Klaudia Ruschkowski: Unseres Herzens Gordischer Knoten. Diskretionen von Mary de Rachewiltz, der Tochter Ezra Pounds (Deutschlandradio Kultur)

Die Chancen der Grenzüberschreitungn

24.07.2015 •

Grenzüberschreitungen bergen stets ebenso Risiko wie Chance. Wo das Gelingen überwiegt, können sich neue Horizonte eröffnen. Die Autorin Klaudia Ruschkowski, der Regisseur Giuseppe Maio und die Dramaturgin Ulrike Brinkmann haben es gemeinsam versucht. Und es ist gelungen.

Klaudia Ruschkowski beschäftigt sich in ihren Radioarbeiten mit Künstlern, die nicht auf Shortlists des Mainstream stehen. Ihr Stück „Im Bild versinken. Giuseppe Zigaina und Pier Paolo Pasolini (Deutschlandradio Kultur, Regie: Giuseppe Maio) wurde im Mai 2011 Hörspiel des Monats. Nun geht sie den Lebenswegen und Denkwelten einer alten Dame nach, die – fast wie im Märchen – auf ihrer Burg im Pustertal lebt und trotz ihrer eigentlich amerikanischen, aber auch Südtiroler Herkunft einen russischen Adelsnamen trägt: Mary de Rachewiltz ist die Tochter von Ezra Pound, dem bedeutenden, aber auch verfemten Dichter, den manche (wie etwa der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld) einen „Seher“ nannten, in dem andere – viele andere – jedoch einen Speichellecker Mussolinis und glühenden Antisemiten sehen.

In ihrer Arbeit als Übersetzerin der Werke ihres Vaters (wie etwa der berühmten „Cantos“), aber auch in ihrem Buch „Discretions“ hat Mary de Rachewiltz alles ihr Mögliche getan, das Bild Ezra Pounds als Autor und Mensch zurechtzurücken. Klaudia Ruschkowski und Giuseppe Maio, der sich mit Hörspielen und erzählerischen Features sowohl als Autor wie auch als Regisseur einen Namen gemacht hat, begeben sich auf akustische Spurensuche in Pounds Werk und das Leben seiner einzigen Tochter. Beider Herzen, so heißt es an einer Stelle in den „Cantos“, seien ineinander verschlungen wie „unseres Herzens gordischer Knoten“ – unauflöslich, es sei denn durch einen Schwertstreich.

„Spurensuche“ wäre ein „klassischer“ Ansatz für ein Feature – gäbe es da nicht das Ineinanderfließen, das hinreißend artifizielle Flottieren zwischen Imagination und Fakten, Bodenständigkeit und Pose, zwischen der oft seltsam fremden, statuarischen Sprachgewalt von Pounds „Cantos“ (teilweise von ihm selbst mit histrionischer Allüre vorgetragen) und dem unbekümmert, heiter gesprochenen „Puschtertälerisch“ der 90-jährigen Mary de Rache­wiltz, die immer wieder hineinspringt in ein dialektal eingefärbtes Italienisch ebenso wie ins Englische.

Dezent werden sorgsam aufgenommene, aber auch historische O-Töne eingesetzt, niemals schnellen sie auf- oder vordringlich aus den akustischen Bildern. Grenzüberschreitungen auch in Klang und Sprache, Grenzverwischungen vielmehr, die nicht nur das sprachlich und musikalisch geschulte und interessierte Gehör ansprechen. Folkloristische Koloraturen werden sorgsam vermieden. Allenfalls sind bukolische Szenen der Pustertaler Kinderjahre der Mary de Rachewiltz mit Alphörnern eingefärbt, gelegentlich auch mit etwas vorwitzig beigemischten Jodlern, was man aber durchaus als kleine musikalische Allegorie auf die Unbekümmertheit und Verspieltheit des „Moidele“ verstehen könnte. Ein „Bauernmädel“ – mehr war Mary nicht für ihre Mutter Olga Rudge, eine mäßig bekannte amerikanische Geigerin und eine der vielen (wenngleich vielleicht langlebigsten) Trabantinnen des Dichters, der sich so gerne als neuer Homer sah.

Mary wurde wegen ihrer illegitimen Herkunft von ihren damals in Venedig lebenden Eltern zu Pflegeleuten in den winzigen, im Tauferer Ahrntal gelegenen Ort Gais gegeben, ja, dort versteckt. Aus dem Pustertaler Kind ist schließlich durch Heirat in sehr jungen Jahren eine „Nobildonna“ geworden, Schlossherrin auf der Brunnenburg in Südtirol, Mutter zweier Kinder, Übersetzerin, selbst Autorin und ein Mensch von großem, weitem Geist, ohne die Schlacken, die Autodidakten gelegentlich anhaften. Dass das Werk ihres Vaters übersetzt, ediert und für die Nachwelt bewahrt wurde, ist ihr Verdienst.

Die rund 90-minütige Hörproduktion mutiert durch bewusste und gewollte Grenzausweitung herkömmlicher Gattungsbegriffe zu einem Bildungserlebnis, ohne dass man über diesen Begriff die Nase zu rümpfen bräuchte. Es ist ein akustisches Erlebnis der Begegnung vieler politischer und geistiger Schichten und Verwerfungen, ein Dokument von menschlicher Hybris und Bescheidenheit und eine verstörende Dichotomie von Bukolik und Faschismus. Die originalen Stimmen von Mary de Rachewiltz und ihrem Vater sind eindrucksvoll, eine unerwartet authentische Begegnung. Ergänzt werden diese Originalaufnahmen durch die sorgfältige Besetzung der interpolierten Autorenpassagen mit Sibylle Canonica (Mary), Erik Hansen (Ezra Pound) und, allen voran, Elfriede Irrall (Same-Mamme, Marys Pflegemutter).

Alle Schauspieler haben einen jeweils ganz eigenen, aber sich in die Orchestrierung der anderen Stimmen einfügenden Zugang zu der von ihnen verkörperten Figur. Die Grenzen zwischen authentischer und gestalteter Figur verschwimmen ineinander, flottieren subtil und temperamentvoll – es ist ein Vergnügen der besonderen Art.

24.07.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK