Klasse statt Masse: Bei den Zonser Regionalhörspieltagen 2016 geht der Hauptpreis an das Stück „Altes Land“

27.05.2016 •

Im niederrheinischen Zons kamen jetzt wieder Autoren und Macher von Regionalhörspielen mit Redakteuren und Kritikern zum jährlichen Branchentreffen zusammen. Mit dabei waren vom 11. bis 13. Mai Teilnehmer der ARD-Sender und des Schweizer Rundfunks SRF. Kern der Zonser Hörspieltage ist der Regionalhörspielwettbewerb, bei dem eine Jury die besten drei Mundartproduktionen der vergangenen zwölf Monate auszeichnet.

Unter den acht Einreichungen für den Wettbewerb waren fünf ‘erzählte Stücke’, in denen ein Erzähler die Handlung gliedert und vorantreibt. Nun ist diese Art der Hörspieldramaturgie nicht gerade avantgardistisch. Aber verschiedene Radiomanuskripte mit regionalen Themen gehen bei literarischem Anspruch auf Romanvorlagen zurück, die in der Regel gekürzt werden müssen. Die Spielszenen sind in Mundart produziert, die verbindende Erzählung wird auf Hochdeutsch gesprochen.

Dem Wettbewerb voraus ging auch dieses Mal eine Situationsbeschreibung des Genres Regionalhörspiel in den öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogrammen. Dabei wurde bemängelt, dass zu wenige gute Repertoirestücke wiederholt würden. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass ältere 90- oder 120-Minuten-Hörspiele nicht mehr in die heute üblichen kleineren Programmplätze eingepasst werden könnten. Aus der Schweiz kamen zudem Bedenken, dass auf den früheren Produktionen „viel Staub“ liege. Man krame heute nicht wahllos in den Archiven, sondern verbinde gezielt Altes mit Neuem. Aus dem WDR kam die ernüchternde Mitteilung, dass im Landesstudio Münster aufgrund der Anfang dieses Jahres in Kraft getretenen Hörfunkreform (vgl. MK-Artikel) die Produktion von westfälischen Mundarthörspielen endgültig eingestellt worden sei.

Vorbei: Westfälische Stücke aus Münster

Mit den insgesamt acht für den Wettbewerb eingereichten Stücken war die Zahl der um den Preis konkurrierenden Hörspiele diesmal relativ bescheiden. Dass neben den ARD- und SRF-Beiträgen heuer kein Mundarthörspiel vom Österreichischen Rundfunk (ORF) im Wettbewerb war, hing damit zusammen, dass der ORF zwar ein Stück nach Zons geschickt hatte, dieses aber nicht den Regularien entsprach.

Die kleine Anzahl der vorliegenden Produktionen wurden indes durch die gute Qualität der Stücke ausgeglichen, so dass für Zons 2016 gleichsam das Motto ‘Klasse statt Masse’ galt. Ein Beispiel dafür war das Hörspiel „Der Tod und die Schweine“ von Holger Siemann, das noch aus dem WDR-Landesstudio Münster kam. Hier war mit viel Witz, einem großen Einsatz von Laiensängern und einer bewährten Regie von Claudia Johanna Leist eine westfälische Kriminalgroteske gelungen, die en passant einen Aspekt lokaler Interessenpolitik kritisch beleuchtete.

Mit zwei gefälligen Produktionen aus Freiburg und Tübingen war der SWR vertreten. Beide Stücke wurden im Programm SWR 4 Baden-Württemberg ausgestrahlt. Dabei handelte es sich um „Die drei gerechten Kammmacher“ (Koproduzent: SRF), eine Adaption der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller durch Luise Besserer, und um Joachim Zelters Hörspiel „Die Sendung“ (vgl. MK-Kritik), ein Stück mit autobiografischem Einschlag.

