Hugo Rendler: Tinnitus. Mundarthörspiel (SWR 4 Baden‑Württemberg)

Lieb gemeint, aber zahnlos

11.04.2015 •

11.047.2015 • Der Autor und Ex-Krankenpfleger Hugo Rendler breitet sein breites und fundiertes Wissen über Krankenhäuser, Altenheime und Pflegestationen einerseits wie zur Innenansicht von Operationssälen und der Situation der Siechen und Kranken andererseits immer wieder mit boshafter Auf- und Zudringlichkeit in seinen Hörspielen aus. Biografisch gestützte Berufserfahrung wird dabei gerne lustvoll satirisch gewendet und lässt den Hörer an der brüchigen Pflege- und Reha-Situation in unserer Republik teilhaben.

Diesmal besucht Rendler in seiner SWR-4-Mundartkomödie (und das freilich nicht zum ersten Mal) eine Seniorenresidenz, in der es zu einer amüsanten und ziemlich schrägen Begegnung zwischen Vater und Sohn kommt (gespielt von Jörg Adae und Andreas Klaue). Wer hier der Pflege und Fürsorge bedarf ist nicht einmal so ganz ausgemacht, denn auch das vermeintlich pflegende und ärztliche Personal (Kathrin Hildebrand und Martin König) schlägt immer öfter über die Stränge, will sagen: Man trifft sich rund um die Uhr zu quietschfidelen Schäferstündchen in jenen Appartements, die gerade freigeschaufelt werden konnten. Und so ist es kein Wunder, wenn die Pflegerin Carolin mittels Diensthandy immer wieder zu lustvollen Aufgaben, die sie nur allzu gerne erfüllt, gerufen wird.

Obwohl uns Hugo Rendler normalerweise über Krankheitsbilder wie Demenz (vgl. „Finkbeiners Geburtstag“ aus der Reihe „ARD Radio Tatort“, SWR 2010) oder ganz allgemein über Organtransplantation („Dazwischen“, SWR; vgl. FK-Heft Nr. 21-22/12) stets ausführlich und mikroskopisch genau zu unterrichten weiß, bleibt der Autor diesmal ganz entgegen aller Gewohnheit die genauere Analyse und Beschreibung der titelschenkenden Erkrankung Tinnitus schuldig. „Tinnitus“ führt demnach in Sachen Tinnitus auf den Holzweg oder doch in die Irre und erweist sich als nicht ausgelotet.

So lässt sich alles in allem sagen, dass wir von Hugo Rendler im Kontext seiner satirischen Begabung schon Witzigeres und Spannenderes hören durften. Sein lieb gemeintes, aber nahezu zahnloses neues Mundarthörspiel bleibt, es sei verhalten geklagt, unter dem Niveau des badisch-alemannischen Kobolds und Vielschreibers für Film, Funk und Fernsehen. Regisseur Günter Maurer konnte da im Studio nichts aufpeppen oder stützend eingreifen. So entstand in der Summe ein allenfalls wackeres, jedoch keineswegs umwerfendes Samstagsabend-Hörspiel, bei dem geübte Hörer und deren Hände sich zeitgleich und synergetisch auch mit Kreuzworträtseln oder der Zubereitung des Sonntagsbraten beschäftigt haben dürften. Man sollte es ihnen nicht verdenken – und auf einen neuen Rendler hoffen.

11.04.2015 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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