze Tage in Bäumen“, „Die Krankheit Tod“, „Die englische Geliebte“, „Agatha“ oder „Savannah Bay“ gehörten hierzu. Dass es sich dabei von Fall zu Fall auch um ein (geglücktes) Missverständnis handeln könnte, ist nicht immer bemerkt oder gar diskutiert worden, schließlich bestach stets die kristallklare Sprache der Autorin, eine Bewegung des Sprechens und Zuhörens, die selbst im Nullpunkt der Kommunikation den Sprechakt selbst zum Drama stilisierte.

Jetzt, nach 21 Jahren, hat der Sender Freies Berlin (SFB) in Koproduktion mit dem Südwestfunk (SWF) Duras’ Bühnendrama „Yes, vielleicht“ entdeckt. Ein geduldiges Titelblatt auf dem Sendemanuskript treibt nochmals Schabernack mit dem Leser. Ihm wird weisgemacht, er vertiefe sich von nun an in ein Hörspiel, obwohl doch die Regieanweisung schon davon spricht: „Ein kahles Gelände. In der Ferne Konturen von Hügelzügen. Die ganze Landschaft ist einförmig beige. [...] Die Personen sind barfüßig. Jede trägt unter dem Arm einen schwarzen Apparat in der Art eines Zählers, der dazu dient, die Radioaktivität der Umgebung zu bekämpfen. Man hört das Ticken der Zähler oder auch nicht.“

Nun, das lange Zögern, eine Hörfunkfassung zu erstellen – das kann im Einzelfall auch bedeuten: ein schlichtes Adaptionsversprechen ohne veritable Einlösung, eine Mogelpackung –, hatte auch objektiv sehr gute Gründe: Die Inszenierung des Vergessens, die „Sprachwüste“ zweier Frauen nach dem Endpunkt eines Atomkrieges, sie ereignete sich 1968 auf der Bühne jedenfalls im Angesicht einer dritten, stummen Person. Ein zerstörter und entmenschlichter „Kriegskörper“ – ohne Stimme – erinnert symbolisch, wie von fern, an das Geschehen. Die Frauen (A und B) benötigen diesen Leichnam-Kadaver für die eigene Amnesie, für das Hineintauchen in den schrecklichen Mythos der menschlichen Zerstörung. Dieser Bezug zu dem stummen Zeugen des Krieges musste sich in einem Hörspiel ohne signifikante Bearbeitung –selbstverständlich – auflösen. Die Akzente des Restdialogs zwischen den Frauen verschieben sich dadurch merklich, erfahren letztlich sogar eine Verzerrung, da der Kontext nicht mehr gewahrt werden kann.

Agnes Fink und Sybille Canonica sprachen die visionäre Apokalypse mit befremdlicher Schlichtheit. Das Exemplarische und Singuläre der Wüstenprojektion konnte sich dem Hörer am Radioapparat nicht mehr vermitteln. Regisseurin Marguerite Gateau schien ganz auf logopädische Arztpraxis gesetzt zu haben, legitim und doch gänzlich unzureichend. Existentielle Aspekte blieben in diesem post-atomaren Stakkato verschüttet. Marguerite Duras hat mit dem exzellenten Zweieinhalb-Personenstück kein Hörspiel geschrieben. Ist das so schwer zu begreifen? Es war nicht klug, falls Madame Duras hier überlistet worden ist. Der Verwertungszwang treibt immer wieder Blüten. Bis in die Dramaturgien. (Die Ursendung des 72-minütigen Stücks war am 17. Oktober 1989 im SFB-Hörfunk erfolgt.)

• Text aus Heft Nr. 1/1990 der Funkkorrespondenz(heute: Medienkorrespondenz)

05.01.1990 – Christian Hörburger/FK