Pustertaler Südtirolerisch

In dem von Deutschlandradio Kultur eingereichten Stück „Unseres Herzens Gordischer Knoten“ (vgl. MK-Kritik) von Klaudia Ruschkowski war ein Gespräch mit Mary de Rachewiltz, der Tochter von Ezra Pound, in ein Hörspiel eingebaut worden. Die Mehrsprachigkeit der betagten Protagonistin – unter anderem wurde Italienisch und Englisch gesprochen, dazu Pustertaler Südtirolerisch – deutete ihr Leben zwischen Abgeschiedenheit und Weltläufigkeit an. Bei dieser Produktion kam die Frage auf, ob der nur in ganz wenigen O-Tönen hörbare Pustertaler Dialekt ein entscheidendes Kriterium für die Definition als Mundarthörspiel im Sinne der Zonser Regularien sein könne.

Das SRF-Stück „Warte uf Bodo“ von Fritz Sauter war eine parodistische Abwandlung von Becketts existenzialistischem Klassiker „Warten auf Godot“ und hatte eine andere Besonderheit aufzuweisen: Die Rollen der Protagonisten wurden sämtlich vom Schauspieler Walter Andreas Müller gesprochen, in Berner, Züricher und Ostschweizer Mundart. Einen „Kunstdialekt“ nahmen einige im Stück „Was uns trennt“ (vgl. MK-Kritik) wahr, das von Chris Ohnemus stammt und vom Saarländischen Rundfunk (SR) produziert wurde. Die teils irreal wirkende Geschichte spielt im Schwarzwald und also nicht im SR-Sendegebiet; allerdings ist der Geburtsort der Autorin Chris Ohnemus das Schwarzwald-Städtchen Lahr.

Im niederdeutschen Hörspiel „Altes Land“ (Radio Bremen/NDR), eine Adaption des gleichnamigen Romans von Dörte Hansen durch Wolfgang Seesko (Bearbeitung/Regie), wird ein Bauernhaus im Alten Land südlich von Hamburg zur Bühne von Auseinandersetzungen zwischen einer einheimischen Bäuerin und Heimatvertriebenen aus Ostdeutschland während der Nachkriegszeit. Es war am Ende diese Hörspielfassung von „Altes Land“, erstausgestrahlt am 24. April 2016 Nordwestradio, an die der mit 2500 Euro dotierte Hörspielpreis der „Stiftung Kulturpflege und Kulturförderung der Sparkasse Neuss“ ging. Gewürdigt werde damit, wie es seitens der Jury hieß, die Werktreue, die aus dem mancherorts ausufernden Original eine radiophone Neuschöpfung ohne Verfälschung gemacht habe; dabei seien gleich zwei Mundarten originär herausgestellt worden. Redaktionell verantwortlich für die Produktion „Altes Land“ war Hans Helge Ott von Radio Bremen. Auch im vorigen Jahr hatte mit „Rogge“ von Helga Bürster ein von Radio Bremen und NDR produziertes niederdeutsches Stück den Zonser Regionalhörspielpreis gewonnen (vgl. MK-Artikel)

Preis auch für das Mundartarchiv

Der zweite Preis des diesjährigen Wettbewerbs ging an „Unseres Herzens Gordischer Knoten“, den dritten Preis erhielt das Stück „Der Tod und die Schweine“ (diese beiden Auszeichnungen sind undotiert). Der mit 1000 Euro dotierte Zonser Schauspielerpreis wurde Sönke Möhring zuerkannt für seine Leistung in der westfälischen „ARD-Radio-Tatort“-Folge „Calibra oder die Geißel Gottes“ (Autor: Dirk Schmidt). In diesem vom WDR produzierten Stück spielte Möhring eindrucksvoll einen der schrägen uniformierten Typen aus einer fiktiven Polizeiwache in Hamm.

Das „Internationale Mundartarchiv Ludwig Soumagne“, das seit über 20 Jahren die Regionalhörspieltage und die Preisverleihung im Zonser Schloss ausrichtet, erhält in diesem Herbst selbst einen Preis: Es wird für „sein Bemühen, Dialekte als festen Bestandteil der lebendigen Alltagssprache zu dokumentieren und zu sammeln“ mit dem „Initiativpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet. Damit werde „auch die Bedeutung der Dialekte für die deutsche Sprache“ gewürdigt, erklärte die Jury des dreigeteilten „Kulturpreises Deutsche Sprache“. Neben dem Zonser Mundartarchiv erhält die Schauspielerin Katharina Thalbach den „Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache“ und das Projekt „Deutschsommer“ der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt wird mit dem „Institutionenpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet.

27.05.2016 – MK