Susanne Ayoub: Gemischtes Doppel. Mundarthörspiel (SWR 4 Baden‑Württemberg)

Verwirrspiel

09.08.2015 •

09.08.2015 • Kriminalfälle, fiktive und historisch gegründete, sind die Spezialität der österreichisch-irakischen Schriftstellerin Susanne Ayoub. Davon zeugen unter anderem ihre Krimis „Engelsgift“ (2004), „Schattenbraut“ (2006), „Mandragora, Roman eines Verbrechens“ (2010). Auch ihr Kriminalhörspiel „Hinkel“, das 2014 im Deutschlandradio Kultur urgesendet wurde (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 20/14), oszilliert zwischen zeitgeschichtlichen Anmerkungen und dem freien Spiel der Erzählung.

Auf dem Sendeplatz für das schwäbische Mundarthörspiel bei SWR 4 Baden-Württemberg war jetzt unter dem Titel „Gemischtes Doppel“ neuerlich ein explizites Kriminalhörspiel der Autorin platziert, das zwar in der Hölderlin-Metropole, genauer auf dem Polizeikommissariat in Tübingen, spielt, ansonsten aber nur ganz randständige Bezüge zum Neckar aufzuweisen hat und in ihm auch, wen wundert’s, keinerlei Schwäne ihr Haupt „ins heilignüchterne Wasser“ tunken. Die Bluttat und der Fall hätten sich auch ganz ohne Not in Hannover, Hiddensee oder in Garmisch ansiedeln lassen, zumal die Einbringung von zartestem Lokalkolorit nur den Sprechern Janin Röder, Renate Winkler und Bernd Gnann (beheimatet im schwäbischen Aulendorf) gestattet war.

Immerhin der Plot selbst über ein quadrigisch angeordnetes Ehe- und Beziehungsgeflecht – beginnend mit einem blutigen Mord in der ersten Sendeminute mittels eines scharf geschliffenen Stilettos – war fein und zugleich hochkomplex geschürzt: „Wir hatten doch alle eine Beziehung miteinander, zwei befreundete Paare, beide kinderlos, viele gemeinsame Interessen. Aber natürlich nicht inklusive Sex, das ging zu weit“, sagt die Ehefrau des Ermordeten. Im Lügen, Täuschen und Flattieren sind die beiden Paare bestens eingeübt und man heuchelt zugleich seit Jahren die dickste Freundschaft untereinander, während man heimlich „Bäumchen wechsle dich“ spielt und auf Vernichtung des angetrauten Ehepartners sinnt. Doch nun ist einer der beiden Männer tot und die Polizei ermittelt.

Susanne Ayoub versteht es glänzend zu verdächtigen und jede Menge falsche Fährten für den Hörer zu legen, dergestalt, dass das Verwirrspiel sogar manchmal überhand zu nehmen scheint, zumal dann, wenn akustisch nicht immer einsichtige Rückblenden in das Hörgeschehen eingebaut sind, die ohne Not weitere dramaturgische Fragezeichen auftürmen. Im Kriminalfilm wären derartige Sprünge lustvoll zu genießen; hier, im Hörspiel, war es freilich manchmal des Guten zu viel. Erwähnenswert ist im Zusammenhang des Hörspiels auf alle Fälle eine gewisse Laila, die als Praktikantin auf dem Polizeirevier mit hochlautender Stimme und besserwisserischen Anmerkungen für gute Stimmung bei der Aufklärung des Verbrechens sorgt. Lucie Emons sprach mit Lust und Pfiff diese feine Rolle, die nach und nach auch Klarheit ins allgemeine Verwirrspiel brachte.

Regisseur Günter Maurer führte mit sicherer Hand durch das Gestrüpp der Alibis, Mutmaßungen und Verdächtigungen, bis Kommissar Bullberg den erlösenden Satz sprechen darf: „Joseph Petermann, ich verhafte Sie wegen Mordes an Oliver Wüst.“ Na also, geht doch – atmet der Hörer erleichtert auf und fragt sich, was das alles mit der Polizeidirektion Tübingen zu tun haben sollte und was Uhland, Silcher oder Hölderlin dazu wohl auf Schwäbisch gesagt hätten.

09.08.2015 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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